Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 29 (23.10.1892)
- Date
- 1892-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Freies Blatt. fälschter Karten eingefunden, welche nach ihrer Zurückweisung durch die Ordner in lärmender Weise sich den Eingang zu erzwingen suchten. Als diese Anstrengungen größtentheilS erfolglos blieben, bildete sich in der Einfahrt ein dichtes Spalier von etwa <!() Antisemiten,, welche fast jeden ünkon,inenden fortschrittlichen Wähler mit höhnischen Zurufen begrüßten. Kurz vor halb 8 Uhr kam Tr. Kronawcltcr, und nun ging ein Hauptspectakel loö. Die Aiitiscuiilc» suchten de» Abgeordneten;n umringen; sie riesen ihm zu : „Pfui Kronawettcr!" „Judcnknccht!" „Judenliberalcr!" „Scelcnschachcrcr!" rc. Mit einiger Mühe gelangte i~r. Kronawettcr in den Saal, und nun versuchte» die Antiscmitc» einen neuerlichen Ansturm, der jedoch keinen Erfolg hatte. Kurze ,^eit darauf erschien der RcgierungSvcrtrctcr, Polizcicomiiiisiär Brück, welcher zur Aufrcchtcrhaltung der Ordnung Wache rcguirircn und vor dem Thorc und in der Einfahrt postircn ließ. Tcunit hatte der Soandal auf der Straße, welcher unter den 4.'nf(aiitcn einiges Auf sehen erregt hatte, sein Ende erreicht. Trotz der ergrisfcncn Borsichts „iaßrcgcln hatte sich aber eine Anzahl von Antiscmitc» cingcdrängt, loclchc jeden Anlaß ergriff, durch Zwischenrufe zu stören. »nd de» Un willen der Versammlung hcraufzubcschwören. Tiesclbcn provocirtcn .nich während der Rede Kronawettcr'» eine» so argen Erccß, daß sic eie Auslösung der Bersammlung hcrbcisührtcu. lieber den Verlauf, welchen die Bersammlung genommen hatte, liegt un» folgender Bericht vor: Aach Erösiinnig, der Vc>sani»iln»g idnrch den Obmann Herr» Johann .-ireli'chiner ergriss RcichsraihSabgeordneler Tr. .»iroiiawetlcr, mit stürmi -che» Hochrufen begrüßt, das Wort Er führte einleitend an», daß die christlich iocialc Partei nvedcr christlich »och social sei. TaS Lhristeinhm» beruhe an> der .»rülldrängnug der Egoismus, aus der reinen, »»versälichleii Nächstenliebe ohne llukcrichied der Eonfessio» oder Aace, das Programm der sogenaliutcii Christlich sociale» dagegen auf dem EgoisuiuS und der Selbsiinchk. iRnse:;o ist es!) »r eine Confessio» oder Race aufeindet, habe »un jede» Anspruch aus den Aanie» eines Christen verwirft, eitel neune er de» Flamen nnseixS Heiland», stürmischer Beifall.) In socialer Beziehung sei aber da» Programm der efbristlich-Socialen bare Ironie, denn nicht der Ge-'annniheit wollen diese r»te helfe», sonder» einzelnen Grnppen anf .»toste» der Gesamnilheit. Anr beniinnile Classen sollrti begünstigt werten: so sei es in der-Bergangenheil ge . eien, so solle es heute wieder gemacht ivcrdcn. Hier, provocirte ein Antisemit Miif stürmische Scene, indem er ries: „Wie heute die Juten!" Tie große Mehrheit der Bersaminluiig brach in stürmische stiufe der Entrüstung an», eine Anzahl von Wählern umringte den Auliseniilen, welcher, heftig-pcrorirend, sich am seine Rechte als „Bürger" berief. Anr den Anstrengungen des Bolsitzcnde» und der dringenden Bitte des Tr. Äronawetler, den Zwischenrnfer unbehelligt zu lassen, gelang eS, die Ruhe wieder bcrznstcllen. Tr. Xronawcller fuhr dann fort: „Es ist in meine Ausführungen das 'Wort .lüde hineingerusen worden. Ami, ich must sagen, . ich halte es für keine Schande, wenn jemand ein Jute ist. Aiemand ist dafür verantwortlich, das ci* in ticiem oder jenem ReligionSbelenutnisse geboren wird, das ist weder sei» Verschulden noch sei» Berdienst. Wie, wenig daS Religionsbelcnnlinß maßgebend n für de» Werlh des Menschen, das beweist unS folgende Episode: AIS in solge der Wirkungen der Mac »iinle» Bill die österreichische Pcrlmnnerindustrie 'cm Ruine nahe war, da lvarcn cs die Inden, welche Geld für die Roth .eitende» hergegeben. Tic Christlich Sociale», die reichen Stisle imb >! löst er 'den für die armen PerlinnNerdrechSler keine» Xreuzer hergegeben. Anr der cöiener Erzbischof spenl^le I««0sl., der einzige Baron Rothschild aber ln >««> fl." ironischer Beifall seitens der Anlisemilc».) Tr. jiroüaivetter bcgriintejc irun i tangerer Ausführung seine Stellung zu dem christlichsocialc» Programm: ie Anliseinilcn suchte» durch geräuschvolles Rütteln mit den Sesseln, durch ^nwährcndeS Räuspern und Hnsteu die geordnete Fortführung der Bersammlung ■1 erschweren, iviute» jedoch jcdeSmal von den auwescnde» fotlschrillliche» - ahlern zurcchtgewiesen. Tr. Aronawetter wie» aus die egoistische» Tendenzen u, ivelche in de» reactionären Bestreb,»ige» beim Höserccht, in der -Zoll .age :e. zur Geltung gelangten, und legte in klarer Weise dar. daß die ' 'Häuptling, der Preis deS Getreides werde durch die Juden an der Getreide -ie bestimmt, barer tinsin» fei, indem das Getreide ein Wcltartikcl ist. bei -lchem ausschließlich Angebot »nd Aachfrage ’ den Preis bestimmen löniien ..'icht der Gelrcidewncher sei also für vorhandene llebelstäiide verantwortlich zu laiche,sondern eine Rsihc ganz anderer Faetore». „Wer," fragte Tr. .»irona .-etter, „bestimmt de» Preis des Getreides'/" Ein Antiseinik ries dazwischen: . Xtn: J»d!" Ruse der Entrüstuug winden über diese Störung laut, aber Tr UronaweNer suchte abermals zu beschivichligc» und sagte: „Ichwerde Jlnien ns jcnt erklären, und wenn der Herr das besser weiß, so soll 'er später da» -ort ergreifen, vielleicht überzeugt er un», ' das, seine Ansichten richtiger sind." .. Sö Ehreinnanri!" rief »»» der znrückgeivieiene amiscmitiiche BeriamnilungS be'ncher (wie veilantet, ei» Tapezierer aus der innereu Stadt). TieielWoile -oben da» Signal zu eine,» beispiellosen r'ärin: „Buben!", „Aiedertrachl!", .Hinaus, ScauMmacher!" winde von der sortschriltlichcn Wählerschaft den /- ' Seite!!. anlisemilischen trindringlingc» zngerusen. Aus der Gruppe der Amne»nnn " scholl dagegen eine Stimme: „Jüdische Frechheit!" Aunmehr erhob sich der Vorsitzende .»iretschiner und forderte die Srdner ans, de» Ruhestörer ans dein Saale zu entserne». Tersclbe ivurde auch sofort gefaßt »nd, obwohl er sich mit Händen und Füße» stränble, aus dem Hintergründe des Saales in wenigen Secnnde» zur Thüre gezerrt. Mehrere Tische lvurdcn bei dieser gewaltsamen Entfernung umgew»ese», die Fenster der Eineangslhüre gingen i» Trüinmer, und in dem engen Gange, der znm BersainmlungSlocal führt, wurde eine förmliche Verheerung angerichtet. Tic andcren im Saale anwesenden Anti, scinilk» eilten ihrem Genoise» z» Hilfe, und unter grenzenlö>en>, tiiinulluarischei» tzärm einspanu sich im Saale ein förmliches Handgemenge. Ter Regierung» vertrcler. sah sich angcsichls dessen geuöthigt, die Veriammlung ausznlö'en nnd > zur Räumiiiig dey- SaalcS eine größere Adlheiliing von Wache zu reaiiiriren , Slur langsam leerte sich der Saal, »nd die Anlisemile» bildeten nun dichte läiinendc Gruppen unter der Einfahrt und aut der Straße, wo sic durch jene Gesinnungsgeiiossen verstärkt wurden, welche,' mit gesälschten .»karten, betrete», nicht in den Saal gelassen worden waren. Tnrch em starkes- Aufgebot von Wache wulden diese Gruppe.» »ach einiger-Zeit ztrstrenl, ivoranf erst auf A» ordinnig de» PolizeieonnnissärS Brück die forn'chrjnlichen Wähler den Saal veilasse» dürften. Tiese Maßnahme war getkosfen worden, um mit Rücksicht daraus, daß von den Antisemiten Trohuuge» aller Art anSgestoßcn woide» waren, ernstere Collisionen zu vermeiden. Tr. .»ironaweller und die Mitglieder des BereinSvorstandeS blieben bis zuletzt .im Saale und che,ließe» denselben, vom Eommissär Brück und einer Anzahl von Sicherhellswachniännerir begleitet. Al» dieselben auf der Straße anlangien, .suchten einige halbwüchsige Bursche durch Ruse: „Pfui, .»lronawciter!" das Siraßenpublieuni auiziireizen. T»'selben wurden auf Anordnung des CominiisärS ve>haf!ei und ä») das. Eon»»is''aiiai gestellt. lAllS drill sitlNßllüllst. > Wir erhalten folgende Zuschrii'l: Ter >»)c»ic>»deralh bcschätligle sich letzihin mit dem Berichte des Stadtralhes Tr. Vogler über das Ehitachle» in Angelegenheit der üenen Steuer Vorlage. Tr. Vncgcr griff in die Tisenssion ein, und die-bis dahin streng sachliche Erörterung wich nun einem Wir»>shausgeichuwtz. Ter „Binkeljltdc", sagte Tr. Vngcr, sei cintlnszrcichcr als der dcnt'ch liberale Führer im Agcordnetcnhausc. liegen die Handclstamincrn führte er die „unüberwindliche Abneigung" seiner Partei an. Bom Prinzen Alois Viechtcnstcin erzählte er, daß der Arme „nicht einmal öncr rcichischcr (»'roßgrundbesitzer" sei. (Ter Priiiz ist nämlich in Ungarn begütert. Auch von einer Verschwörung Viberalcr gegen die .»ilein gewerbetreibenden sprach er: man wolle sie scheinbar entlaste», um sie deS Wahlrechtes zu berauben, und so ans einem Umwege dem 'Anli scniitisnulS bcikonimcn. Tie Berjchwöriingsgesck>ichie leitete er inik jenem „bcfanntlich" ein, welches beiin „Vnchtcn", bei der „Weinlranhc" n. i. >v.. niemals die bcabsichligts Wirkung verfehlt,nnd auch für die unglaublichsten Tinge eine Schaar von (»tläubigen gewinnt. — Ein sehr beachlenswcrlhcs Wort über die neue Steuervollage sprach Siadlralh Schlechter in einer BcrsaiNmlnng des dcmotralüchen Vereines im VIII. Bezirke. „Tic projeetjrten. E i»s ch ä tz » n g sc o n> in i s si o u c »." änßerlc er, „werden nnr danli eine ersprießliche Wirtsamleii üben, wenn sic vollfonimcn objeeiitz ihrer' Pflicht nachkoininen und frei von aller politischen Agilatio».'bleiben: nanienklicki wa^T cs. sehr zn bedauern, wenn die ruchlose a n t ise in i t i ick>-e- S t rö m u ng auch in diese K örperschasten Einzug halten sollte."- — Auch im <»semrindcrathc hielt Stadtralh Sck>Iechler eine 'i,ach Form nnd Inhalt ansgczcichnctc Rede über die Stenervorlage. Es geilliah dies in einer Sitzung, in welcher namentlich (»' r c g o r > g. Je dl isla nnd Putscht den Beweis erbrachten, daß sie die in Budapest" über die ».'andtagssemidalc gesprochenen laiierlichen Worte nch durchanis nicht zu Hcrzcli genomnic»- haben. Ein übrigens bereits znriickgezogener behörd lichcr Erlckß, betreffend das Beriiallen der lalholiscl>en Schnltinder .beim . K reu;machen, bol Seandalsüchiigen den erivünschlcn Anlaß zn einem neuen Ausbrnchc antiscmilischer Ereet'se. Tas.. „Vaterland" eon statirle, daß jener Erlaß ans das V ciires M'inisierialbeamien evangelischer Eonfessio» znrüllzusühren ist. Tas „V ol t sb l all", dem diese Feststellung vom Standpunkte der shstematisckien Jndcnhevc fehvJ unbcgneni war, suchte das „Vaterland" r'ügen;» ftiirtc»'. In zwischen erschien aber im „Wiener T agblatl" folgendes Schreibe»: V c v,o In 11 di e Redaeiio >!! In der Alittwoch 'A'nmmer Ihres vielgeleiene» Blattes schreiben Si» bei Besprechung der .streu; Anaire im Genieinderalbe: „Es ist ltus iii^bctannk, n-.i'- den Bezirlslchnlrath rn> vorigen Jahre.veranlaßt hat, seinem Erlasse von l^l l bezüglich des .'trenzzeichcns eine Jnlerprelalio» zw geben, vö» der voraiiszusetze»' war, daß sic zu Reeriniiualione» fahren weide.Erlauben Sie, daß ich Ihnen den.inerlwiirdige» Jnlerprelcu.deö katholische,i .»tre»z;eichc»S in der Per>os> des Herr» Tr. Joha-i» Sontag, im Jahre l<A'l n.och »Minisiernrl'eLe.iär ini Elilius , /