Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 25 (25.9.1892)
- Date
- 1892-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 25. - Freies Blatt. Leite 6. , Tic Nationalliberalkk und der Antisemitismus.) Es ist nicht das erstemal, daß die deutsche Nationalliberalcn mit dcur Antisemitismus kokettircn, vielleicht eines vorübergehenden kleinen politischen BorthcilS halber. Auch anläßlich der bevorstehenden Reichstagsersatzwahl im Kreise Löwenberg, wo dem freisinnigen Eandidatc» Redakteur Echte rS der nationallibcralc Gcnerallicutcnant zr T. v. Bogi jtawski gegcnübcrstcht. glaubt die Partei de? letzteren, um der Stimmen einiger antisemitischer Wähler willen^ gan; in die Manier der Antisemiten verfallen zu muffen. TaS nationallibcralc „Hirsch bcrgcr Tageblatt" führt in einem Artikel aus, daß spccicll die Tentschfreisinnigcn mosaischen Glaubens sich für die Wahl des Herrn Ehlers intcressircn. Herr EhlerS stehe, im Bcrdacht, von einer bestimmte» Glaubensgemeinschaft als Benrcter ihrer Spccialintereffcn gewählt;tt sein. Ein anderesmal heißt es dann wieder in der be kannten Phraseologie der „Slaatsbürgcrzcilung": „Ter geliebte Schützling der dentschfrcisinnigcn Presse sei nicht der ehrliche, mühsam um sein täglich Brot ringende Kaufmann, sondern der spcculircndc Zwischen Händler, der mühelos sein Geld verdient und dem Boltc die nothwendigsten Lebensmittel vcrthcucrt." TaS Hauptorgan der Partei, die „Nakionalzeikung", erklärte zwar, sie mißbillige den Ton jenes nationalliberalen Blattes, weil er an sich ungehörig sei und das eventuelle Zusammengehen bei einer Stichwahl, erschwere. Aber Herr Richter habe dies verschuldet durch persönliche Insinuationen gegen den national liberalen Eandidatcn. Abgesehen davon, daß Herr» Richter dieser Bor ivurf ganz unbcgründctcrwcnc trifft, rechtsirrtigl doch selbst der Wahlkampf noch immer nicht ein Abi'chwcnkcn ans so gefährliche Bahiicu. Tie Partei, welche sich national-l i b c r a l nennt, muß wiffcn, in wessen Mühle sie auf diesem Wege die Säcko trügt.- Tic Ziidciihctic im Krcise türcvcnbroich.l- Trotzdem sich die besonneneren Estnicnie aller Richtungen iind Gesellschaftskreise hcmühcn, dcu antisemitischen Ausschreitungen ein Ende zu setzen, deren Schau platz die Umgebung von Grevenbroich ist, scheint die Indenhetzc daselbst noch immer nicht ganz ihre» Abschluß erreicht zu haben In E orschenbroich hielt neulich Wcihbischof Tr. bischer nach abgehal teuer Firmung eine ticfevtyrtrifcnbc PredigtT worin er u. A. alle An wesenden zur chriftlichcn/Tnlbsainleir gegen Andersgläubige, spceicll gegen die israelitischen Mitbürger, crinahnkc und seine ausdrückliche Mißbilligung und Bcrurtheilung der' in einigen Gegenden vorgckom menen Ansschrcilungcn gegen die Juden aussprach. Ter Stadtralh von i ft b o r f, wo cs besonders wild herging, hat unaufgefordert in einstimmigem Beschlnffe eine Resolution augcnomiiicn, worin er das antiscuiitischc Treiben ans das Energischeste vcrurthcilt, - und hat von dieser Resolution der jüdischen Gemeindevertretung ofneiellc Kcuntniß gegeben. Ucbcrhaupt stehe» die Behörden, die staatlichen und städtischen ebensowohl wie die kirchlichen, ganz auf der Höhe ihrer Aufgabe. Ter Bürgermeister von (Grevenbroich ließ cs a» Evrreelhcik nicht fehlen; der Bürgermeister in -Hrmmerden 'ist gan; besonders energisch-vorgegangcn, indem er persönlich die Ruhestörerauf, der Straße gefaßthat. Tic (Geistlichkeit hat "sich cinmiilhig mit rückhaltloser Entschiedenheit von der Kanzel herab gegen die Ausschreitungen und gegen den Anti scinitisnius ausgesprochen, hat aber auf die anarchistifchcn Elcmcntc keinen Einfluß, so daß der greise, würdige Eaplan in FrtmmcrSdVrf vor seinen eigenen Leuten nicht sicher ist. Trotz aller Bestrebungen kommt cs daher imincr noch zu vereinzelten Ruhestörungen und Gewalt arten, wenn auch im Allgcmcincu eine Besserung der Vage eingekrctcm Erheblich dürste hiezu eine strenge Bestrafung der antiscinilischer Hetze» und Räuber beitragen. Bor dem Schwurgerichte in Grevenbroich fanden am 14. September »ichrcrc Bcrurthciliingcn wegen Ausschrcitiingen gegen jüdische Einwohner von (Nindorf und F r i nt in c r sdors statt. Fünf Personen, welche in daS Haus einer Witwe eingedrungcn waren und sich trotz ergangener Aufforderung nicht cut serntcu, wurden des Hausfriedensbruches schuldig erachtet; drei von ihnen erhielten je vier Wochen, zwei je zwei Wochen G e s ä n g^n i ß.Bon mehreren anderen Bcrgchcn, Bedrohung nnd grobem Unfug, - mußren einige andere Angeklagten wegenmangelnden Beweises srcigesprochcn werden. Bier Personen, welche T achzicgcl durch 2teiltluiii fe' zerstört hatten, erhielten je eine-W ochc G c s ü n g n'i ß, außerdem drei von ihnen noch wegen Wersens init Steinen auf Menschen, bezichnngSwcisc gegen Häuser je eine Woche, der vierte d r c i T a g e H a f t. AiitiscmitisMIIS in drn 'JiicDcrlnubcil. . Tic antisemitischen Blätter bcrichteu kriumphircnd von einer Zunahmc der Scclcnpcst in Holland. Als Hqnptursache muß die' ultramontane Presse hingeftellt werden, die in den katholischen Bezirken fast .ausschließlich gelesen wird, und die, besonders anläßlich des Prozeßes in Eleve, den „RitualMvrd" als eine keines weiteren Beweises .mehr bedürftige religiöse Einrichtung des Judcnthums geschildert hat. Namentlich ist cS daS berüchtigte Schimpf - blatt rT al tn tt dj oo d e“, dessen Redakteur den Berhandlungen in Eleve beiwohnte, das an blutrünstigen Ausschlachtungcn des „Ritual mord ProccffcS" das Ungeheuerlichste leistet. In Oldcnzaal ist, wie aus Amsterdam berichtet wird, die Stimmung gegen die dort wohnende» Juden in Folge der ewigen Bcrhctzung eine sehr erbitterte. Wenn cs bisher noch nicht zu Thätlichkcitcn gckommcn ist, so ist dies auS schließlich ein Bcrdicnst der' Gendarmerie, die Alles aufbictct, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. -^Tcr Ehrcnsäbel.) Marquis de Moros hat für die an (dein Hauptmanu. Mayer verübte Hcldcnthat einen Ehrensäbcl erhalten, nicht zwar von dem Präsidenten der Republik oder Don BertrctcriL dcS französischen Ofsicicrseorps, aber doch von einer Art Sachverständigen eollegium in Abschlachtungsdingcn und jedenfalls von guten Freunden und Gesinnungsgenossen. Mehrere Fleischer nämlich aus dem Schlacht- Hause von La Billette haben dem Marquis den besagten Ehrcnsäbel verehrt, welcher die Legende trägt: „A Mores ses amis de la Yillette, .‘50 Aoüt 1892.“ Trumont, der an Stelle des abwesenden Marquis den Säbel'übernahm, solGmit den Frcnndcn von La Billette begeistert auf die Befreiung Frankreichs vom Judcnjochc angestoßen haben. Ja, wer wird daran zweifeln, Mor>'s ist jetzt eine der intcrcffantcstcii Per sönlichkciten von Paris. Mit seinen Enthüllungen über die enge Liaison zwischen den französischen Autiscmitcn und den antiscinitischen Russen ist cs ihm gelungen, einen kleinen europäischen Skandal zu erzielen und den schlauen Herrn v. Mohrcnhcim in nicht geringe Bcrlcgcnhcit zu setzen; nun wird der schwarz-rothc Marquis auch noch von Fleischer gcscllcn mit einem Ehrensäbcl beschenkt. In Wien freilich würde eS dem Schlächter des 'Hauplmann Mayer etwas anders ergangen fein. Ein bekannter urgcrinanischcr Rcdactionsjüngling wenigstens hal für die zahlreichen „Mensuren", in die er stets verwickelt, ist, imnter elwas Anderes als Ehrcnsäbel erhalten. (Alltiscmitischc Biclscitlsikcit.) Tic anliscmitisd,c „Kreuz zcitung" schreibt: „Herr Trum out, der Schöpfer der antiscmilischcn '^Kwegung in Frankreich, scheint eine bcdentcndc Biclsciiigkcit zu besitzen. Während er in seinem Blatte, der .I,il»iv Parole, täglich die Tcnt scheu als die angeblichen Bcrbündcten der Juden kennzeichnet und seinen Antiscinitismus mit dem crl'ittertstcn dcntschscindlichen Ehmtvinismns verbindet, sandte cr^ gleichzeitig ein Redaetionsmitglied seines Blattes nach Berlin, um hier freundschaftliche Beziehungen mit den Führern der antisemitischen Bewegung Tcutschlands anzukniipfcn.", Tics sagt die „Krcuzzeitung" in derselben Nummer, in wclckzer sic sich fast zwei Seiten lang ausschließlich mit Herrn Trnmont beschäftigt nnd behaglich „Enthüllungen" der „I.iffro I'nrol« ' reprodueirt; auch die Berliner Aiiliseniiten scheinen eine bedeutende Biclscitigkeit zu besitzen 'Zur Zndcnfragt in Rnßlaud.s Tas Projekt zur Lösung der Indcnfragc in Rußland, welches, wie wir bereits gemeldet, in der Hcrbstsession des Petersburger Reichsrathcs zur Bcrathung gelangen soll, enthält unter Ändert» auch den Borschlag, einen Thcil der Juden ans dem NiederlaffungSgebicte in den wenig bevölkerten (legenden des EzarcnrcichcS anznsicdcln nnd sic zum Ackerbau hcranznzielst». Ta die Frage über die Fähigkeit der russischen Inden znin Ackerbau von einigen Mitgliedern der Plehwc'schcn Eommission bestritten wurds, so begibt sich demnächst der russische Domäncnniiuistcr Sstrowskij, wie der ..»rraselulanin“ meldet, nach dem Gouvernement Eherson, um die dort best »blichen jüdischen-Ackcrbankolonicn zu besichtigen. Ein her * vorragcndcr russischer volkswirthschaftlichcr Schriftsteller hat im vorigen. Jahre' nachgewicscn, daß die' erwähnten Eolonicn sich in blühendem Zustande befinden, so daß Minister Sstrowskij, dessen humane (''c siiinungen in -stcnßland allgemein bekannt sind, (Gelegenheit haben wird, sich von der Fähigkeit der Inden zum Aikerban persönlich-zu über zeugen. Sstrowskij ist übrigens.ein ^.Gegner der Bcrschärfung der Iudtngcsctze und soll besonders den Plan, die Ignaticw'schcn tcmpo rTiren (ffcsetzc _vom Mai 18*2 in definitive nmzuändcrn nnd auf die polnischen (^ouvernctiients, für welche sic bisher keine (Geltung hatten, auszudchncn, l>ekümpft haben. Bezüglich der jüdischen Landwirth schaflscolvnietr verweisen wir auf unsere Abhandlung in Nr. 4 des „Freien Blattes". , Aus antisemitischen Vereinen und Der sannnlungen. (Tic Hetze gegen Tr. Kronawettcr.) Am 2). d. M.-hielt der Thristlich sveiälc Verein in einem Restaurant der inneren Tladt eine Plenarver ammlnitg unter den Auspieien der bekanntett Vcrsammlungsbnmmlcr Lueger, Vsenner, (tzeßman tt, Tck,eiche r u. A ab Der Zweck dieser Bersammlnnq