Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 25 (25.9.1892)
- Date
- 1892-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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I . Seite '5. Freies Statt. Nr. 25^ ' “ (Quo usquc tandcm!) Das Bild dcr trostloscstcn Anarchie und brutalstenWillkarhcrrschaft,dievoi»Antisc»iitiSi»uS anSgcht, wäre nur halb, wenn cS sich außer auf politischem und moralischem nicht auch ans geistigem (Gebiete zeigen würde. Geleugnet, mit Füßen getreten, als Antoritätcnschwindcl verhöhnt, als Mittel zur Bereicherung des „Gelehrten Ringes'' gelästert, so stand die Wissenschaft, noch dazu die fortgeschrittenste, die viclbcwnndcrtste, die humanste aller Wissenschaften am letzten Donnerstag in dcr nieder österreichischen Landstube da. Dcr Aberglaube und die Enrpfnscherei wurden von der erbärmlichsten Unwisienhcit dafür ans den Thron gehoben. Ein Jndividiuum von der geistigen BcdentnngSlosigkcit zincs Berga »i wagt^eS, sein Urthcil über Kilhpockcnimpsnng de», llrthcil des Kwtor inngnificiis Profcsior Ludwig, eine beuchte dcr incdicinischcn Facultät, cntgcgcnzustcllcn. Wir bedauerncS unendlich, daß sich der Reetor berbnlicß, das dummdreiste GallimathiaS eines Bergan! auch nur flüchtig mit sachlichen Worten zu widerlegen. Diese Vciitc haben keinen Respect vor den Waffen' des Geistes und keinen vor der Macht der Wahrheit. Jetzt artete Bcrgani, sccnndirt von Lueger und dem Vaud tagsrüppcl Greg orig, erst recht auS und begeiferte die Wissenschaft »nd ihre Jünger in dcr banalste», aber doch ekelerregendsten Weise. Es muß ein seltsamer UmbildiingSproecß sein, dcr sich »ach der Ans jage eines Antisemitcnhäuptlingö in denjenigen Geistern vollzieht, die vom Antisemitismus ergriffen werden. Dieser AntiscinitiSmus scheint thatsächlich die Menschen von Grund ans zu verändern, denn wie tonnten diese Wichte cs sonst wagen, sich für allwisicnd und unfehlbar zu halten, über die verschiedensten und auch wieder tiefsinnigste» Pro b'lcmc dcS Wiffcnö, dcr Kunst, dcr Moral »nd Politik schlankweg z» »rthcilcn oder mit Stimmenmehrheit zu entscheide» und jedem Eigen nutz, Böswilligkeit, Unwiffcnhcit »nd natürlich — /rgcnd eine Eon ipiration mit dem Judenthum zuzumuthc», dcr aus einem reinen Fach wissen heraus ihnen zu widersprechen wagte. Wahrlich, dies bezeichnet eine Form dcr Demagogie, die in den zerfahrensten Seiten Roms, in den wüstesten Tagen dcr französische» Revolution nicht dagcwcscn ist. (Zur Reichsrathswahl llll J. Bezirkt.) Der »„germanische Preß lüngling Karl Hermann Wolf, Hcransgcbrr dcr „Tstdcntschcnllinnd schau", überrascht in dcr letzte» Rümmer dieses Blattes die Welt mit einem Aufruf „An die geehrte» deutsche» Wühler des!. Bezirkes, in Wien", dcr mit de» Worten anhcbt: „Im Einperständniffc mit meiner Partei und unserem Führer Schönerer melde ich hicmit meine Eandi datur für das durch Dr. Herbst'S Tod erledigte RcichSrathsmandat des I. Bezirkes von Wien an." Armer Tr. Kronawetter! Im weiteren Eontcrt dcS geschwollenen ProgrammcS, das dcr neubackene Herr Ean didat entwickelt, heißt cS: „An die jüdischen Wühler des ersten Be zirkeS ist meine Bewerbung um das llreichSrathSmandat nicht gerichtet!" Wirklich, Herr Eandidat? Die jüdischen Wähler werde» sich aber tränken, Sie komischer Herr Eandidat! Gegen Schluß dcö Blattes findet sich in fettem Druck nachfolgende Rotiz: „Wir bitten um möglichst baldige Einsendung dcr rückständigen Bezuggcldcr; dcr Hin weis auf den bevorstehenden Wahlkampf um das Rcichsrathsmandat dcr inneren Stadt dürfte genügen, «infcrc Bitteals dringend erscheinen zu lasten." Es muß in der Thal sehr dringend sein, Herr Eandidat, obwohl wir nicht recht cinschcn, warum ein Eandidat Ihrer Partei bei Wahlen Geld braucht. Doch nicht etwa für garstige Wahlmanövcr, Herr Eandidat'? (Ein Brief Rohlings.) Wir haben in unserer letzten Rnmiper eine» Brief R o h l i n g'S reproducirt, in welchem er de» Proecß zu. Eleve eine „mit Jndcngcld anfgcführtc Komödie" und die Geschworenen ..iupcrlativc Esel" nennt. Dieser Brief war dcr „Reuen Freien Presse" von chrem Berliner Eorrcspondcntcn mit dem Bemerke» initgcthcilt worden, daß man in Berliner politischen Kreisen zu dessen Kenntnis; gelangt sei. Außerdem schloß die am Kopfe deö Schreibens angegebene vollständige Adreffe des Adressaten den Zweifel an eine Fälschung aus, da man den Brief jederzeit von Herr» ' H u m mclShci m agnosri^e» lassen konnte. Trotzdem erhielt die „Reue Freie Presse" von Rohling folgende Berichtigung: Heute erst werde ich daraus ansmerksain gemacht, daß in der Rinnmer der „Renen Freien Presse" vom 15». September IK!>2 unter dem Schlagworlc „Ein Brief Rohling'«" ei» Brief citirt wird, welchen ich unter dem 2t. Juli l. an einen Herrn Huminclsheiin in Köln gerichtet haben soll. Ans Grund des s 11t des' PreßgesctzeS ersuche ich, in der nächst erscheinende» Rmnmer Ihres Blattesolgsnde Berichtigung anszunchine»: Ich habe an Herrn Hümmels heim nie eine» Brief geschrieben, folglich stellt sich dieser Bries als eine Mystkfication heraus. Prag, den 17. September 1M*2. Prosessor Tr Rohling." Um die' gleiche Zeit, wo Rohling die Autorschaft des, Briefes dcr „Renen Freien Presse" gegenüber pur ot simpln ablchnte, Rächte die Prager „Politik" folgende, gleichfalls von Rohling an das Blatt gerichtete Zuschrift: In der Abendimniiner der „Politik" vom I«>. d.Ä-steht ei» Brief, den. ich angeblich an einen gewisse» Huniniclshcii» geschrieben habe. Ter Raine H»n> melSheim ist mir ganz unbekannt. Wo hä ditfinjt c i ch mich bei weiterem Rachdenken, daß ich einen Bries de« erwähnten Inhalt» ans Anfrage geschrieben habe. Aber ich -war damale und mehrere Wochen spater i» so großem Gedränge, haß ich den Wortlaut des Brieses und den Raine» deS Adressaten nicht mehr angeben kann. Unbegrei'lich ij^ mir specietl, daß ich als Klostervorsland i» dem Briese auftrete, da ich das ja nicht bin Hbendrein muß ich bemerken, daß dcr Fragesteller bloß ans wissenschastlichem Fntercssc gan; für seinen Privatgebranch meine persönliche Ansicht erbat, .nur. wie er schrieb, zu seiner persönliche» tvissenschaslliche» Fnformalio», und deshalb unbedingte Tiserciion znsicherle. Ticse Zusicherung und Eillarnng bewogen mich, ihm kurz und kernig bei per Eile, in -er ich war, Antwort zu geben. Es ist daher ein großer Periranensbrnch. ein snr die Senenilichleil gar nicht besiiinnites Schreiben dem Pnblienin zu übergehen, wie es seitens der „Renen Freien Presse" geschehen ist. / Ausdrücke; mit welchen man privatim briefliche oder mündliche Kritik übt, erlaubt man sich nicht in der Lcfsenilichleit. Rachdem ich bereits der „Renen Freien Preise" mitgeiheilt habe, daß ich, soweit cs sich in»'' einen Bries an Hmninclshcii» handelt, nur an eine Mnstisiealion glauben kann, bitte ich Sie ergebenst »in die GiNe, zur näheren Ansllürung de-s -Falles das gegenwärtige Schicibeii in der „Politik" ehesten» abzndruckc», damit.man er .kenne, daß ohne incfnc Schuld da' geehrte Publicum durch Ausdrücke überrascht wurde, welche - der europäischen Sitte nicht e»t sprechen. Geiichinigen Sie, geehrte Reyaelion, de» Ausdruck meiner Vorzug lichen Hochachtung Eanoniens Prosessor Tr. el>oh > i ng. Wdn» uns schon der iBrief Rohlings. an Hiiminelsheim zu allerlei erbauliche» Betrachtungen über den Eharatter des geistlichen Herr» Anlaß gab, 'so bildet die Rachgeschichtc dieses Brieses geradezu ein psitchologit'chcs Doeuikicnl. Während Rohling de» Brief i» einem Blatte einfach als Mnstifikation erklärte, bekenn; er sichzu gleicher .Feit nach „weiterem Rachdeu'ten" doch zn demselben, wenn auch in den schmerzhaftesten Windungen Könnte man von dem Manne, dessen Urthcil man zu „wissenschaftlichen Jnforniationen" cinholt, nicht erwarte», das; er das „Rachdcnkrn" dein schroffen Ablcugnc» seines- GcistcskindcS hätte porangehc» lassen? Bei den Aiitiieinstcuhäilpllingcn scheint das „weitere Rachdenkcn"'aber.imincr erst nach dem Urthcil zn koinincn: vielleicht hat per Raisting auch sei» Urthcil über den Buschhois Proeeß bereits bei „weiterem Rachdcnkni" geändert. Es scheint fast so, nachdem er seine Kraftausdriickc bereits als „der europäischen Sitte nicht cnt.sprechend" bezeichnet. Dcr geehrte Halbasiat, als welchen sich Rohling dadurch selbst brandmarkt, entschuldigt sich ganz vergeblich damit, daß er den Brief bloß zn-wissenschaftlichen Informationen unter Znsichcrnng dcr Diserclion schrieb-, und. daß man sich Ausdrücke, mit welchen lila» privatim briefliche oder mündliche Kritik übt, nicht in dcr Tcffcntlichtcit erlaube. Das ist talmudistischc Sophisterei, Herr Professor, wenn Sie erlauben! Bei anständigen Menschen ist cs Sitte, daß sic sich auch „privatim^- nichts erlauben, was sic nicht vor der Tesfcntlichkcit vertreten könnten, und daß es zu wissenschaftlichen >J„ sormationcn einer AusdrnckSwcisc' bedarf, die nach Ihrem eigenen <^e ständnisse den europäischen Sitten nicht"entspricht, wollen Sie gefälligst Ihren antisemitischen-. 'Rächbetern plausibel machen, die zwar von Wissenschaft nichts, umsomehr aber von'halbassalii'chen Sitten verstehen! -Ein Rncksiillisscr. Es wird bald iioil, thnn, daß man eigene GcrichtShöse für jene Fälle eonstituire, wo antisemitische Rcdartcnre und Partcimänncr im Allgemeinen wegen Bcrleviing der persönlichen Ehre eincS politischen Gegners angeklagt erscheinen Auch Freiherr von Hammcrstei». der eben erst anS der Wahlurne als Reichstags abgcordnctcr hervorzcgangcne vcrantworllichr Redaeienr der „Kien; zeitung", macht hierin von dem großen^Troß keine Ansnahmc. Boi peinigen Tagen erkannte ihn daS Schössengenchl der Ehrciibclcidigiiugschuldig, begangen an Herrn l,'»-. l^ra.cbncP, den Herausgeber der „Mitthcilnngcn aus'bcm Bcreni znr Abivclw dcö Antiseinitisnins" Die Zeitung „DaS Bolt" hatte eine in diese» Mitthcilnngen gemachte. Behauptung als eine „freche Lüge des Uio. G^chner" bezeichnet, und die „Krcuzzcitiing" hatte diese Beschimpfung winzcrholt. Dcr Berirclcr dcS PrivatklügcrS, Dr E. Fricdeinan», bca»rd«gte->hie Bestrasnng dcS Freiherrn v. Hammerstein. da hier zweifellos ci»e>Bcle>dig»»g - vorlicgc, die um so schwerer wiege, als für den Inhalt >dcr „Mit' thcilungcn" ein ganz Anderer verantwortlich sei und Herr Gvaebnpp von dem bctrcssciidcn Artikel gar leine Kenntniß gehabt habe. Assessor R a n in a » u, als Bcrthcidigcr des- Angeklagte», beantragte die Per Handlung vorläufig zu vertagen,-7-tns eine gegen den Redarlcur des „Bolk", Palla, anö demselben Grnndc erhobene,Anklage erledigt sein wird. Der! Gerichtshof lehnte eine BcrtagniH ab und vcrnrtheilte den Angeklagten mit Rücksicht auf' seine wiederholten B 0 r st r a f c n wegen Beleidigung zu 10(t Wart Geldbuße