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Freies Blatt · 1892-09-25 · 25 (25.9.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
25 (25.9.1892)
Date
1892-09-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 25.?«ite 4. gerecht gesinnten Christen werden wissen, was von einem derartigen h'Ikh OV-babrcii, das mit infamen Fälschungen und Verleumdungen dir religiöse n»d bürgerliche Ehre Anderer besudelt, und was von den antisemitischen Hetzlchrcn überhaupt zu halten ist, welche Vügc durch Vi;go stützen. Konservatismus und Antisemitismus. , S-as streng eonscrvativc und besonders in Officierskrciscn stark rerbreirete „Berliner Frcmdenblatt" bringt unter dem. Titel' „Confer" vaiismus und Antiscnlitismns" einen Artikel, der besonders jetzt, wo die Antisemiten und ein Sheil der Conservativcn ein lebhaftes Ralliruiigc-bestrcbcn vcrrathen, von artueller Bedeutung ist. Obwohl wir uns tiidtt mit allen Citn^cHjcitcn des Artikels einverstanden erklären, halten tutr ibu doch für eine >o zutreffende Studie und für ein so wichtiges Stimmungsbild, daß wir ihn im tlc'achstehcnden rcproducicrcn: Sic deutschfreisiunigc Presse beschäftigt sich mit einer angeblich von Sr. Bi'ajcstät dem Kaiser zu seinem neuernanntcn, einer israelitischen Familie entstammenden Flügcladjutantcn gemachten Kundgebung gegen die antisemitischen Wühlereien. Sb diese Kundgebung thatsächlich statt aesnnten hat, und ob sic in der von der „Israelitischen Wochenschrift" vcr ei'-.-ntlichten Form erfolgt ist, darüber wagen wir nicht Zu entscheiden, denn das hier eitirte Prcßorgan ist zu sehr Partei in der Sache, um cinwaudssrei tu erscheinen. Hätte der Kaiser aber wirklich sein tiefstes 'Bedauern darüber ausgesprochen, daß der religiöse „und politische Haß etzt-'sgar nicht mehr vor den S ssicicrScpaulcttcn Hall mache, und daß es Vattc gebe, denen nichts mehr heilig sei, sobald es gelte, ihrcrckrank basten BeNenmdungssucht Lust zu schassen, so würde er damit nur ausge'vroclten haben, was aus Bieter Lippen, vor Allem im conscrr-a.ir.'n Vager, lebt. . Sie antisemitische Bewegung hat von dem ersten Tage ihrer l^iit ü innig Formell aitgenommeu, die ihr den sicheren Mißerfolg und die .'Ibivciidung aller vornehm Denkenden verbürgten. Ter Abgeordnete -LKb.-i hat sie einst drastisch, aber nicht unzutrcffcnd-dcn SoeialismuS ■vi S iimuicu genannt, denn in der Thal sind die vom Antiscuiitismns .'er- Backe! und Ahlwardk geweckten Bolksinstinctc -den treibenden Ge walten der Bcbel'ichen Socialdemokratic ähnlich wie ein Ei.dem andere», and ibörichtcr konnte eine auf große Ziele gerichtete Bewegung auch nicht ins Werk gesetzt werden als die antisemitische,- wir glauben nicht tu viel zu sagen mit der Bei,-iiptung, daß das Iudenthnm, uni seine eigensten Zwecke möglichst gefördert zu sehen, sich "gar keinen besseren B'e^ner wünschen konnte als die Böckck' und Ahlwardt mit ihren Touauirotcrien gegen Alles, was feit Generationen mit Israel ciumal . tiiracgemein gehabt hat. Tas, was in dieser Bewegung so abstoßend wirkt, ist einmal die "völlige Unklarheit über dig erstrebten Ziele. TaS ganze Thun und' R-' e» der Antisemiten erschöpft sich in dem Schlagmort: „Juden -.aus!" Sb dies, wie Fürst Bismarck kürzlich spöttisch bemerkte, durch 'eine neue Bartholomäusnacht oder sicilianischc Bcspcr geschehen soll,, nicht einmal darüber herrscht wohl Ucbcrcinstimmung in den anti- 'lem-melien Köpfen Thatsächlich hört Ihr Latein sofort auf, sobald sic weiter als über das „Juden rauS" denken und einen discutablcn Vorschlag tut Beseitigung der dem Iudenthnm zugeschriebcnen Mißstände aus:.:» sollen. Richt minder aber als" diese Berschwomnienhcit der Ideen ssoßl die Scrupcllosigkeit ab, mit der die antisemitischen Himmclsiunina sich überdie bestehenden Gesetze hinwegsetzcn. Kein Eiüzigcr l ea lllnen scheint ssch darüber' Rechenschaft abzulcgcil, daß eine mit e-in Ai.'vruch aus Bcrmirklichung ihrer Pläne auftretcndc Reform va:tei, welche noch dazu immer die Liebe zum Batcrlande als tieferes Motiv rbres Handelns im Munde führt, in erster Reihe daS bestehende Recht zu achten, d h. Gerechtigkeit zu üben, also auch dem Gegner gerecht tu werden hat! Keiner von ihnen scheint cS zu empsindcu, daß nur sittlicher Adel einer Volksbewegung die höhere Weihe und die Bütg'chaft sicheren Gelingens verleiht, und baß eine über den Gegner . io lauküchtslos wie der Antisemitismus den Stab brechende Partei eer Welt nothwcndig die eigene lieber legcnhcit in sittlichem Tcnken und Handeln zu beweisen hat. 'Inwieweit der Antisemitismus den Voraussetzungen einer zum n rht e-n. Woblc dcö Baterlandes unternommenen Propaganda genügt, davon legt jede seiner Versammlungen mit ihren Brandreden und ihren siistcmakisch aus die Entfesselung der niedrigsten Vokksleidcnschaften gerichteten Manipulationen den bündigsten Beweis ab. Wir l cdancrn dies auf das lebhafteste und lenken insbesondere die Aufmcrl'amkcit jener konservativen Kreise aus die antisemitischen Aussckir,-innigen, welche das conscrvative Programm nach antisemitischem .itBchi'-mns ummodeln und den Eonscrvatismus so auf den Antisemitismus einschwörcn möchten. Was der letztere mit seinen Mitteln bezweckt-, ist unzweifelhaft unconservativ im weitesten Sinne des Wortes, denn der Conscrvatismus wurzelt tief im ethischen Untergründe und verfolgt staatserhaltende, nicht staatszersetzendc Ziele. Er ist voll und ganz durchdrungen von der christlichen Wcltauffassung, welche die Rächstenlicbc der Welt verkündet und versöhnend auf die Gegner cinwirkt; wie will 'man also eine Bewegung mit konservativer Flagge decken, die so ausgesprochen zu den Satzungen christlicher Moral in Widerspruch steht wie die antisemitische, die nur Haß säet und ihre Anhänger mit Feindschaft erfüllt? Das Handeln der sie in Fluß erhaltenden Kräfte ist aber auch unpolitisch und auch aus diesem Grunde unvereinbar mit den Bestrebungen einer Partei, welche, wie die conscrvative, den Anspruch ergebt, die vaterländischen Geschicke maßgebend zu beeinflussen. Das von allen Seiten ertönende Hcpp-Hcpp-Gcschrci muß unsere israelitischen Mitbürger nothgcdrungen;»~ solidarischem Zusanimcnstchen zwingen und selbstverständlich zu einem Anschluß an diejenigen politischen Parteien bestimmen, welche sich aus kluger Berechnung ihrer annehmen. Ans diese Weise ist die an sich eigentlich ganz unnatürliche Interessen« gemeinschast zwischen Iudenthnm und Dcutschfreifinn entstanden. Dem Iudenthnm wohnt chatsächlich ' in vieler Hinsicht ein conscrvativcr Grundzug innc. Die.Zähigkeit, mit welcher cS an den Sitten und dem Glauben der Bätcr fcsthält, ist unstreitig eine ihm innewohnende conscrvative Eigenschaft. Das vornehme und begüterte Indcnthum liebt es, sich den Gewohnheiten der Aristokratie zuzuneigcn. Es ist ebenso gewiß, daß es zahllose sehr cdeldcnkeudc Juden gibt, an denen sich mancher Ehrist eilt Beispiel nghmcn könnte, und die mit den Verirrungen ihrer Stammes genoffen nicht das Mindeste gemein haben und gemein haben wollen. Einer staatsklug opcrircndcn coitscrvativcn Parteileitung hätte cS da ein Leichtes werden können, alle diese Kreise der conservativcn Sache zn gewinnen und sie in steigenden Progressionen selbst mit der christlichen Weltanschauung zu versöhnen. Statt dessen stößt man jetzt einen Factor sast gewaltsam von sich und in die Reihen der Gegner, der doch immerhin ein Machtfactor ersten Ranges geworden' ist und vermöge seiner enormen Capitalskraft und seiner hohen geistigen Begabung als solcher betrachtet sein will. Mit ein paar antisemitischen Brandreden ist die gewaltige Macht des Judxnthnms, zumal bei dem internationalen Zusammenhang dcSsxlbcn, nicht aus der Welt zu schassen. Um dies zu begreifen, dazu bedarf cs doch nur geringer Einsicht. Die Freisinnigen, welche die alte Montecucoli'sche Weisheit: „Zum Kricgführcn gehört Geld und Geld und nochmals Geld" sehr wohl würdigen, wissen eö sicher, maS die-Capitalskraft des IudcnthumS gelegentlich für Werth haben kanii. Die elementarsten Gebote der politischen Raison sollten daher den Eonscrvativen die Augen darüber öffnen, wie verkehrt ihr offcnes oder verstecktes Liebäugeln mit dem Antisemitismus ist, und welchen unsühnbaren Fehler sie begehen würden, falls sie nun gar noch das ofsiciellc Parteiprogramm mit feindlichen Satzungen gegen daS Jndenthum bereichern wollten. Unsere Heit will weder belacht noch beweint, sic will verstanden sein. Und wenn die Conservativcn sich etwas mehr mit dem Wesen der sie umgebenden realen Verhältnissen bekannt machen, werden sic das Verkehrte ihrer bisherigen Taktik vielleicht begreifen. Sic brauchen deshalb noch lange nicht auf den Kampf gegen den materialistischen Geist unserer Zeit zu verzichten und blind zu werden gegen die Beihilfe, welche die antichristliche Propaganda durch den KriticiSmus dcS Iudcnthums erfährt. Rach unserer Ansicht wird ihre Abwehr viel wirksamer sein, wenn Pie sich rein sachlich hält und sich nur vornehmer, ritterlicher Waffen bedient. Die besten Kreise des Jndcnthums selbst werden ihr an vielen bedrohten Punkten dann helfend zur Seite stehen. Mindestens will der hier unvermeidliche Kampf unter ganz anderen, ungleich größeren Gesichtspunkten als bisher ausgenommen und nicht mit demagogischen Mitteln, nicht mit einzelnen socialpolitischcn Pflästcr chen, sondern im Rahmen einer großcrfaßten Reform der für die StaatSpraxiS dcö letzten McnschcnaltcrS maßgebend gewesenen staatö rechtlichen Satzungen geführt werden. Dies sprechen wir von nnscrcm streng conservativcn Standpunkt aus. Perei» zur Abwehr des Antisemitismus.) Freitag den 23. d. M. fand eine Vorstandssitzung des „Vereines zur Abwehr dcö Antisemitismus" unter dem Vorsitze dcS Herrn Präsidenten A. G. Freiherr« v. Suttner statt. Auf der Tagesordnung stand die Bcrathung über die Maßnahmen für die kommende Wintersaison, in welcher der Verein eine rege Lcbensthätigkeit zu entfalten gedenkt. Auf die Ergebnisse dieser Beöathung werden wir im geeigneten Zeitpunkte noch zu sprechen kommen.

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