Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 25 (25.9.1892)
- Date
- 1892-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Freies Blatt. Seite ".5. i()ii gesellschaftlich »nd wuthschaftlich kalt, der Landespräsident fürchtet diesen Bann, und der gemeine Mann scheut sich gegen den Nabln vor (Bericht auSzusagen; und über Einkünfte verfügt dieser Wunderrabbi, wie sie der bedeutendste Schauspieler des Bnrgtheaterö nicht bezieht. Nabln Friedmann ist offenbar ein Ehrenmann. Aber das; die Anti iemiten diese» traurigen Fall gegen uns auSznspiele» wagen, setzt ent weder' große Dummheit oder große Schlechtigkeit voraus. Dieser wackere Rabbi ragt wie ein abschreckendes Beispiel, in die moderne Zeit herein, als sollte nnS gezeigt werden, wohin Aberglaube, religiöse Unduldsam 'eit und Ehinesenthum führen inüssenT Man wird ganz vergebens das liebet damit zu beseitigen trachten, daß man Herr» Friedman» vor die schranken deS Gerichtes zerrt. Bald wird ein Anderer an seiner Stelle scheu und Bannflüche schlendern und den Wahnwitz schröpfen. Dem Vernünftigen kann eö gar nicht zweifelhaft sein, wo hier die Krank' :\it sitzt. In Böhme» oder Sesterreich, ,Frankreich oder Dentschland mürbe Herr Friedmann schlechte (Geschäfte machen, nnd die dortigen Inden würde», sich um seine Bannstrahle» einen Pfifferling scheren. Wen» die moderne Gesellschaft die Juden der Bukowina und Galiziens brüderlich z» sich emporheben würde, wenn sie dieselben nicht wie Aussätzige von sich stieße, sie nicht zwänge, eine Kaste zu bilden, in der bald alle Sitten, alle Lebensbräuche versteinern, wenn man diese .»men Stiefkinder der Enltnr mit den milde» Anschauungen der Eivili saiion befruchten würde, dann würden die Wnnderrabbine» von selbst verschwinden, so gut wie gewissd „Heilige" der neuesten Zeit, gegen lvelche die Gerichte einziischreiten sich bemüssigt sahen. Wer aber kämpft gegen jene Abschließnng, gegen jenes Ehinesenthum, .gegen de» Aber glauben» gegen die petresacte nnd petrisieirende Srthodorie auf allen Seilen, wir oder die Antisemiten? (Gerade die Berhültnisse, welche sie ichasien wollen, würden die anSgezeichnetsteit "VoranSsetznngen für ^.'»nderrabbinen n In Friedmann bilden, ja es würde das jüdische Beispiel auch bald "Rächahniung von anderen Seiten finden, wo mg» nicht ans Thora nnd Taliinid eingeschworen ist. Ter Wunderrabbi von Sadagora ist eine ineorporirte Anklage gegen antisemitische Dogma, »nd nur die vollständigste journalistische Un iälngleit der Antisemiten inacht es nnS begreiflich, warum sie diese Episode in dem Procrsie nicht vollständig todtgeschwiege» haben. Albert von T erckger. Das Kol Nidre-($5ebet. Seil einiger Zeit verbreiten die Antisemiten ein Flugblatt, in welchem behauptet wird, daß das die Feier des jüdische» VersöhnnngS festes einleitende liebet, welches mit den Worten K«> Ni-Ii-- Alle Gelübde) beginnt, eine Gutheißung deS Eidbruches entbalte. Tr. Hirsch Hildesheimer in Berlin tritt nun in.einem Flngblatte, das als Beilage der „Jüdischen Presse" erscheint, dieser Anffassnng entgegen nnd erklärt sie als „infame Lüge und "Verleumdung". Nicht das erstemal, daß sich die antisemitischen Bibel-,nnd Talmndforscher dieses furchtbare Wort inö Gesicht schlendern lassen müssen, ohne da gegen etwas zu ihrer Rechtfertigung Ihnn zn könne». Es hat für nnS daher auch schon längst de» Reiz der "Neuheit verloren, den Herren ilire schamlosen Fälschungen Vorhalte» zu können. Da aber auch daS Wiener antisemitische Tagblatt znr Berbreitung der erwähnten „infamen Lüge inid Berlenmdnng" beitrug und in. Nr. 1 .*>■}< >, Abendausgabe vom Freitag den 1<i. September 180^, an auffälliger Stelle sowohl den Urtext dieses wegen seiner SangeSweise hochberühmten Gebetes in hebräischen Leitern sowje darunter ciirc angebliche liebersetznng brachte, möge hier auch die Widerlegung, wie sie Tr. Hildesheimer, gibt Raum finden. Für Richteingeweihte lassen wir zunächst die feilsche Uebersetznng der Gebetformel, wie sie das Flugblatt bringt, und die richtige liebersetzung nebeneinander folgen: ' Falsche Richtige II e be r i e tz n n g „Alle Gelübde, Entsagungen, Ba» »»»gen, Entziehungen, Kasteiungen »nd Gelöbipsse unfer jedem Rainen, auch alle Schwüre, so wir gelobt, ge schivoren, gebannt und entsagt haben werden — von diesem Versühnung? tage bis znm BersöhnnngStage, der zu »»ierem Wohle kominen möge — bereue» wir hiemit allesaininl; sie alle seien aufgelöst, nngiltig, »»bündig, aiifgehoben und vernichtet; ohne Verbindlichkeit'und ohne Bestand. - Unsere Gelübde seien leine Gelöbnisse; >vaS wir entsagt, sollen keine Entsagungen, u»d wa» wir beschwören, keine Schwure sein." „Alle Gelöbnisse, Verzichtleistnnge», Bannformel» der Versagungen, Biißun ge» oder >alS solche geliende Ausdrucke, durch die wir n»S etwas ge tobe», bekräsligen, u»S ver pflichten. oder »ns versage», von diesem bis zum nächsten,;>»» Gute» n»S eingehende» VersöhnnngS tage, berxiie» wir hiedurch, daß sie alle ausgelöst, erlassennnd vergeben seien,' null »nd nichtig, ohne Gellung mid Bestand. Unsere Gelöbnisse sind keine Gelöbnisse, unsere Versagungen sind keine Versagungen, und unsere Schwüre sind keine Schwüre." Jene Formel hat mit Eiden und Berpslichtnnge» Anderen gegenüber- — seien sie Jude» oder Ehriste» - absolut nichts zn thnn, sondern erstreckt sich h n r ans r e l i g i ö s e S el b st v e rp f l i ch t » » g e n, mit denen Jemand sich selbst Entbehrungen nnd Beschränkungen anferlegt. DaS ist in der Formel ausdrücklich gesagt, nnd um das Gegentheil behaupte» zn -können, wird'in dem antisemitischen Schand blatt eine niedertrü'chtige Fälschung begangen, indem-die ans schlaggebenden Worte „al nat'ooliatana" (d. h. „für nnS selbst" i. welche in dem beigegebenen hebräischen Texte stehen, i>i der deutsche» Uebertragnng unterschlagen werden. "Rach dem jüdischen Religionsgesetze gibt es nämlich Gelübde nnd verschiedene gelübdeartige Formen, durch lvelche Jemand sich selbst irgendwelche Berpflichtnngen anserlegen kann. Um nun nicht der Sünde zu Verfallen, im Vaitfe des Jahres unüberlegt eine solche Verpflichtung zn übernehmen nnd unbewußt oderunüberlegt zn übertreten, ist seit uralter Zeit in dem liturgische» Stück Kol N»Ire die feierliche Erklärung enthalten, >aß alle derartigen mr liberlegten Selbstverpflichtnngen — und mir diese — von vornherein nicht bindend sind.' Verpflichtungen,. welche man mit vollbewußter Ueberlegnng eingeht, und . nun gar Verpflichtungen, welche ejiicm Anderen gegenüber .eingegangen, nnd Eid-e, welche einem Andere» gegenüber geleistet werden, sind dagegen unter alle» Umständen bindend. Daß vollends Eide, die vor (Gericht, gleichviel in welcher Form, geschworen werden, . absolut bindende, unlösbare Kraft haben und behalten, braucht »ach dem (besagten »ich) betont zn werden. Um jedem Schimmer eipeS Mißverständnisses vorznbenge», -wird in den jüdischen Gesetzschriste» und in allen Gebetbüchern. welche das Iv'»I Ni<li-f enthalten, mit nachdrücklichster Entschiedenheit betont, daß die- Formelsich auf Berpslickstungen nnd Eide "Anderen gegenüber nicht entfernt bezieht. Dies wird aber nicht etwa bloß -von jüdischer Seite behauptet, sondern auch von, christlichen Gelehrte» rückhaltlos bestätigt'. So z. B. erklärt Eisennienger, einer der grinimigsten Judenfeinde.' aller Zeiten sin „Entdecktes Jndenthiiin", Theil II, . S. :"><)l): „Berichteter maßen können die Inden weder durch die am Ver sühnu ngsf est gebraeu chliche E n tbi.ndu n g der Evd schwuren durch c' <> l Nid re, »och sonsten von einem vornehmen Rabbine» oder drehen schlichten Männern v o in E h d, d e» s i e einem E hr ist en-, oder der christlichen Sbrigteit thnn, nach ihrer an gezogenen Vcljr loßgesprochen werde» " Tr Franz Delitzsch, weiland Professor der evangelischen Theologie an der Universität zu Leipzig' (in „Rohling's Talmudjude", VIl. Ans läge, Leipzig 1881, Seite 5>^) sagt: „Was aber das Ungeschehen machen geleisteter Eide betrisst, welche der-Jude in dem Ko! ni-lrextvm Vorabend des VersöhnüngSfesteö eifleht, so wird dieses Ungeschehen machen durch de» Zusatz il:ins;\ritn ul, ii»fs--liat»na' (d. h durch welche wir »ns auf unsere eigene Person verschwöre» Habens ausdrücklich aus solche Eide beschränkt, welclzt inan ans freiem .Willen.vor sich selbst abgelegt hat, alszk auf eidlich übernommene »nd hinterdrein alS süudlich oder niiauSführbar rrkannte S el bst verp f l icht» ng e n, mit Aus, fchlnß gerichtlicher Eide und mit^Si^se» des Nächste» eidlich ü b e r n o in m euer V erpflichtunge» gegen diese ir." Tr. Hermann L. Strack,. Professor der evangelischen Theologie an der Universität zu Berlin, veröffentlichte, alS Erhofprediger Stöcker iin Jahre 1 iSSf» in sattsam bekannter Manier das Kol Nicki - zu An griffen gegen Inden nnd Judenthnin ausschlachtete, in der „Rrenz zeitiing" eine Erklärung, in welcher er, gleichwie in feinen Wissenschaft liehen AnSsühriliige» in „Herzvg'S Real Eneyelopädie für protestantische Theologie lLeipzig 1881), Laiid VIII, S. l-k7 fg., wiederholt beknndel: „In der Formel Kol Nicki-,- ist, wie eine Vergleichung von 4: M 30, 3 (s. auch V. 11 ( ergibt, »icht die Rede von Eiden, die anderen geleistet werden, sondern nur von Gel ü b d e n, V erpslichtungen, die man sich^selbst anferlegt. Gelübde und Eide, welche einem' Andern geleistet sind, sind unlösbar, außer wen» die betheiligte Person anwesend und einverstanden ist. Das ist die eiiislimmige Ansicht der maßgebenden . jüdischen Autoritäten. Dazu kommt »och, daß in den »leisten neueren Ausgaben der Festgebete in einer Annierknhg nach drücklich erklärt wird, daß durch diesesliturgische .Stück die Interessen Anderer nicht berührt werden AnS der Formel Kol Nidre kan» daher kein Bedenken gegen . di- Glaubwürdigkeit des von einem Juden geleisteten Eide» hergenoinnie» werden." Ebenso nrtheilen ausnahmslos alle christlichen Gelehrten Und wegen dieser liturgischen Einrichtung, die -dock) mir die peinliche Ge wissenhaftigkeit bei Heilighaltung des "Wortes, sogar dessen, daS inan 'sich selbst gibt, bezeugt, erfrecht; .sich antisemitische Verlogenheit, die ,Jnden alS „ein Volk, wie es glmeingeführlicher und verd "röter wohl kann, gedacht werden kann", z» vernnglimpfen. Alle anstiiiiia »>-.