Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1892-09-25 · 25 (25.9.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
25 (25.9.1892)
Date
1892-09-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4886575-5439132-5439229--0247-4886794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Freies nieder!" (llnfer liebenswürdiger Märchendichter hat wahrscheinlich t in mal ein Heft der gleichnamigen Monatsschrift zu Gesicht be i foinjnni mid dasselbe für eine abgeschlossene Broschüre gehalten; solche kleine Beruhen muß inan ihm schon zugute halte», er ver sieht eS eben nicht besser.) Fahre» wir fort: Nach dem ölten deutschen Sprichwort „Ein Narr macht zehn Narren", macht die Berfasserin dieser teuflischen Schrift nicht zehn oder hundert, sondern lausende zu Narren. Nach diesem großen Erfolge, der ^dem Jndcnlhnm so enormen Gewinn eintrug, wurde die Glückliche von der „Jndenprcssc" zum „FriedenSengel voll Harniersdorf" ssvrich: Harmannsdorf ernannt. Auch „sogenannte BolkS dildungsvereine" sind bei dieser Ernennung conzpromittirt. Damit bat man sie aber noch'nicht genügend belohnt; eS wird ihr ge i'raUel, eine Nolle bei den modernen FriedenSeongresfen zu spielen, und das paßt sehr gut zu der Nolle alS geistiges Haupt der ..Jndenschntztrnppc". , Verehrter Dichter und Humorist, die Ehre, dieser Elirelruppe vorznslchen, möchte mit Ihrer gütigen Erlaubuiß doch der Schreiber dieser Zeilen für sich beanspruchen.) Also die angebliche Doppelrolle paßt sehr - gut de» Juden, weil in beiden tEongrcß und Schutztruppe) die Geschäfte der Inden besorgt werden — verlangt doch die internationale Demokratie und Soeialdemokralie, daß die FriedenScongreffc ans die Beschränkung des NalionalitütSgefühlö hinarbeiten möchten. — Hier flicht der Dichter einige tiefsinnige, hochmoralische BetrachlKngen. über NationalilätSgefühl, Nationalitätenfrage, NalionalilätSprineip ein, alles das Dinge, welche die Antisemiten bekanntlich' gepachtet -haben und die in d«in Jndenthnm einen erbitterten Gegner finden. Das schöne Märchen findet leider einen etwas überhasteten Abschluß: „Der Evngreß endet mit einer grellen Nationalitäten dls'onanz, die .fast in. eine Nanfcrei ansartete!" So ist eS also den bösen Inden im Jahre gelungen, durch ihre Werkzeuge die FriedenSeongrisse zu beeinflußen und zu beherrschen! Und die Moral, die aus dieser reizenden Erzählung hejryorgehe? Nun, daS ist man schon bei diesen Herren gewohnt/ daß sie sich betreffs der Moral und der Logik keine graue» Haare wachsen lassen. Die Hauptsache ist gethan: Daö Wort „Jude" mit den angemessenen Variationen und Epitheten ist in möglichst augenfälliger oder vielmehr aufdringlicher Weise, angebracht, und damit hat der Wack>rc sein Tagwerk abgearbeslet. Ja, mit solche» Geschichtlein lractiren die Hochweiseu und Gelehrten 'von der antisemitischen Presse ihre Vefer, und die Leser laffen sieh rntsig AehnlicheS auftischen! Ein alles deutsches Sprich-, wort sagt auch: „Wie der ^>err, so der Knecht!" Muß man da niehl deii bcreehligtc» Schllix ziehen, daß der Schreiberknecht sich bewußt ist, dem Herrn jene geistige Dosis zu präsenliren, bicdenen Fähigkeiten am besten entspricht? So lange unsere Gegner über keine größeren Talente verfügen nie solche, brauchen wir uns über ihre Angriffe die glite Laune ' nicht verderben zu lassen. Nein, wir fühlen uns eher versucht, sie leeiit herzlich zu bedauern, ja, sie zu bitte«: „Aergert euch doch nicht gar so unsinnig,'es schadet euch, und überseht nicht: es nüt.-l uns. Eure Wuthartilel lmbcn den entgegengesetzten Erfolg: sie machen uns eine kostenlose Neelame und bringen uns stetig neue Mitglieder zu, so daß heute schon unsere FriedenSgescltschaft ein Bollwerk umgibt, an dem sich so mancher hohler Schädel zer schellen wird, und schließlich, wir sind sa FriedenSsreupde . . . wir wollen eben keine zertrümmerten Schädel sehen, selbst wenn sie hohl ganz hohl sind!" ( Randglossen zu dem, großen Zolldesraudatlons ' . ' proceß. > Bor dem Wiener Schwurgerichte spielt sich schon seit zwei Wockpn ein. Monstreproeeß ab, dem in den Annalen der Kriminalistik -jeder veil, eine hervorragende Stelle gesichert ist. 'Es ist wohl kaum hyperbolisch gesprochen, wenn man sagt, ganz Europa interessirr sich augenblicklich nie die. Bukowina«» Zustände, allerdings in einer Weise, die iür das bescheidene Ländchen nicht besonders ehrenvoll und schmeichelhaft ist. Ter ganze Beamtenkörper der Finanzverwallung des Landes, von ihrem obersten Ehes bis herab zu den untergeordnetsten Ereculiv- . orgauen, steht vor den Schranken des Gerichtes, um sich gegen ..eine Anklage zu verlheidigen, die in einen wahrhaften Abgrund von Coriivlion blicke» laßt Eineidigyfche Paichawirthschaft, wie inan sie in Blatt. Nr. 25. einem Rechtsstaate für unmöglich gehalten hätte, eine förmlich organistrte Truppe zur Uebervortheilung des Staates und Ausbeutung des inangelnden Rechtsgefühles im Volke, Proteetion, Stellenkauf und Stellenverschleuderung, Berfolgung jener wenigen ehrenfesten Staatsdiener, welche der sauberen Camaradie in die Karten blickten und nicht initspiele» wollten, der Beamte, der über-seine Bcrhältnisie lebt und sich auf unredliche Weise die Mittel für seine noblen oder genleine» Passionen beschafft, der Geschäftsmann, der als oberste Raison seines Handelns das Streben --nach billigem Gewinn betrachtet, die LaiideSkinder, welche ruhig die Gerüchte über diese Wirthschaft weitercolportirten und dabei keinen Ruf des GewiffenS vernehmen, sondern sogar Pie Berfolgung dieser Eorruption als LandeSverrath betrachten — das sind nur so^einige Bilder, wie sie unö aus den Berhandlungen des Wiener Schwurgerichtes entgegentreten, und damit das merkwürdige Sittenbild »och recht vollständig tverde, fehlen auch der steife Bnreaukratendünkel - selbst auf der Anklagebank und ein anwiderndes Stück blinden, halbasiatischen Aberglaubens nicht. > Wir können und wolle» »atüvlich weder die Borgänge noch die ganze Bedeutung dieses ProeesseS erschöpfen; aber einige Randglossen zu dem, waS die Berhandlungen bisher ergeben haben, können wir uns nicht versagen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die armselige Sensationösucht der antisemitischen Preffe auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen ließ, ohne ans die Juden loSznschlagen — sipen auf der Anklagebank «leben den vielen Christen doch auch einige Inden, Grund genug, von „jüdischen Zol ldesrauda nten und ihren Dpfern" zu spreche». Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „Wo kein Hehler ist, ist kein Stehler!" Das Geschäft der jüdischen Maisschmnggler hätte schlecht ftorirt, «venu ihnen die christlichen Finanzbeamten nicht an „Ehren Hastigkeit" ebenbürtig gewesen wären; wo bliebe» aber die. jüdischen Berführer bei den sauberen ProteetionSgeschichten, welche kein minder gravirendeS Moment der Anklage bilden? Uebrigens überlassen wir eS gaiyp dem Bergani, seine Sympathien dem Trrzienierki, Kobierski, Spendling u. s. >v. zu schenken; die Anklage hat jene „Dpfer der jüdischen Zolldefraudanten" mit so brennenden Farben charakterisirl, daß es eine Selbstverurtheilung ist, sich mit diesem Gelichter auch nur im entferntesten zu identisieire». Ueberhaupl bietet die richtige Beurtheilung dieses Proceffes einen Gradmeffer für die moralische und geistige Höhe des Beurtheilenden, «vie nicht leicht eine ziveite Gelegenheit. Meinungen sind controverö, persönliche Erfahrungen zufällig, statistische Zahlen geduldig, aber dort, im Wiener Landesgerichte zieht ein lebendiger Beweis gerade für unsere Anschauungsweise an den Augen aller jener vorüber, die sehen wolle» und können. Daß Tugend and Laster stets und überall an die Person geknüpft seien und unabhängig sind von Eonsession und 'Nation, Alter und Stand, daß die Ehrlichkeit nicht auSschießlich Besitz einer Naee »nd der Betrug nicht ausschließlich Fehler einer anderen ist, das illu striren die Bukoivinaer Zustände in einer Weise, daß sich die'' Anti semiten billig daö)Gesicht gus Schamröthe verhülle» sollten:. Es ist uns ganz gleichgntig, >ver schlechter und eorrupter war, der polnisch arisch-christliche Hofrath Trezienieeki oder'sein „rother Leibjnde" Gruder. Auf quantitative Unterschiede kommt es in moralischen Fragen sehrwenig an; es ist uns gleichgiltig, >ver der Berführer und wer der Berführte «var — wer sich har so leicht verführen läßt, steht moralisch nicht um ein Haar höher als der angebliche Berführer; die eine Thatsache steht aber fest, daß den Einen sein Arierlhum und Ehriftenthum ebenso «uciiig vor Unredlichkeit behütete, wie den Anderen seine semitische Abstammung und sein jüdischer Glaube. Tas ist'es aber, woraus es uns ankommk, auf die Bestätigung des Satzes, daß moralische Borzüge und Mängel ans rein persönliche Präcedenzien znrückgehen und — wie eö dieser Proceß beiveisl — höchstens durch die Einwirkungen des Milien zu erklären sind, mit Race, Ration oder Eonsession aber nichts zu thnn haben. Wie zur vernichtenden Widerlegung der antisemitischen Truglehren hat das Schicksal hier Gauner der verschiedensten '■Nationen, Rumänen, Rulhene»„ Polen, Deutsche, Betrüger verschiedener Eon fessionen und die Christen in überwiegender Mehrzahl und belastet init erdrückenderer Berantivortlichkeit in den Gerichtssaal gestellt. Und diesen Proceß wolle» die Antisemiten noch für sich ausschroten? 'Noch eines andere» Zuges, getviffermaßen nur einer Episode in dem großen sittengeschichtlichen Drama müffen wir gedenken, der gleich ivohl von ernster Bedeutung ist: der Geschichte von dem Wunderrabbi Friedmann von Sadagora. Es ist ein ganz prächtiges Stück Mittelalter, das hier zu unserer Keiintniß kommt. Der Heilige von Sada gora heilt Geistesschwund, verschafft Kindersegen, versteht sich auf jeg lichen HoknSpokuS^ in seinem Gebiete herrscht er wie ein Dalailama, denn wer nicht an seine Mission glaubt, den thnt er in Bann, stellt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.