Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 25 (25.9.1892)
- Date
- 1892-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Abomiemeittspreis: Sa»,jährig mit Postjusrndung . . fl. ü.SO. Halhjiibrig fl. I »». BicrteljShrig fl, —.6.',. Emzclne Nummern 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Wm Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion uud Administration: wie» I. Seitcrstätte IO.. Ruinmer 25. Wien, 25. September 181)2. I. Zahrgang. Per Antisemitismus und'^ie Friedetlsbewegung. Bo» A Äundaccar v. ZulIn er. Der Antisemit, wie er sich im Laufe der kurzen Zeit seines „officicllcn" Bestandes bis auf den heutigen Tag entwickelte, hat sich zu einem TypuS-herausgeschält, zu einer wandelnden Schablone, die immer und ewig dasselbe geschmacklose, armselige Muster anfweist, welches nicht der feinen Hand eines Künstlers, sondern der groben Faust eines talemlosen Handwerkers entsprungen ist. Sie gleiche» sich alle auf ei» Haar, diese Herren, einerlei ob sie sich zum gallischen oder moSkowitischen oder germanischen Arierthum rechnen. Es ist, wie wenn sie sich' zu cinesn internationalen Antiseiniten-Eodcx vereinbart.hätte», den jeder zu studieren und zur Richtschnur zu nehmen hat, wenn er in die wohllöbliche Bruderschaft aufgcnommen werde» will. Die Hauptartikel dieses Eodex lauten etwa: 4 „Du sollst in den Thate» der Nichtbrüder immer und allzeit ein unlauteres Motiv herauSsinde» " „Du sollst cs dir zur LebcnSrcgel machen, jedcil, der nicht zur ttaste gehört, zu verunglimpfen und zu verleumden." „Du sollst dir Rohheit und Gemeinheit im höchsten Grade zu eigen machen." „Du sollst jede Unternehmung, die nicht von deinen Oberen i»S Leben gerufen ist, verdammen, anfcinden und verhöhnen, auch wenn du von der Sache keinen blauen Dunst hast." „Du sollst der Wahrheit vorsichtig auS dem Wege gehen und dir eine vollkommene Geläufigkeit im Lügen aneigncn." DaS wären ungefähr die Verhaltungsmaßregeln für den Durchschnitts Antisemiten, für de» gewöhnlichen Soldaten in dieser prächtigen Armee. Hat der gemeine Mann den Ehrgeiz, eS zu' einer Eharge zu bringen, dann ist eS nothwendig, daß er sich auch »och durch die Kunst der Rede-,und der Schrift hervorthue. Dazu bedarf eS glücklicherweise für die Avancementlustigen keiner beson deren Schulung und Bildung: er braucht sich nur einen inehr oder weniger reichen Borrath von zusammengesetzten Substantiven anzulegen, die jederzeit mit dem Hauptworte „Jude" in Verbindung stehen müssen, wie z. B. Judenpresse, Judeneleniente, Judenliberale, Judenknechte u. s. w. ad iuflnitiun. Dir Wahl der Eigenschaftöworte steht ihm frei; je kräftiger sie auSfallen, ei» »in so bedeutenderer „Redner" oder „Literat" ist der Betreffende. Ja, Literal! Die Antisemiten schmeicheln sich »ämlich, auch eine Literatur zu besitzen. Die schriftstellerischen Größen, die ihnen de» Text besorgen, liefern den glänzenden Beweis, daß daS wahre Talent heute einen erfreulichen Aufschwung »immt, und eS ist nur zu bedauern, daß sich diese wackeren Herren nicht'auch auf dem Gebiete der eigentlichen Literatur versuchen — waS sage ich, versuchen — daß sie diese nicht einfach als Vollberechtigte an sich reißen, denn sie würden alle die älteren und modernen Meister mit einem Schlage wegfegen, um von da an als alleinige Ge stirnr ersten Ranges am literarischen Himmel zu glänzen. , Diese Betrachtungen drängen sich mir inimer auf, wenn ich daS Glück, habe, eines der antisemitischen Organe zur Hand zu bekommen. ES ist wahrhaft ergötzlich, zu sehen, wie diese Helden vom Galltintenfaß wie auf Coisimando zu allem Stellung nehme», was nicht von ihrem Lager auS unternommen wird; wie sie da gleich hinausbrülle», daß wieder ein „Judcnmachwerk" das Licht dcS Tages erblickt habe, ein Unternehmen, gemeingefährlich, verdammcnSwerth, im höchsten Grade bedrohlich, da es wieder ein mal die Juden und ihre Handlanger auf die armen verfolgte» Arier, ja, auf den Bestand des Staates abgesehen haben. Zehn fach wüthend, ja von einem förmlichen Veitstanz gepackt zeige» sie sich, wenn ihnen daS Wort „Friedensgesellschaft" in die Feder fließt. Wqrnm? In erster Linie einmal, weil ihnen Alles, was mil Humanität zu thun hat, ein Wreuel ist. Diese Herren sind ja bekanntlich blutdürstig, aber blutdürstig, daß die alten Hunne» Spitzbuben gegen sie waren. Sie möchten um alle Welt gern Blut fließen sehen — vor Allem Judenblut natürlich — und dann schließlich hätten sie auch nichts dagegen, daß Andere, selbst Arier, den letzten Tröpfelt fiirS Vaterland hergäben, voraus gesetzt daß man nicht ihnen selbstmit einer solchen Zumuthung^ kommt. In zweiter Linie erregt ihre Galle der Umstand, daß sie in der Liste-der Friedensfreunde eine Reihe von Namen solcher Per sönlichkeitcn finden, die eS endlich einmal gewagt haben, dem Antisemitismus die Stirn zu Mieten. Das schlägt dein Fasse den Boden auS. Von diesem Augenblick an ist ihre Gegnerschaft eine' erbitterte, ihre Wuth eine blinde; so blind, daß sic nicht cinnial mehr fähig sind, zu verstehen, was FriedenSgesellschaften und. Frieden^congresse eigentlich bezwecken und anstreben. DaS konnte man zur Genüge auS den Artikeln ersehen, welche die Wiener Organe der Ankisemitensippe brachten, und daS finde ich wieder in einem Blättchen bestätigt, welches mir der Zufall in die Hand gespielt hat. Dieses treffliche Journal benennt sich: „Die Jude» frage", erscheint in Steyr und ist vollständig auf das Prograinin des reine» Antisemitismus eingcschworcn. Dem Verfasser mit einer ernsthafle» Erwiderung dienen, hieße dem Herrn zu viel Ehre erweisen; ihn belehren zu wollen, halte ich für verlorene Mühe, den» aus dem, was er da h ^geschrieben, ersehe ich,- daß er unfähig wäre, eine Belehrung aufzüfassen. J Ich möchte nur in kurzen Umrissen die Earicatnb wieder geben, die er durch sein Schriftstück von sich selbst, gemacht Hai. und zeigen, wie Unbildung, Unwissenheit und Rohheit genüge», um sich dnö Patent eines antisemitischen Journalisten zu erwcrbem Also: Vor mehreren Jahre» hgt eö ein Häuflein harmloser Menschen gegeben, welche eine Fricdenöliga bildeten; »ieinand nahm die Schwärmer ernst, man ließ ihnen ruhig ihre Unter Haltung. Da kamen plötzlich die bösen Juden und verdrängten diese stillen Idealisten, um sich der Sache.;» bemächtigen. tTer Mann hätte offenbar daS Zeug in sich, ein Märchendichter zu werden; die Geschichte läßt sich bereits ganz gruselig an.; Diese, bösen Juden, oder vielmehr „das Judcnthum" und die „Inden presse" wußten nun nichts Eiligeres zu thun, alS ein) unhcii» liche Frack, eine gewisse Bertha -v. Suttner, in den Vordergrund zu schiebe». (Man sieht förmlich, wie der „jüdische" Eoulissen schieber dieses Amt besorgt.) Nun steht sie da, diese Frau, die. nämlich von den bösen Juden belohnt werden soll, „weil sie so unermüdlich für diese Herrschaft cinstand" . . . Allerdings, die „Belohnung" durch dieses „In den Vordergrund schieben" ist so großartig, daß man schon Erkleckliches geleistet. haben muß, um. sich riner solchen Entgeltung würdig zu machen! Nachdem diese weibliche Gestalt so eine Zeitlang dagestanden und die Jpden mittlerweile den gegenwärtige» „faulen Frieden benützt habe», mit im Trüben zu fischen", läßt plötzlich diese unheimliche B. v. Suit »er eine „Broschüre" erscheinen mit dem Titel: „Die Waffen i