Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 24 (18.9.1892)
- Date
- 1892-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Freie» Blatt. hohe Zeit, das, dem Wühle» der Bielitzer antisemitische» Pädagoge» eine Grenze gesept wird. (Kritik oder.LerhctzUIlg?) Der antisemitische Journalist Tr. Erwin datier a»S Leipzig, der erst kürzlich eine wegen Majestätsbelcidigung ihn, anfcrlcgte zweimonatliche Festungshaft abgcbüßt hat, stand vor einigen Tagen abermals unter der Anklage wegen Beleidigung ^eS Reichskanzlers Grafen Eaprivi vor dem Strafrichter. «Gegenstand der Anklage war ein im „Zwanzigsten Jahrhundert" veröffentlichter Artikel, worin Bauer, der sich als Bcrfaffcr bekannte, den Kanzler wegen feiner Haltung dein, Abschluß der Handelsverträge heftig angriff. Tdr Angeklagte bestritt die Absicht der Beleidigung und behauptete, daß er nur die der deutschen Ratio» drohenden Gefahren zeige» und seinem Zorn und feinem Unninthc über dasgegenwärtige ^i,stein Luft machen wollte. Leine Kritik über Tr. Miguel habe er ano der Bcrgangcnhcit genoninicn. Ehe er Minister wurde, habe er in engsten Beziehungen mit Heu jüdischen finanzbehörden gestanden und >,eic Beziehungen als Direetor der- Tiseontogcsclljchaft gehegt und ^pflegt. Ter Staatsanwalt erhob Einspruch gegen diese Art dcrBerilicidignng, gegen eine solche Kritik der höchsten Beamten des Staates Ter Angeklagte führte des Weiteren? aus, daß er als berufsmäßiger Politiker daS Recht habe, öffentlich feilte Meinung zu äußer» und die Räthc der Krone vor falschen Maßregeln zu warnen. Ter Staatsanwalt ivar dagegen der Meinung, daß der Angeklagte gerade als berufsmäßiger Politiker cS mehr hätte verstehen sollen, eine sachliche «lrilik zu üben. Leider aber gebe es jetzt eine Richtung, und. der Angeklagte fei einer der ersten Bcrtrctcr dieser Richtung, die über den Rahmen der sachlichen Kriiit : inauszngehen liebe und eS nicht verstehe, weife Maß zp _ halte», sondern in alten solchen fällen immer in der i ii cksichtSlo sc st c» n n d sch o n » n g s l o s e st c » W eise an Stelle sachlicher Ein wändepersönliche- AnssäNc setze. Ter liöhniichc und hämische Ton, der durch de» ganze» Artikel gehe, zeige, daß eS dem Angeklagten darum zu thun war,;» beleidigen und die Minister zu treffen. Er beantrage drei'Monate Gefänguiß und Publieations-- iugniß für die beleidigten Minister. Ter lilcrichtshofcrachtctic den Artikel für beleidigend, da derselbe in gröblichster 'Weise die Ehre des Reichskanzlers Grafe» Eaprivi und des f inanzministers Migncl »er leizc. Ter Gerichtshof »ahm ferner an, daß der Angeklagte die Absicht '» der Beleidigung gehabt habe, und veriirtheilte ihn zu ein ent Monat e f ä ng »i ß. (Rector Ahlwordi »»d kein (5»dc. Es ist ei» wahrhaftiger 'Itäticnkönig von Injurien und Bcrleumdnngsklagcn, den die bernfs mäßige EhrabschneidungSsncht des biedere» Rectors^ aller Trutsche»" seit ctiva einem Jahre ausgeheckt hat. /Während noch Pie Untcrsuchnng in Sachen der famosen „Judenflintcn" im vollsten-t^ange ist und wiederholt wegen vorzeitiger Berösientlichnng von <^crichksbcscl>liisse» zu tleincrcn Processen gegen antisemitische rliedaetenre -wie neulich gegen den verantwortliche» Redactenr der „Teulfchen Wacht" Bruno Schippang) Anlaß gibt, mnßtc am September Hermann Ayl wardt selbst vor der zweite» Slraftammcr-des Berliner Landgerichtes I als Angeklagter erscheinen. Er stan^ unter der Anklage; den ge iammtc» preußischen Bcam tcnsta»d und besonders die juristischen Beamten öffentlich beleidigt zn haben. Am . 2!>. Setober v. kl hielt der Angeklagte in einer antisemitischen Bei iammlung in Essen einen Bortrag über das Thema: „llnscrc Justiz." Er soll dabei behauptet habe», daß die Beamten zu «!0 Pcrccnt verschuldet seien, und daß der gcsammtc Bcamtcnstand corrnmpirt sei. für die reichen Inden sei die Justiz nicht da, sic lönntcn Bcrbrechc» begehen, ohne zur Berantwortilug gezogen zu werden. Ter Angeklagte bestritt, die incriminirtcn Äcußcrungcn in dem Sinne steiha» zu haben, wie die Anklage behauptet. Er habe in Essen den Bortrag gehalten, um dem Antisemitismus 'neue Anhänger zu ge winnc». ES liege ihm als „treuen Ilntcrthancn" vollständig fern, den deutschen Bcamtcnstand;» beleidigen, selbstverständlich habe er nur j nd i s che Beamte und solche gemeint, die unter südi'chcm Einfluß standen. Einzelne fälle, welche er angeführt habe, um den verderblichen Einfluß des JudcnthuniS zu zeigen, könnten doch nicht auf den gesammle» Beamte» stand bezogen werde». Er habe den fall Blcichröder vorgetragen und bei dieser Gelegenheit behauptet, daß der Justizininister f riedbchg eine Iran zu «einer falsche» Aussage habe verleiten wollen. Polizeieomnimär Jamk, welcher die Bcrsammlung überwacht habe, habe selbst am folgende» Tage zu einem Zeugen gesagt, daß cS ihm nicht möglich ge wesen sei, dem Bortrage zu folgen, erhübe deshalb den Gerichtsdicncr beauftragt, zwei Ahlwardt'schc Broschüre», auf deren Inhalt sich der Angeklagte 'berufen, aus einer Buchhandlung zn hole». Rach diesen Broschüren"habe Eommisiär Janck seinen Bericht ergänzt, und deshalb' enthalte derselbe. Aussprüche a»S dem Bortragc und solche aus den Seite 6. Broschüre» durcheinander. Zeuge Polizcicoinmissär I a nck bestritt nicht, sich die Broschüren verschafft zu habe»; erhabe aber während deS BortragcS eine Menge Rotizcn gemacht und lediglich diese zur Gnuid läge seines Berichtes gemacht. ES fei zweifellos, daß der Angeklagte in seinem Bortragc gesagt habe- „Ter ganze Bcamtcnstand ist corrnmpirt und,;» GlPcrccnt verschuldet." Ter Angeklagte blieb dagegen dabei, daß er nur gesagt habe: „Selbst in den höheren Beamtenstand ist thcilwcisc die Eorruprion cingcdrnugcn", und er berief sich ans eine Anzahl Zeugen darüber, - daß seine Behauptung die richtige sei. Ter zweite Zeuge, G>»nnasiallchrcr Tr. Jansen aus Essep, bcknndctc, daß er die Äcußcrungcn Ahlwardl's ebenso aufgcfaßt habe wieder Elpinnissär Janck. Tic Rede Ahlivardt's habe besonders im Anfänge einen agitatorische» Eharaktcr. gehabt, sei dann aber etwas abgcschwächt worden. O'mi; bestimmt sei ihm erinnerlich, daß der A» geklagte u. A. gesagt habe: „Je höher der Bcanstc sicht, um so unwürdiger ist er oft in folge des jüdischen Einflusses" und „Wenn.ein armer Junge in einem Bäckerladen stiehlt, so wild er leicht gefunden, begeht ein reicher Jude aber ein Bcrbrcchcn, so 'ist der Staatsanwalt nicht da." .Ans Befragen des Angeklagten, ob der Zeuge nicht am Tage nach dem Borkrägc zu einem Eotlegeu geäußert habe,, er unter schreibe den'Inhalt des Bortrages Wort für Wort, erwidert der An geklagte, daß er wohl geäußert haben könne, daß ihn ein Thcil der Ausführungen smnpalhisch berührt habe. Er bekenne sich auch znm Antisemitismus, aber nur unter der Bornusiepung, daß alle That fachen, die vorgcbracht, und alle Schlülfe, die daraus gezogen würden, auch richtig seien. Ter Angeklagte wiederholte seinen Antrag, die von ihm angeführten EntlastnngSzeugcn laden zn lassen. Staatsanwalt Tr. Be ne dir widersprach diesem Anträge, während der Berthcidigcr Rechtsanwalt Hcrtwig für Annahme desselben cintrat. Ter ER richtsbof folgte dem Anträge, beschloß die eommissarische Bcrnrhninng bei v.orgcschlagcueu Zeugen und vertagte die Berhandlung. i Leopold Htiiiiliiirgtr's zweite Berpstichtliizg. Ter in frank surt a. M., U'hlandstraße G>, wohnhafte Hausbcsivcr Herr Leopold Hamburger veröffentlicht, in -der „Jüdischen Presse" folgende Erklärung „Rachdcm niemand bis jetzt >fich um die lO.UUO Mar^.bcworbcu, die ich für Rachwcis einer Stelle aus Talmud, Midrasch':c. über den .Ritnalmord' ausgesetzt, verpflichte ich niich, 1 f» ( H H), sage fünfzehn:' tausend Mark jedem zn zahle», der-gerichtlich mir 'nachweist, daß die u. A. in der Ulmcr Scksnellpost' Lkr. 1*7, Spalte 2, 42—<»()) im 'Juimeii von Paasch citirten Stellen icntnommcü.dcm .Judenspiegel von Justus Bricmann) wirklich int Schulchan Aruch enthalte» sind." (Tcr vorimsgcalllltk Plldor.! Tas Berliner Abwclsrorgan schreibt: Unsere Leser weiden sich entsinnen, daß nach der Meinung des Knust krititers -und Antisemiten Pudor in TrcSdcn Richard Wagner eigentlich Semil ist. Tics gehe nicht nur aus seiner Physiognomie hervor, die nirgends etwas Gcrmanischcs-habc, sondern auch anö dem nervösen »nd sinnlichen Eharaktcr-seiner Musik. Tiefe Lcuiitcnricchcrci, die ». A. auch in Rapoleon, Papst PiuS IX. und ncncrdingS in Bismarck die semitische 'Abstammung gerochen, bat, abgesehen von ihrer Albernheit, nicht einmal den »reiz der Rcnhcit. Ter „Allgemeinen Zcitililg deS Judenthums" von I*->7, S. Ji',2, cnlnchmcn wir zum Beweise folgenden ans dem „Echo" von 1*J7, Lieferung 1", ab gedruckten Brief August Lewald's an Me »er beer: - Goil bewahre uuS davor, daß irgend einer unserer kriiischeu Linier de» „Ton Juan" ein deniiches Werk nennen Hörle, er würde wgleich den Bau» i strahl danach schleudern, über Unmoral und Schlüpfrigkeilen feil'» in her Musik schreien und Mozart unbedingt dem „jungen Teulschtand" beigrteslen ' Wir hälleii dann wieder ein Bonn» über das andere, und die ganze' LOnneS der säuberen Clique anSzuslchen; »ud am Lude würde viellcichl von irgend einem verschrobenen »topfe ans Aiozart's ehrlichem Rainen seine jüdische AlsluiuT herauSbuchstabirl,. und wie er eigeultich MoseS geheißen. lHossiiianil von pj-allersitlitn nnd der Alttisciiiikismiis.» -Als es vor wenigen Wochen-anläßlich der Enthüllmig des Tenkmals für Hosfnian» von f allersleben auf Helgoland zu bcdcnlsamcn Kundgebungen , gegen die Raeenhclzc >uid die fratze deS RationaliSninS kam, that die antisemitische Lottcrpresie sehr empört über eine solche nach ihren *2^—. griffen dem Tichtcr angethanc Beleidigung. Kein Wunder! WeUtL» doch in Tcntschland und auch hierzulande die Bcrfammlnngc», in welche» der Beruichtuugskricg. gegen .unsere jüdischen Mitbürger ge predigt wird mit Hoifmann'S weihevollem Liede „Tcutschlaud, Tcütjchland über Alles!" iüaugnrirt oder geschlossen. Sb freilich der Tichter i» feinem Liede selbst Anlaß zu einer solchen Ausdeutung gegeben hat, oder ob er über den lymtigen Mißbrauch'-desselben sonder lich erbaut wäre, ist eine andere frage, um die sich die anliiemilischen Sänger »ud SeribcntcN wenig, scheren, - da ja Hossn'iaim lobt ist und sich also nicht wehren kann. Allbekannte Thatjache ist eS, daß er zeit