Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 24 (18.9.1892)
- Date
- 1892-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 24. Sette 4. Freier Blatt. rtiijtnltctfn die Männer der kueger-Schneider Partei ein wahres Wettinterpellireki. Den (Zipfel dieses kindischen Spieles bezeichnet eine Anfrage S ch» e i d e r-'s an de» Statthalter, warum nicht wegen der Cholera die Abhaltung deö internationalen Saaten in arkteS verboten worden sei. da zu demselben auch viele Theilnehmer ans Rußland zu erwarten waren. Der Saatenmarkt habe der überwiegenden Majorität nach aus Inden bestanden, welche der Statistik nach mit ansteckenden siranklieite» behaftet und zur Verbreitung derselben ge eignet ieien wie kein anderes Volk. Wie der Wnndermechaniker schon zur Zeit iner Interpellatiön überzeugt sein inußte^ ift trotz des internationalen Saalenmarktes noch kein Fall von astatischer Cholera in unterer Monarchie vorgekommen. Eine ernstere Gefahr für die Sanitätsverhälinisie scheint uns in den antisemitischen Versämikllnngen - zu liegen, da sich an denselben vorwiegend sehr zweifelhafte Elemente und sowohl. Bewohner als Inhaber gewisser Mafsenquartiere betheiligen. Was jedoch die dem Schneider'schen „Statistischen .Hausschatze" entnommene neueste Vehanpkuug betrink, daß „die Juden mit ansteckenden Krankheiten behaltet und zur Verbreitung derselben geeignet seien wie kein anderes.Volk", so. eonstatiren wir die wissenschaftliche Erfahrnngs ihatiache, daß gerade die Juden zu Eholerazeiten viel weniger der An „ steeknngsgesahr ansgesetzt sind als Nichtjuden. So verhielt sich in de» Eboierajahren 1 •'42 und 184‘J in Algier die Zahl dex krankten Jude» zu derjenigen der klcichtjuden wie 1:2: währendder Cholera in Vndavesk I^nc narben, wie Dr. Toriiian n/chweist, l >.'> Vereenl Christen und nur 0 2Ö7 Pereent Juden.. In einer 1*08 eFcliienenen Broschüre des Dr. Sealzi, Professor der Meinem an der lliiivernkät Nom, ivird fengestellk, daß bei der. Cholera in ücom im 'Ialire W>i> die Zahl der mit Dod endenden Cholerasülle f>i* lo Pereent inner den Katholiken, 42 85i Pereent unter anderen Consessionen und nur . 22 Pereent unter den Inden betrug. Hier nur einige Daren der - Sratinik". Wen» der Wnndermechaniker endlich sein statistisches Werk in Drink erscheinen lasten wird, iverden auch wir mit Weiterem dienen Ailliscm im Eonflictc mit Den Strafgesetzen.' Am 7. Scp t.iiiber wurde' in M i st e I b a ch der antiftmitische Gemeinderath und Fleischhauer Franz Neu mann unter dem Verdachte des Naubmordes, begangen vor 2-', Jahren an einem Gelreidehündler, verhaltet. Obwohl die ollemliche Meinung A'eumaiin jederzeit als den Mörder bezeichnet hakte, wurde derselbe doch vor zwei Jahren anläßlich der Neuwahlen in den Gemeinderaih als Candidat der antisemitischen Partei ausgestellt und auch von den strammen Bekämpften der jüdischen Cor , > iivlioii gewählt. :){ci(ii'HnttK>abficorbiictcr Siraii* vor feinen Wählern.) Dr. v. K r a u s erstattete Samstag den 10. d. M. vor seinen Wählern in Pol lau Steiermark leinen Nechemchastsbericht, wol>ei er auch anl den Antileinitismus zu. sprechen kam. Dr. v. Kraus sagte, das; die verschiedenen Vorgänge im antisemitilchen vager den Beweis erlftacht haben, daß der A n k ile m i t i s m n s mit Anlicorrup rion iv 7 e mit ehrenhalter (^efiitniuig nicht gleichb «- denk e ird sei.- Nedner bedauerte, daß so viel nationale Wärme jn;:elu'?ei Agitation lahmgelegt werde, und daß die Antiseiniteu bewußt oder unbewußt den Cleriealen Heerfolge leisten. „Vor den Postnlaten einer echt liberalen lonichriktlichen Gestiinnng," sagte Dr. v. Kraus, „wird der wüste, unSauf Jahrhunderte zurückwerlenöe, uns den .mmeveit Mächten nberlielernde Naeenhaß niemals bestehen können. Es in dies eine Rampftsark, die um io gefährlicher ist, als sie die Menge über die Verhöhnung des kleinen, möglicher iv e! >' e n »li> inpakhi s ch e n I u d e» b l i n d z n »i a ch e n droht g e g e ii ü b er de n v u m p e r e i e ii des christlichen Ausbeuter s." Dem stc.dner wurde von den Wählern einhellig die vollste Zusiiiiimniig ansgelprochen. Wie bekannt, gehörte Dr. Kraus eine Zeit' lang — allerdings nur ''ehr kurze Zdft^--—der sogenannten Stein ivender Parker an. ' Tic vtiltschhöhiiiiichcii Turnvereine-und der Amisemitismns,) Der Mißbrauch der deutschen Tuynsache zu antisemitischen Tendenzen, wie er jüngst bei den Turnerseslen in Bndweis und mehr noch in üceichenberg zu Tage trat, begegnet nicht allerorts in Böhnien die zarte Nnckitchi we von Seite der Herren Prade und Sch Ücker. Der Veit* liiei ieei Turnverein hat den Beschluß gefaßt, aus dem Moldau- Elbe Turiigan wegen der daselbst herrschenden antisemitischen-Tendenzen ansziilrelem Der Sprechwarr des Vereines, Dr. Funke, erklärte, daß der Turinath nur Duldung geübt habe, so lange die antisemitischen Aiilchaunugen nicht im- Moldau Elbe-Gau orficicU znm Ausdrucke gelangt ''eien, denn er huldige der Oftaubens- und Gewissensfreiheit: im Augenblicke ,edoch, in weleizem eine oslieielle Kundgebung im Sinne der Absonderung vorliege, könne er ziichls mehr gegen den Wunsch der aetive» Tnznerlchaft, ans dem?.>7oldau-Elbe-Gau aiiszutrsten. einnnnden. Dr. Fnnfe brrie' sich anl die nationale Olesinnung aller Turner und forderte sie zur Einigkeit auf,. die durch Meinungsverschiedenheit in Nebenfragen nicht gestört werden dürfe. Auch der deutsche Turnverein in Liboch erklärt in einem Cireulär öffentlich, daß er antisemitische Tendenzen nicht verfolgt, und daß er diesbezügliche Angriffe und Verdächtigungen entschieden znrückweist. Aehnliche Proteste gegen die Einschmuggelung der Seelenpest in die dentschböhmische» Turn.- vereine sollen auch noch von anderen Orten Böhmens in Aussicht stehen, und Herr Kieslich dürfte nach den goldenen Tagen von Neichenberg gar bald Enttäuschung über Enttäuschung erleben. (Ein Brief Rohlings.) In Berliner politischen Kreisen ist man zur Kenntniß des folgenden Schreibens gelangt, welches der als antisemitischer Sckiriftgelehrter und Talmudfälscher sattsam bekannte Canonirus Professor Dr. Nohling im Juli dieses Jahres nach der Beendigung des Proceffes in Cleve an einen gewissen Hummelsheim in Köln auf dessen Anfrage richtete. Der Ton, in welchem der Herr Canonieus ohne den Schatten eines Beweises d'en ganzen deutschen Nichterstand und nicht minder die Geschwornen tractirt, beweist aufs eminentere,'wie verrohend und geistig degradirend der Antisemitismus wirkt, und wie selbst seine sogeuannten geistigen Führer rettungslos in die niederste Brutalität versinken. Das Schreiben lautet: Prag. 24. Juli 18l»2. Herrn E. Huinmelsheim, Zdilnngseorrespondent, Kreuzweg 10, Köln Euer Hochwohlgeboren Anfrage um private Mitlheiliing meiner persönlichen Ueberzengung über den .üa,Neuer Mord kann .ich nur dahin beantworten, das, ich ans Grund der gerichitichen Verhandlung unzweifelhaft gewis, bin, das, die Bnichhosfs für einen rituellen Zweck <d. h. »m einem religiösen Bedürfnisse des iiidisckie.il Aberglanbens zu dienen l den Knaben geschlachtet haben, das, der Llever Proees, insbesondere eine Komödie ivar, mit Judengeld anfgefnhrl zur Verhöhnung der Gerechtigkeit, des ehrlichen chriitlichen Volkes und zur öffentlichen Toennientirnng der dein Jndenthum bereits znni Gehoisain unbedingt unterivorfeiien Staatsgewalt. Tie Geschwornen halte ich für mindestens super lative Esel. Von Nöldcke le>e ich, er habe erheblich mehr für sein Gntachlen. erhalten als die Gebühientare: wer zahlte dieses Mehr, iven» nicht, die Juden? Ick> baue als- Klosierroi stand solch ein Geld nicht angenonunen: sogar die Pharisäer wollten das Jndasgetd nicht, Hochachlungsooll 4 Canon Professor Dr Angnst Rohling Antisemitische Pädagogen.) Der „Freien Schlesische» Presse" wird ans Bielitz geschrieben: Es ist ei» osienes Geheimnis,, daß die Bielitzer Zuträger des Tropvauer aiitisemilischen Wochenblattes sich voriviegent ans Profefforen- und Lehrerleeisen reerntiren, und Angehörige dieser Stände ans ihrer denischnationalen Gestiinnng ebensowenig Hehl machen wie auS ihrer Abneigung gegen alle Nichtarier und gegen alle Nichijuden überhaupt, die nicht zu Schönerer's Fahne halten. Wir stehen nicht an, jedem die Freiheit znzngestehen, sich feine eigene politische Meinung zu eonstrniren, weil wir' dasselbe Recht für uns in Anspruch nehnieu. Aber etwas anders sieht doch die Lache ans, wenn sich ei» Pädagog in den Kamps der Parteien stürzt, ans dem Hinterhalt seine Gegner verleumdet »nd Haß predigt, wo er in den Herzen seiner Schüler die Keime der Menschlichkeit' und Tnldung zu pflegen berufen ist. Man wird sich der Ieremiade» in dem Antiseinilenblatte erinnern, welche dessen pädagogische Mitarbeiter an-s Vielitz an die Lchtilansweise über Nationalität und Eonsession der Schüler an den Vielitzep Mittel- und Bürgerschulen knüpften. Es wurde mit Eifer nachgerechnet,, wie viele Schüler polnischer und czechischer Nationalität »nd israelitischen Be keiiiuiünes die Wohllhaten de« Gymnasiums, der Real- und Gewerbeschule genießen, wie niete die Elasten der Bielitzer evchigejischen Volks und Bürgerschulen besuchen, um sich eine Summe von Intelligenz anzueignen, in deren Besive sie später das Wohlbefinden der dentschnaiiönal antisemitischen Ehrenmänner gefährden solle». Wie soll man von Pädagogen, deren Judenhaß und Teutschthümelei notorisch ist, erwarten, daß sie ihren nichtdeiUschen, .beziehnngS weile nichlchristtichen Zöglingen mit Gerechtigkeit und Unbefangenheit gegenübertrelen und sie nicht mit einem anderen Maßstade mesien werden als ihre christlich deutschen Schüler V Man schüttelt in der Schulstube die Gesinnniig nicht ab, die den Mann außerhalb der Schule charaklerisirt, und verleugnet de» Gcnndzug seines Wesens nicht. Wie man bei solcher Zwiespältigkeit der Ge-' sinnung und des Handelns des Lehramtes »ach Pflicht und Gewiffen walten kann, ist uns unerfindlich. Man zetert über die Juden, weil sie. sich der anstrengenden körperlichen und wiffenschastlichen Arbeit entschlagen und leichteren Erwerb im Wege des Güteraustausches suchen. Werde» sie aber zu Hand werkern, die sich mit Beihilfe milder Slistniigen in den Werkmeistereursen der Gewerbeschule ansbildeu, oder suchen sie i» de» höheren Elasten dihser Schul anstall Geschicklichkeit für die höheren Industriezweige zu erwerben, so schützt as ebensowenig die Jünglinge vor dem Geiser der Judenfeindlichkeit lind in die Hände dermaßen voreingenommener und ungerechter Lehrer ist das Wohl »nd Wehe vieler nichldeutschen und nichtchristlichen Studierenden gelegt Es ist