Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 24 (18.9.1892)
- Date
- 1892-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seit* N r7r. 24. ny-os der Versammliiiig kam tz.cn Bedrängten zn Hilfe, cS entstand Knäuel, in welchem man Freund und Feind nicht mehr von >i«andcr unterscheiden konnte. Nachdem die Keilerei einige Zeit gcdancrt hatte, erschien der RegicrungSvertreter in Begleitung von zwei Gend.irmcn mit anfgcpflanzteii Bajonetten wieder im Saale und stellte/ gut cs ging, die Ruhe wieder her. 'Nur langsam leerte sich der /aal. Herrn Dr. Kronawct tcr wurden bei seiner Abfahrt anS Kirche -chiag lebhafte Ovationen gebracht. , Tics in Kürze der Bcrlauf der Wühlcrvcrsainmliing in Kirchschlag, saelchc nttscrc antisemitische Preßmcutc in den wüthcndstcn ParorysmnS i,-rsctzl hat. Sic, die bewährten Versamiiilnngssprciigcr, die sich bei jedem .'litlnjj nur auf die 2ogik der Fäuste verlassen, die jede Ziisainniciikiinft niedlicher Bürger tcrrorisirtc», zetern »»» über Rohheit, rufen »ach -t-olizci und suchen den von ihnen gefürchteten Volksmail» Kronawcttcr »,,rch frevle l'iigcitiiiärcii bei den Wähler» der Innern Stadt zn ver >'übligcn. klm so kläglicher muß sich daneben der Sicgesjiibel anS -.-miien, zn dem sich das „Deutsche Volksblatt" i» dem gleiche» Athem raulaßt sicht. Aus welcher Seite hier Sieg oder Niederlage ist, kann - um Zweifel nntcrlicgcn. Nicht die liberalen, sondern die Antisemiten -aiicn ja hier eine Position zn vertheidigcn, und wenn es Tr. Krona ..-ikcr nicht gelang, zum Worte zu kdmmcn, so lag der Grund nicht der Minderheit der f01 tfd)vitt(id)cn Wähler; dicö hatte sich sonnenklar tu dem Ergcbniß der Wahl des Bureau erwiesen. Allein zehn Knechte \'ii»cit offenbar lauter schreien als hundert anständige Menschen, weil. r i’c sich überhaupt nicht zu solchen Mitteln herbeilasscn. (Gerade in 'ic>em syinptomatischcn llmstande liegt die Bcdcnlnng jener Bcrsamm l»ng: die Mehrheit der Wähler, wird man sagen, war gegen die anti 'emilischcn Phrasendrescher, allein diese» standen inchr Schreier nnd „ehr Fauste zur Berfügnng. Immerhin ist cs auch diesmal wieder an die Soync gekommen, wie wahr Tr. Vncgcr spricht, wenn er immer »oßmäulig behauptet, das ganze Bolk stehe hinter ihm. Wo ist hier /teg nnd 'Niederlage? ' - - /er Ausschuß des Tcutsch-fortschritttichcn BcrcincS für den Polin 'che» Bezirk Ncunkirchcn hat auf Anregung des Obmannes Ingenieur te n cdl beschlossen, in geeigneter Weise eine. E n t r ü st n n g s k u n d- .:ebn ng zu veranstalten nnd r>i v. Troll in Form eines Miß i:anensvolll»iS von der klnzufricdcuhcit seiner Wähler mit seiner sbäiigkeit nnd seiner politischen Gesinnung directzu verständigen/ Die Cholera und die ^uden. Welcher HerzenS» und OKsinnungSrohheit die Antisciniten fähig und, beweist der klmstand, wie gelegenihnen, das unsagbare, von dcr Eholcrn ausgehende, menschliche Elend und kluglüct koninit, wie sic diese allen Menschen gleich drohende (Gefahr für ihre niedrigen Zwecke anszubentcn suchen. Eine Polemik gegen'Menschen von so roher Denk and Handlungsweise wäre verlorene Mühe, da cs sich hier nicht um -ic Resultate ehrlicher Beobachtung und Erfahrung, sondern um willtiiilirtic 2-erdächtigungcn handelt, die aber leider Gottes in dem lange verhetzten, obendrein vom Schrecken zur Kritik noch nnfähigcr als sonst gemachten Volke dennoch Glauben finden dürften. Nützen in solchen Fällen ja selbst amtliche Richtigstellungen und Ansklärungen so gut wie nichts, da die antisemitische Votterprcsse nnbekümmcrt fortfährt, zu!iigeii und daS Gift des tödtlichstcn Hasics dem armen btthörtcn Volke mziiimpfen. Auch hier muß man sich, wie bei der Eholcia selbst, mehr aus das prophylaktische Verfahren beschränken, um die von dcr Tcelcnpcst noch nicht Ergriffenen, aber doch Bedrohten vor Ansteckung .» bewahren. Ilm zn sehen, wie sich der Jude und wie sich der Antisemit .gegenüber dem iinheimlichen Gaste ans den asiatischen Sümpfen verhält, mögen hier zwei Thatsachcn ncbcneinandorgcstcllt sein, welche allerdings durch den langen Zeitraum von sechzig Jahren von einander getrennt lind.- Toch sind wir fest überzeugtdaß sich die zu erzählende Opfer-' Willigkeit auch heute wiederholen würde, wenn es über unS verhängt wäre, von der Eholcra hcimgcsucht zu werden. (siegen Ende Oktober 1831 trat die Eholera in Böhmen auf und zog sich rasch nach Prag, wo sic am 28. November zum crstcnmalc lonstatirt wurde. Tort hatte man sichleider zur rechten Zeit zn wenig »m die damals den ganzen Eontinent durchschrcitendc Epidemie gekümmert und erst im- Juli einige Schntzmaßregeln getroffen. Tie VandessanitätScommission gab zunächst eine Belehrung heraus, wie sich jedermann zur Zeit der Epidemie zu verhalten habe, und im Anglist wurden Spitäler eingerichtet, wozu anch.PrivathSuscr gciniclhct wurden. Gleichzeitig erging, ein Aufruf zn -ösfentlichen wohlthätigen Spenden, damit der Armuth kliiterstützung nnd ordentliche Pflege zntheil werden könlic. Ter Ausruf blieb nicht ohne reichlichen Erfolg. Ter ganze Adel, die Geistlichkcit/'dic Bcamtciischaft, die Bürgerschast. der Kauf mannsstand, die gewerblichen Zünfte — kurz jedermann, der im stände wau, beeilte -sich, Opfer zur Abwehr und. Verminderung der' drohenden Gefahr zu bringen. Nur zu bald zeigte sich, daß die Vor. bcrcitlingcn sehr nothwcndig gewesen, denn die Eholcra brach mit vollcr Hestigkcit in Prag aus. Bis zum 25. Februar 1*32 erkrankte» in Prag 3270 Personen an Eholcra, von denen 13,40 starben, zumeist "arme Vciitc und Arbeiter, weshalb in Karolinrnthal die Zahl der Er krankiiiigcn und Todesfälle sehr l>ckrächtlich war. Unter denen, die sich der unglücklichen Opfer der Eholera mit aller Hingebung aiinahincn, that sich besonders Leopold Jerusalem, der Besitzer einer Kattnnfabrik in Karolincnthäl, hervor. Schon am 23. September berichtete die Vandessanitätseoiiimiision in ihren Ans weisen der eingegangeneir Spenden .von Jerusalem: „lobender Er wähnnng verdienen auch die wohlthätigen Beiträge des Herrn Jerusalem, Triickercibcsitzers, der nicht nur auf Ansuchen des Konnmcr .Kreis . amtes das für die armen Israeliten in Karolincnthal, Wyichchrad und Viebat liothwcndigc Ehlor unentgeltlich lieferte, sondern auch dem Oberainte in Karolincnthal versprach, für das Krankenhaus, welches in diesem Vororte eingerichtet werden soll, zehn vollständig eingerichtete Betten ans eigene Kosten zu stiften." Wopotb Jerusalem that aber noch viel mehr. Als er sah, das; eine nicht geringe Zahl von .Kindern durch die Eholcra ihrer Eltern nnd Ernährer beraubt worden war, nahm er sich der verlassenen.Waisen an, und sorgte in walnhail väier licher Weise für sic. Er micthctc für sic ein eigenes Heim, sorgte für ihre Beköstigung, kleidete~ftc, und damit sic nicht ohne Ucberwachnng seien, nahm er zn diesem Zwecke eine Frau namens Marie Flcißncr, die Gattin eines Invaliden, der gleichfalls der Eholcra erlegen war, auf. 'Nachdem Jcrnsalcin derart für die leiblichen Bedürfnisse der Verlassenen gesorgt hatte, war er auch bestrebt, für ihre sittliche Erziehung zn sorgen, da sich unter den Kindern auch solche bcsandc», die schon,des Unterrichtes bedurften, und cs damals in Karolincnthal »och keine Schule gab. Er forderte deshalb, den damaligen Schul " gehilfcn bei St. Peter, Engelbert Koubck auf, gegen entsprechende Entlohnung'die Kinder zu unterrichten. Tiefes von Jerusalem ans Anlaß der Eholcra im Jahre 1831 gegründete Asyl erweiterte sich zur Karolinenthalcr .Kindcrbewahranstalt, die erste Anstalt dieser Art in Böhmen, und gab in weiterer Folge auch wieder den Anlaß zur (Gründung der ersten Schule in Karolinenthal. So berichtet in schlichten Worten ein tschechischer 2ocalhistoifker über das Benehmen eines Prager Juden zur schweren Zeit der Eholera. Sechzig Jahre sind seitdem vergangen, aber die Schöpfung des Inden Jerusalem besteht noch fort zum Wohlc Unglücklicher. Wieder bedroht unS hie furchtbare Seuche, und wieder appcilircn die Behörden an die freiwillige Aufopferung der Menschen. Tcr AntiscinitiSmus hat seitdem seinen Segen über die Geister nnd Gemüther ausgcgossen,. i^id wie veredelnd dieser wirkt, zeigt ein Vorfall, der sich vor wenigen Tage» in Floridsdorf ereignete. Tic politische Behörde hat wie in anderen so auch in dieser Gemeinde die Anregung gegeben, für den Fall des Auftretens der Eholcra eine Sanitärswehr zu eoiistituircn. Tic Ge »icindevcrtretung suchte dieser Anregung dadurch zu entsprechen, - daß sie die für eine solche Aufgabe zunächst geeigneten Ortsvcrcinc zu etzier Besprechung cinlud, darunter auch die beiden Turnvereine. Ter fk<ei sinnige „O österreichische Turnverein" erklärte sich sofort bereit, seine . Kräfte zur Verfügung zu stellen,, der antisemitische, von der Gemeinde Vertretung reichlich protegirtc '-„Floridsdorfer Turnverein" ließ dagegen durch seinen als Agitator bekannten Sprecher schlechtweg erklären, daß cs ihm seine Grundsätze nicht erlaube»/ mit Nicht Antisemiten oder gar Jirdcii zusammenzliwirken. Tic Floridsdorfer Gcincindcvcrtrclnng hielt cö daher für das einzigRichtige, von der Bildung einer Saniläls wehr — vorläufig —abzuschcnl Wir haben cs ljlcr gewiß'mit zwei typischen Fällen zn lhun, und cs ließe sich mit 1'cichtigkeit die' Zahl der Beweise dahin mehren, daß älitiscniitischc llndnldsamkeit und Rohheit für die Ausbreilunß der Seuche ungleich mehr zu wirken geeignet ist als jene Eonfesüon, welcher der mohlthäsige und opferfreudige Leopold Jerusalem angehöne A l herl v. T c n-ge r. (Ans der nicdcröstcrrcichischcii staiidstiiht. Ter Landtag l,.u seine Tätigkeit wieder anfgcnoininen, und auch die Herren Anlisemile» sind wieder eifrig hinter ihrem Werke,'die ernsten Aufgabe» beitimmte kostbare Zeit des 2andcövertrelungskolpcrs durch eine müßige Inter, pcllationsihätigkcit zu vertrödeln. tMUid) in. derersten Sitzung vei