Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1892-09-18 · 24 (18.9.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
24 (18.9.1892)
Date
1892-09-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4886575-5439132-5439227--0238-4886786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freies Blatt. Th. 24. t» Seite 2. Siec$ oder Niederlage? Es gab eine Zeit, und sie ist kaum vorüber, wo die Furcht vor d.-iu Antisemitisinus wie ein bleiernes (Gewicht auf unserer (Gesellschaft I.iüeke. ic erdrückende Mehrheit der Bevölkerung stand ihm feindlich . qeqenüber, verurtheilte und verabscheute ihn, und doch hielt er, getragen von rohen Borurtheilen und niederer Gesinnung, Einzug in die Großstadt, machte sich in alle» 2tcÜit,tgen breit, tobte in allen VAsammliliigen, stolzierte frech durch die Ttraßen, und niemand schien ihm entgegentreten zu können oder zu wollen. Während der antisemitische in allen, selbst in den friedlichsten, selbst in den harmlosesten Kreiien unserer Gesellschaft auftauchte und überall Haß und Zwirirachk, und überall den Heim der Zersetzung fiiete, schien er in seinem eigenen Territorium unzugänglich, unüberwindbar und über'jede Anfechtung erhaben Ueberall Einstiinmigkeit, überall tosender Jubel; in geschlossener Phalanr, wie unbeugsame Flagellankenschaaren zogen die ‘•t'efeniiev in den Wahlkampf und spannten sich mit fanatisHer Unlerwurfigkeit vor den TiegeSwagen ihrer Anführer. Es mar nicht zum erireninale in der Geschichte, daß eine offenbare Miuderheit die Majorität terrorisirke, sann wirkte aber in dem kleinen Häuflein meist die Zauber macht einer großen, mächtigen Idee. Hier schien man es mit einem Trachen zu .ihn» zu haben, vor dessen giftigem, stinkendem Cbem selbst der Beherzteste wie gelähmt und gebannt zurückbebte. Auf diese Wetze setzte sich selbst bei ('eilten von festem Vertrauen auf die gute Tache der Glaube an die Ilnbesiegbarkeit des Antisemitismus fest, und unberechenbar ist es, welchen Schaden diese Verzagtlput bei Wahlen verschuldete, indeni gar. viele, eingeschüchtert durch die antisemitische Glvßniänligkeil, ihre Tache im vorhinein verloren gaben und gar nicht zur Urne gingen'. Es war eine klägliche Lage voll Hoffniuigs- und Trostlosigkeit, bis endlich Muthige aufstanden, welche den Rimbus des Antisemitismus in Fetzen risieu, welche dem Trachea in geilten llnterschlups zu folgen wagten oder ihn gar zu offenem Kampfe aus den freien Blau lockten. Ta zeigte es sich plötzlich, daß daS Ungethüm emc innen hohle Theaterpuvpe, daß das berühmte „Volk", welches stets io einhellig und begeistert den Führern zujubelte, nichts als eine geschickt dirigirle Eomparsenschaar sei, und daß der liebe Antisemitismus überall auf den schrosisten Widerspruch stoße, wo er nicht, durch eine' nndnrchbrechbare Kette gedungener Fauste bewacht, auS sicherem Versteck feine Giftpfeile hervorschießen kann. Mil der ersten Persammlung, wo die Herren nicht streng unter sich waren, begann die terroristische Macht des Antiseinikismus über die Manen zu. wanken, und seither folgte Tchlappe auf Tchlappe. Ter Bann ist gewichen, der fortschrittlich gesinnte Theil des Volkes beginnt sich wieder zu regen, und überall wo er dem Antisemitismus entgegentritt, reißt er diesem ein neues Tlnck seines künstlichen Ansehens vom Leibe. Ties zeigte sich auch wieder am letztversloffenen Tonnrag in V irchschIag am Wecksiel, wohin der antisemitische ReichSraihsabge ordnete :>c. v. Troll eine Wählerversammlnng einberufen hatte. Daß es. bei dieser Versaminlung, welche doch nach dem hergebrachten Begriffe allen, also auch den nicht antisemitischen Wählern zugänglich sein mußte, aus eine jener abgekarteten, schablonenhaften antisemitischen Kundgebungen abgesehen war, beweist schon der Umstand,' daß sich R. p. Troll ans Wien die bekannten Zugkräfte Lueger, Geßniium und den Gemeinderath Tteiner verschrieben hatte. Außerdem bot das „Teutsche Volksblatr" durch eindringliche Aufrufe einen Heerbann bekannter >nittzemittzcher Krawallmacher ans . Wien auf, uübKüininerl darum, wie viel oder wie wenig diese, in einer Kirchschläger Wählerversammlnng zu tlmn hätten. Allein auch die'fortschrittlichen Elemente des Wiener Reustädrer Laudgemeindewahlbezirkes gedachten dieenasidie antisemitische ini.s<i-i-n-sct*iie nicht ohne Protest vor sich gehen, zu lassen, und so erschienen denn zahlreiche Wähler ans Gloggnitz, Aipang, Edlitz, vor Allem aber der eorporativ vertretene soptschrittliche Verein von Renntirchen mit seinem Tb in an» Ingenieur Ruedl au der Tvitze ans dem Wahlfelde. Tie Führung aller .fortschrittlichen E leinenle war dem bewährten Wiener Volksmanne T'vTai r o n a- >v eile v angeboren worden, welcher .auch zllm nicht geringen Entsetzen der Herren Antisemiten mit einigen Wiener Parteigängern zur. Ttunde am Platze war. ' Bon die'em Momente an nahmen die Vorgänge einen geradezu siimr loniätiichen Verlauf. Als die Antisemiten sahen, daß sie nicht, nnker sich bleiben sollten, verlegten sie sich aus das.beliebte Mittel der Brachialgewallt Antisemitische GesinnungSbolde, Knechte des sic. von Troll, Allesdurcheinander, geführt vom Gemeinderath Tteiner, besetzten die Thüren des Versammlungsloeales im Gemeindegasthause und verwehrten jedem 'fortschrittlichen Wähler den Eintritt, so daß sich diese denselben mit Gewalt eruoingen mußten, wobei sich stürmische Teeneu ereigneten. Endlich war es den fortschrittlichen Wähler» doch gelungen in großer Zahl in das Local zu gelangen; in ihrer Mitte befand sich Tr. Kronawetter, der von dem Jubel der Liberale» und Demokraten unaufhörlich begrüßt wurde. Kurz vor 3 Uhr wurde die Versammlung eröffnet, und sofort zeigte sich's, daß die Männer des Fortschritts numerisch in der Mehrzahl waren; denn der von Troll vorgeschlagene Vorsitzende wurde nicht aeecptirt, und trotz des heftigen Tträubens Troll'S übernahm der liberale Bürgermeister von Kirchschlag, Herr Kindl, die Leitung bet Versammlung. Abgeordneter Troll begann hierauf seine Rede herabzulesen, in welcher er oft von den Fortschrittlichen unterbrochen, eine wahre Fluth von Tchmähungen und Lügen auf die Liberalen ausgoß. Wiederholte Aufforderungen Kronawetter's und seiner Anhänger, die gemachten Ver leumdungen durch Thatsachen zu beweisen, überging er mit ebenso edlem Anstande, wie er die Antwort, auf die stürmischen Fragen schuldig blieb, worin denn eigentlich seine Thätigkeit im Reichsrathe - bestand. Rach ihm kam, trotz des heftigsten Widerspruches der Versammlung, t! n e g c r zum Worte. Rur nach vielen Beschwichtigungsversuche» des liberalen Vorsitzende» .gestattete die Versammlung, daß Lueger sprechen dürfe. Tie werden, sagte er, von mir nur die Wahrheit hören. - Tchallende Heiterkeit.) Tie können mir erwidern, denn ich bin ein Freund der Debatten. (Rufe: Teshalb haben Tie die Leute nicht zur Thüre' hereinlassen wollen.)' Ich appellire nie an .die Leidenschaft. Lauganhaltende Heiterkeit.) Redner erörterte nun die Verhältnisse des Bauern- und Gewerbestandes in der von ihm schon zum lleberdruß gehörten Weise. Er wurde nach fast jedem Tatze unterbrochen, man rief ihm zu: Phrasendrescher! Tie reizen die Ttände gegeneinander auf! Abgeordneter Lueger: Wenn eS so fortgeht, ist der Bauernstand verloren. ,(Ruse: Beuschelreißer!)• Ter Gewerbestand geht nach und nach ganz i unter, in den Wiener Vororten find bei ihnen die Pfändungen an der Tagesordnung. -Rufe: Ja, es wurde ihnen sogar der Herrgott, und zwar von Ihne» gepfändet.) Erkundigen Tie sich-nur bei dem Führer der fortschrittlichen Partei.. — Tr. Kronawetker: „Ich bin nicht der Führer der fortschrittlichen Partei, ich bin das, was Tie vor fünfzehn Jahren waren, Tr. Lueger, ich bin ein ehrlicher Temokrat (Ttürmischer Beifall.) Ich geh' nicht heut' mit den Tchwarzen, morgen mit den'Rothen! Ich bin mir treu geblieben." Anhaltender Beifall folgte diesen Worten. Lueger wollte weiter sprachen, konnte aber die Tchlnßrufe nicht überkönsii. Man ries ihm unausgesetzt zu: Herrgotlspfünder! Farben könig! Beuschelreißer! Endlich gelaugte er wieder zum Worte und zog neuerlich gegen die Liberalen los. Seine weiteren Ausführungen über den Antisemitismus crregten jedoch den heftigsten. Widerspruch. Er^ wurde fortgesetzt unterbrochen und schloß, dann unter heftigem Zischen und höhnischen Zurufen seine Rede. Run verlangte die Versammlung in stürmischer Weise Tr. Kronawetter zu hören. Mehrere nahe der Tribüne postirte Geistliche protestirteu heftig dagegen. Tie haranguirten die vorne besiudlichen Anhänger Troll'S, und diese suchten de» Zutritt zur Tribüne zu verlegen. Tabei traten einige auf dem Gute? des Herrn v. Troll bedienstete Knechte in Action, sie wurden jedoch beiseite gestoßen, und Kronawetter-gelangt endlich auf das Podium, von den stürmischen Hochrufen der Versammlung begrüßt. Runmehr provocirten Gcßmann und (Gemeinderath Tteiner einen argen Tcandal. Erfterer schrie, intzem er. aus die Tribüne sprang: „Ich habe mich früher zu», Worte gemeldet!" Tteiner rief: „Ter Bauernfeind darf nicht reden!" Auf der Tribüne discutirten Kronawdtter und Geßmann heftig miteinander. Geßmann schrie: „Tie werden nicht erleben, das; Tie vor mir reden." llnterdesseu herrscht in der Bersammlnug ein großer Tumult; einzelne Personen werden handgemein; ein Wähler tritt auf Tr. Lueger;n und ruft ihm ins Gesicht: „Tie haben Ihr Versprechen gebrochen, weil Tie jetzt »ach Ihnen niemand mehr wollen reden lasieu. Tie sind von nun an nicht mehr Tr. Lueger, sondern der Tr. L .... er." Tr. Lueger schreiend: „Ich werde Tie dafür bei Gericht belangen; wie heißen Tie?" Wühler: „Ich rede weiter mit Ihnen nicht. Uebrigens wird Ihnen jeder der Anwesenden meinen Rainen nennen." Eine andere charakteristische Tcene spielte sich unmittelbar daneben ab. Ter Wähler Lehrer B e ch t o l d »ahm eifrig Partei für Tr. Kronawetter. Ta trat der Eooperalor von Kirchschsag, E tz, auf ihn zu mit den Worten: „Tie, sind Tie ruhig, sonst zeig' i ch T i e wegen (Gotteslästerung a n, Tie haben ^gestern das Allerheiligste nicht gegrüßt." Tie Aeußerungen dieses Geistlichen veranlaßten d,ie Zeugen dieser Tcene zu Ausrufen der Entrüstung. Ter Tumult in der Bersammlnug dauerte inzwischen fort, so daß sich der Re gierungsvertreber schließlich veranlaßt sah, die Auslösung der Ver samnilung auszusprechen. DieS war das Tignal zu einer große» Prügelei. Tie Knechte des Abgeordneten Troll und einige Bauer», welch letztere sich bisher ganz passiv -verhalten hatten, brachten plötzlich Ttöcke zum Vorschein und stürzte» auf einige liberale Wähler. TaS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.