Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 24 (18.9.1892)
- Date
- 1892-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Ab°nnt>nr»Wrkis: Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Ganzjährig mit Postzusendung . . fl. r.äv. , _ _ halbjährig ft. 1.S5. Bicrtcljährig fl. —«S. Ein,link Nummern 4 Ir. Elschklllt QU jedkM Soillltagt. Redaction und Adinmrstratio»: Wien I. Keikerftättc 10. Nummer 24. Wien, Isi. Zeptemlier I. — I. Jahrgang. -- ■ E,,-.« V, - T--i . i i ■ i ir ■TivTTrr-iTH- Unsere Volksbeglücker. Ein Aufruf zur praklijchen Bkkiiinpsuiig drS ÄiitiskmitisimiS. Eines der edelsten Institute, sagen wir ruhig daö fjiunnrftc van allen, welche Wien seit einem Jahrhundert geschaffen, ist die Wiener Freiwillige R c t t» n g ö g e s e l l s ch a f t, auf deren Banner Menschenliebe,' Sclbstlosigstit und Dcnuilh prangen. (Lin wahrer Sainaritanerbund ist da auS der-Mille der Bevölkerung über Anregung vielgereister, hochgebildeter Männer hervorgegangen, und wir dürfe» stolz darauf fein. Als das Institut Wurzel faßte, wurde allgemein gesagt: dieser Bercin kennt keinen Feind, wird niemals Angriffe erlebe», bringt keine Neider und Perächter, hat nur Bewunderer! Es kam anders; eS fanden sich zwar keine 'Neider, aber Verächter, gerade im Schoße jener Corporation, welche die Namen der Gründer der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft mit goldenen Vetterst an die Wände dcö Rathhauses schreiben oder ihnen Ehrcnjäulr» errichten sollte, im Wiener Gemrinderathe, als eS sich vor ei» pa'ar Jahren um die Erneuerung der städtischen Subvention für das Institut handelte. Stimmen wurden damals laut gegen die Subventionirung, eigentlich aber wieder nur gegen Fie Juden. Ja, jene» Leuten schien cs ein Verbrechen, wenn Juden wohlthätig sind, wenn Inden in der freiwilligen Pflege Verunglückter selbstlos sich opfern; nicht einmal Samaritaner sollen sie sein! Hat ein Kanzelredner damals dieses unchristliche Bor gehen verdammt'? Ich las nichts davon. Dieser, einer rohen LebenSauffassnng entsprungene Antrag fand sogar Anhänger, sagen wir beruhigt: nur bei den Anlisemile». Wien beantwortete diesen beschämenden Vorschlag durch eine reiche Gabe, die Freiwillige Reltungsgesellschaft durch sofortiges Verzichte» ans jede Subvention. Man sollte meine», cs wäre nun Ehrensache gewesen, die Subvention auf daS Dreifache zu erhöhen'?! Ist es geschehen? Meines Wissens nicht. Der Auösluß aisiiseniitischer Gesinnung, jene Begründung des Antrages, gibt uns heute noch zu denken: Also Juden, welche neben Christen in der Rettungsanstalt lhätig sind, sollen die Ursache sei», daß eine Stadtvcrtrctnng die Unterstützung der Unglücklichen, Kranken, Hilfsbedürftigen versagt'? Kannte jepialS das Christenthi»» Unterschiede der Confkssion'? Warum, ihr Herren Hetzcapläne, verdamint ihr nicht von der Kanzel herab diese Christen, welche daS Samaritanerwerk bekämpfen'? Weil ihr in tiefster Seele mit ihnen gemeinsam spielt; und ihr wollet Kinder» die Lehre Christi beibringen'? Die Juden der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschast sind bessere Christen als ihr/dcnn sie erfüllen däs Gebot Christi: „Thuct Gutes denen, die euch hassen!" Philipp II. „Wohlgeruch zur Ehre GottcS" könnte den Rilualinordriechern wohl genügen, um endlich zu schweigen; die große» Ketzerverbrennungen, denen der spanische Hof beiwohnte, sind historische Thatsachen, deren man sich damals rühinte. Aber wir sollte» unS endlich schämen der Verrohung in unserer Vaterstadt und kämpfen Schulter an Schulter, alle Gebildeten gegen die verkoinmenen Leute ohne Halt, welche den BolkSgcist vergiften, Gewalt an Stelle des Rechtes setzen; denn die angegriffenen „Juden" wollen freiwillig echte Menschen sein. Freiwillig wollen sie ihr Leben wagen, sich dem drohenden Gaste auS Deutschland entgcgenstellen, Leiden mildern, Besorgte trösten. Sterbende laben, wie die Soldaten iil der Schlacht, ja noch muthiger alö die, auöziehen gegen einen — unsichtbaren Feind. Erleichtert ihnen die gefahrvolle Thätigkeit und stellt euch, eingedenk jener beschämenden Scenen in der Wiener Gemeindestube, ein mit Gaben, sobald die Cholera Wiens Grenzen überschreitet, besser, thut es gleich, es kommt'ja stctö Würdige» — Bedürftigen, Unglücklichen zugute! „Heilig ist das Unglück!" Verhindert die Wiederkehr solcher für die ganze Menschheit beschämender Angriffe - gegen „Juden", denen nur Bewunderung gebührt; sie sind bessere Menschen als jene, welche nicht Lust haben, ihre Bildung gegen über den Antisemiten geltend zu machen! Die Hoheit der Handlungs weise jener „Juden", gestattest es ihnen nicht, gemeine Angriffs mit gleichen Waffen zurückzuweiscn; sie, daS Ziel der Verachtung für ihre selbstlosen Werke, sollen nicht vergeblich wagen, sie fallen unterstützt und gehalten werden! Heraus-alle^jene, welche den Judenhaß mißbilligen; Schriften und Reden nutzen nicht allein, mit dem Worte zugleich muß durch die That cingewirkt werden! | Kein Antisemit hat Muth: sie sind Llle fria./wenn sie von Gj bildeten so behandelt werden, wie sie eS verdienen. Bei Vielen ist j der Antisemitismus ein Geschäft. Ihr „Muth" ist nur Zudring! lichkeit und Frechheit, denn diesen „VolkSbeglückcrn" ist gar bange um die eigene Haut; warum treten sie nicht gegen die' Blutstcner, die Corruptio», die Protection, das Junkerlhum, die Hetzeapläne auf, diese „Volksbeglücker"'? Warum setzen sie sich nicht gleich den Inden der Rettungsgesellschast den Gefahren der Krankenpflege auS? Weil sic nur den „Muth" haben, gegen Juden aufzulreten, worin sie von vielen Seilen durch passives Verhalten leider »och gefördert werde». Der Jude als Sündenbock ist ihnen bequem, weil der Jude schweigt, geduldig trägt, bessere, stillere Zeiten abwartet. Sollen wir uns vor anderen, humaneren Nationen schämen müssen? Wer kennt nicht das verächtliche Wort des eng lischen Menschenfreundes, für Oesterreich so dcmüthigend? Wohlan! Thuet jeder mir etwas für die wahren Volksfrenuüe, für die humanen, cdeldenkenden, mulhigen Männer und für die Samaritanerwerke der kampfbereiten „Juden" von der „Frei willigen RkttungSgeseilfchaft", und ihr werdet gulgemachl habe», we.S die Gemeinheit unh Gesinnungslosigstit in ihrer höchsten Polen; in der Stadtverlrclung verbrochen hat. Auch hie Hochschull. kiiaben werden zur Einsicht kommen, daß cs mehr zu lerne» gibt im Leben'und andere Ideale, als ihres gewallthätigen Vorbildes Wahlspruch: „Juden hinaus!" Suchen wir das Gute untcr den Jude», stehen wir nicht jedem Israeliten mit der Fuchtel gegenüber' und danken wir, daß wir dieses Ferment in der Gesellschaft haben; cs ist besser als der Antisemitismus mit der; falschen Maske, und die Aulisemilen, welche durch Rohheit und Verkommenheit des Geistes den .traurig stcn Beweis vom ' Niedergange der idealen Erziehung liefern. Vor^Allcm aber mit sein Worte kümpfen, das wirkt; keine Anti semiten in seiner Gesellschaft dulden, sie in ihre Bahnen leite», und zeigen, wie anders das Volk zu beglücken wäre — nicht durch leere Versprechungen, Gelage, Beschimpfung Schuldloser und Selbst Vergötterung. Die Gebildeten fcigi der Haniiner, die Antisemiten aber der Ambos! Salzburg, st. September 18st2. v.!» — >..