Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 20 (21.8.1892)
- Date
- 1892-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20. freies Blatt. Bcrnichtnng — ecrnser ist der fürchterliche halbdcmcntirtc Aufdruck — geweiht sind. 2eitdcm hat der russische Autokrat die 2.nittung geschrieben und zahlreiche deutsche Untcrthanen au« feinem Rcicltc gc uucifii. Ja, ja, uiau wußte zwar, bei wem die Bcrlcnmdnttg, die Bru talität augcfauge» hat, aber nicht, dci. wem sic aulaugcu werde. Tic Franzose» haben c« trop ihre« hochwogcndcn 'l'i'tnotienui« und ihrer politischen Rachegelüste nie zu einer derartigen Antiknlipolitik ge bracht. . Ilean hatte,in Tcntschland Faucht vor dein fremden BolkSclcmcntc! A'ir wisicn, daß da« Tentschthnm große von 2 lauen bewohnte Länder strecken gewonnen hat zu einer Zeit, wo c« zersplittert und politisch ohnmächtig war. Wodurch'? Tntch (Gründung willkoininener 2ladte und Battcrncolouicn, durch schule», dnrcl) geordnete-Amt« und (fc richtspflcgc, durch die A»ziehung«krast, welche der höhere» (Gesittung inncwohnt. Tabci blieben doch auch die Fäuste krästig, me aber schnitt man dem politischen oder Uationalcn Gegner de« febe'n« '.leothdnrst ab. Aber heute'? Wahrlich, e« ist ^cit, daß c« ander« werde. Eilte französische Schriftstellerin hatte neulich eine Unterredung mit dem Papste über die auch von den Mitgliedern de« Prustet stände« niitcrstnbtc antisemitische Bewegumz. sollte einmal eine geistreiche Tome eine» hohen Würdenträger über die 2leil»ng de« Tcutsclithnin« ztuEnllnt niiscrcr Tage inlerrtsewen, w..hrl,afktg„ auch er hätteMühe genug, sein Tchittlein zwischen diu Klippen de« Halse« und der Politik, hindnrehzntvinden. Iw. I.. IZur 2lntisornitenkundo. Ein Vileeauntbericht. 2o mancher holt znm wuchtigen schlag an« und weiß nicht, wen er trisst. Ter antiscuiitische Fsegrimm de« preußischen AbgcotdnctenhanscS, Freiherr v. Wackcrbarth, perorirtc im Pollgesühlc scincr Unantastbarkeit und seine« gesicherten Einkommen«, an dessen 2chatsn»g übrigen« seine eigene äirast wenig Anthcil hat, über die Fndcn und die 2stcrmordc. Er selber kenne al« 2pecialist achtzig Ritnalmordc, unter attdcrcn auch den von kanten, de» er als Zeitgenosse mltgcmacht. Tr. Nathan erwiderte ihm darauf mit dem Werke über TiszaEszlär, n»d bald darauf Tr. Rudolf (ilcinpanl mit einer Flugschrift: Rk cn sch cn o p fe r und Üc i t u a l m o t d c. Leipzig 1*1«:?, bei Schmidt «e (Günther, >0 2. gr. di. E« wäre vielleicht besser gewesen, Freiherr v. Waetcrbarlh hätte icine ,^»»gc ihrer feinge nach über (faslicht braten lasten, .al« sic zu de» bekannten Auslassungen z» mißbranchcu: denn er hat gegen die bilden ansgcholt, und »nn geht c« znm zlalholizismn« und nänicntlich znm katholischen Elcrtw an«. Tr. stleinpanl haut nach Urästen ans jene lv«, in deren Namen sich ein Waekcrbatlh zn höhne» angcmäßt. E« muß anSdrücllich hcrvorgebobcn werden, daß Wackcrbarth absolut lein 'liecht zustcht, den Petticter sei c« de« Ehristcnihutn«, sei c« de« katholische» Elcrn« zu spielen. Er mag nur für sich al« Antifemist ling und für seincsglcichcn da« Wort führe», und darum betrachten wir c« von »nscrem 2tandpiv<ktc für nnvcrzcihtich, daß Tr. (ilcin Paul diese Unterscheidung nicht traf, sonder» die Erpeetoration eine« so berzlich »ichtsbcdentcndcn Fndividnum«, tvie Freiherr v. Wackcrbarth eine« offenbar isk^ znm Anlaß nahm, den äiatholizismn« auzugreisen. (ileinpaul ist ein philologisch geschulter Gelehrter von einer nicht gewöhnlichen Belesenheit, ei» Mann vpn scharfem Bcrstandc und Ur thcil, und bei alledem ein ansgczcichnctcr 2tt>list. ciiic» Man» znm Gegner zn haben, ist keilte jilcinigkeit. .lilcittpanl ist für die antisemitischen Hcpapostcl da« belle Bcrdcrben, denn er trennt sic vom Elctuö, welcher sich von seinen Bcrbünd<tcn, den Antisciuiten, nnn wird lossagcn müssen, um seine» eigcucn Bestand in (Gegenwart und Zltknnst nicht zu gcfähtdcn. Tr. jilcinpaul dreht, obwohl er die«' in Abrede stellt, thatsächlich den 2picß um. Ihm ist c« gar nicht um die Berthcidigung de« Fndcn thuni« zn thun; er vcrtheidigt c« nicht, er greift -e« nicht a», er bat einen anderen Gegenstand für Angrisfc gesunden, nämlich den >iatho lizismu«. Freilich verwahrt er sich ivicderbolt dagegen, al« ob er nur im cntfcrutcsten die Absicht oder Reigung in sich empfände, gegen die katholische (iirchc lo«;n;iehcn: er bcschcide sich damit, zn zeigen, wie man e« machen müsse, nin alle die von den Antiscinistlingen gegen die Unden erhobenen Blntanklagcn dein äiatholizisinn« zur fast zn legen. Wie ich mir schon in mcincm fitcraturbcrichte in N . 17 de« ..Freien Blatte«" di? Ehre gab anzndeutcn, hege ich nicht die geringste 2chnsiicht,.mich mit einer hochlöblichcn k. k. 2taat«anwaltschast iibcr die ^Grenzen zn untcrhaltcii, innerhalb deren sich eine auf kirchlidjc1 Tinge bezügliche Tiscnssion in 2cstcrrcich bewegen dürfe. Erfreulicherweise spreche ich aber nicht wie Bcrgani, derzeit da« Ambra der linken Bahngasie, zu cincin nrthkilölosen, Vetblödctcn ttnd per 2eite!V ' trottelten Publicum. Ten fescrn de« ^Freien Blatte«" dürfte schon eine Fnhaltsatigabc bezüglich zweier Eapitel de« ätlcinpanl'schen WcrkchcN« genügen, um ihre ".lceugier oder besser Wißbegier zu reizen.' E« ist unter Alidcrcm die stcedc von'de»-blutigen Rite» der rnslischeii Flagcl ' lauten und von der Anssührnug. de« Bersöhnnngsopfer« in Cl'£L' ■ aulmcrgan Fn dem Schlußworte sägt Tr. -stleinpanl, e« sei nicht da« erste mal, daß man die Juden für Bcrbrcchcn Anderer verantwortlich ge macht habe, z. B. in dem fände der Ehlistcn nnd 2sopzen, ijnd säbrt dann fort, „Al« der Ezar Alerander I>. da« 2pser eine« Attentat« geworden war, suchte.da« aufgeregte Rußland nach einem 2ü»denbo>ke: die russische Presse" beeilte sich die Fndcn zu verklagen, sie dektr^Fornc de« Batcrlande« zn denuncircn. Tic Menschen brancheti immer einen 2nndcnbe»k. Tic Fiidc» haben den ersten Bünden bock gehabt Am großen Bcrsöhnnngstagc wurden nach altem Run« zwei ^iegenböcke vor den Brandopscraltar gestellt: der Hohepriester wart da« foo«: darauf wurde der eine >tehovah geopkert, der andere, durch ^andanslegnng mit der 2chnld de« Bolke« beladen, in die Wüste getrieben zu Aiasel. E« scheint, daß jcht die Ebristen zn 2stet» nach einem 2ündenbo>te suchen, und da« sind chncn eben die Fndcn, die man, 'wie die« der Ttaat«anwalt 2',cuttert in dem Ti«za Eszlnrcr Processc.betonte, noch , immer grundlo« verdächtigt bat." Tr. .stlcinpaul ist nic>>t einer von denen, die ans halbem Wege stehen bleiben. E« jst vorauSznschen, daß er ans diese« Thema immer und immer wieder zurnckkonlinen nnd, wa« auch wahrscheinlich ist, viele Nachfolger finden wird. Wir dürfen »»« daher schon jetzt daraus ge faßt merchcn, im faufc einiger Fahre eine ausgesprochen aittichrist katholische fitcratnr über nn« ergehen zu lassen. Ans Antisem folgt Antichrist. Rach dem Juden kommt der katholische Elcrn« au die Reihe/gchant muß aber werden, sonst haben -zaubcrgewaltigc Erschci nnilgcn Bcrgani, Emil Maria 2 teinstiger «-tnlli <|ii;tnii) nicht« zn beißen nnd nicht« zn brechen. W i e n - T o r » b a ch, -0. Angnst i. B c n j a m i n Bon » h:c d n. ((yill diriftlirttc« Tllglllülk.) Unter den Eitlschcidnngen, welclie der, jüngsthin i» Vinz abgchaltcnc dritte .staiholikentag. bezüglich der Presse fällte, scheint nn« die am benierteuswcrthcsten,. welche die («rcindnng eine« großen, leitenden, täglich zweimal erscheinenden 2 rgane« der österreichischen -siatholikcn in Wfcn al« dringendste Okotliwendigleii er klärt. Nebst zahlreichen anderen Rednern trat besonder« der Rcdcncpioristen- Rcctör I'. Banchingcr für diesen (Gedanken ein, und seine Begrün düngen sollen für da« bereit« cristirende christliche Tagbiail. in Wien nicht besonder« schmeichelhaft gewesen sein. T^r al« süchtiger -stanzcl rcdncr bekannte stccetor nannte da« „Baterland" ein 2rgan für Adel« Herrschaft nnd böhmische« 2taat«recht, einen gealterten, greiienhchtcn 2rganisinn«, der im Hinwclken einer ansgclebten Pflanze gleiche, tvclche nach dem natürlichen (fange der Tinge einem trnabwendbaren Tode verfallen sei. Er wie« daraus hin, daß da« katholische Bolk c« , satt habt, sich durch-ei» 2rgan belehren zn lasten, da« niclit seine. "Fntcrcsscn, sondern nur die Aufträge eine« verschwindend ileine» reise« vertrete, dessen Abhängigkeit von den 'Winken getvister ossieicller nnd ofkieiöscr, dnrchan« 'nicht christtichc'r Faetoren unverkennbar sei. Er la« ein lange« 2üttde»register vor, welche« lebhaft an die . kurz vorher von Vncgcr im „Bolldblatt" gegen da« „Baterland" erhobenen Recriniinationcn.erinnerte. Ta« „Baterland", welche« bisher immer noch als das 2rgan der Eleriealcn gelten konnte nnd.sich al« solche« auch noch.kurz von dem .Katholikentage den reinen Antisenriten gegenüber anfgespielt hat, ist in Vinz vollständig unter den Tisch ge fallen. Um diesen Proeeß zn verstehen, muß man sielt der höchst wichtigen Thatsachc bctvnßt sein, daß der ans. dem .(iatholikentage dominircnde niedere Elcrn«, man möchte sagen der kleine Mann der Hierarchie, offen für die christlich social anlisemitisch demagogische Bewegung cinlrak, die in ficchtcnstein und Vncger ihre weltliche» 'Bei tretcr findet, für dieselbe Bewegung, gegen welche sich da« „Bakerland" kurz vorher erklärt hatte. Ter Vainps, der sich nnn schon sei/'Wochen hinzicht, ist entschieden, nnd er cndctd mit der vollständigen '?cicdcrlage de« „Baterland" und scincr Hintermänner: die schwarze Tcmolratiehat Iibcr die schwarze Aristokratie gesiegt, und nnn zeigen sich ivijL. nach jeder 2chlacht die Aasgeier, tu» von ixcm_ Ttreitc ein 2Unk Bettle für-sich nach Hanse zu schleppen.- Welche« Blatt wird da« „christliche 2rgan" sein, 'wer wird c« hcrausgeben'? „Fch!" schreit natürlich der Ekcschüsfsntaittt an« der finken Bahngastc allsogleich. Mit breitem Behagen schaut er den Foltergnalcn zn,- tvclche die Fnguisitorcn von finz dem .tinglückscligen Eoncnrrcnten bereiteten,- nnd seit.einigen Tagen liefert er in-seinem .^eitnngsnnteritj'hmeit sänberlich vetfltrie ' /