Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 20 (21.8.1892)
- Date
- 1892-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2. Freies •,!;i'it 'einem-icijeitbeu Deutsch Amerikaner erhielt nun vor Kurzem die ■„‘.'ititt '.Torfei- < t a u Is Zei t u ii g" folgenden beachtenswerthen Artikel: " Denksd)land hak eine ganz besondere bluffe des Proletariats, dessen <''enil)ilid)tcit zuerst von BiSmarck klar ins Vick)t gestellt wurde:- daS Proletariat der (».'cbilbeteu. dm lebten 2ominciiemcftcr besuchte» 1L* <>'.*.*> Slndeitten die prenszischen Universitäten, dazu lominen noch ->i>7 Hörer, so daß sich eine Gesammtzahl von lf>.5!>2 studierende» s>ir Preußen allein ergibt. ' Bei der legten Steuererhebung in Berlin lial sich beransgeslellt, daß über die Hälfte der dort wohnenden Aerzte weniger als HHJ 'Mark (TüU Dollars) IahreSeinnahme habe. Diese beide» '-Thatsacheu nebeneiiiander gestellt, liefern eine treffende Illustration deS iodaleu Elends in Deutschland. Der Arzt, welcher" Mark im ortlire verdient, ist in seinem Stande ern ebensolcher Prole tarier nild Pauper, wie der schlesische Weber. der 7 .'»'Pfennige per Tag verdient Er muß eine halbwegS anständige Boohnung - haben, die ihn mindestens Itlü» Mark kostet, muß anständig gekleidet fein, (.»'elb für Bücher und »Vnstrnmeiite ansgeben und noch eine' Maste anderer T lantesansgaben bestreiten, wenn er nicht ganz nntergehen will. Aber!i.'>;54 innge teilte* bereiten stch augenblicklich in Preußen allein ans -diese Vanfbahn vor. dazu komme» 2M'.t Juristen, die, wen» ste nicht die ebenfalls überfüllte RechtSanwallsearrmre einschlagen, jetzt ungefähr zwölf Jahre warten innffen, bis ste als besoldete Beisitzer fest an gestellt werde», und dann beginnen ste mit (»Ehäkter», wie die 'Aerzle iii Bei'lin. 22~>2 waren willens, drei Jahre zn stndieren-und dann vielleicht ein halbes Vebensalrer sich in allerliand elenden Stellungen als Hiiislebrer, Bieare :e. herumzndrücken, bis sie endlich eine Dorfpfarre e.gatter», >vo sie »och viel schlechter steben alS die anderen studierten '.'etile Toch wozu die Beispiele mnuig vermehren? ACein Vanb der 'T.-el! ligl. eilte solche Mane von gebildeten, „zn etwas Besserem" er zogeneiU zllichivrodneeiike« anfznweisen . wie Deutschland. '-iScnit ein Tob» der „be”eieu T lande" nur bis zn seinem 2.\ Jahre von den Ellern erballeti werden muß, können sie von l»stück sagen, wie lange es aber datiert, bis dieser junge Mann selbst so viel verdient, daß er „ttaiidesgbiiiäß" leben kann, daS ist eine andere drage. Ueberall wiiiiniell es von stteferendaren, dorfteandidaten, 2 lfieieren, Baneleven, snii'gen Aerzle», Post nnd Tteuerbeamten nnd sonstigen Aspiranten der sogenannten, höheren Earri'aen. die alle detn Staat nnisonst oder für so gut wie nnisonst dienen. Während sehr oft ein Mangel an Beämken. die anständig bezahlt werden mnsten, z an strich lern, stch merklich macht, ist überall ' eine ,Tülle von» Unter und Hilss bromteu, die wenig oder nickits verdienen nnd dafür wellig oder nichts leisten. . Tab'ei empfängt diese „höhere" Elaste stetigen ^nivachs von nuten. Tein biederen Schuster hat nnglücklicherweise ein halbverhungerter Vehra in Anerkennung eines nlnsonst besohlten Paar Stiefels gesagt, das; lein'Loh» ein Talenl bitte, welches anSgebildet werden sollte. Ter dnnge hat infolge besten Theologie studiert, weil daS am billigsten ist. Aber der Schusterjunge im. Talar' würde es als eine Schmach belrackilen. wenn »'ein dünge nun wieder Schuster werden sollte, und so orsteri er seine lehre >iZl>, damit der Tprößling sich auch wieder ans die Hnngerleiderei eines „höheren Berufes" vorbereiten kann, du ia.'a 2va'.' förderl das »>,Iiu>! der „höheren Stände.", namentlich bei da großen Kinderzahl, immer größere 2pt'er nnd >'cha"'l immer größere Unzufriedenheit, denn daS Radthelfen mittelst tri,-ha H.iralen hat und) feine (»'renzen 2o deckt eilt Titelck>en, ein Cibai, etn. wenig gepumpter Tand jelw oft einen kniirrende» Biagen, und wenn die dran Wirkliche >»Eheime 2berfinanzräthin, die zn Hanse jedeti Pfennig .zweimal hernmdreht, damit sie „standesgemäß" leben tann, während ihr Man» mit Millionen red)net, dann der dran Baiignier dlstg in ihrer Equipage begegnet. Hat sie wenigstens die EKnngtHnitng, fick, zn sagen, daß jene .„dock; 'nur eine Jüdin" ist, nnd vielleicht tritt, nun wieder die dran Baiignier dvsg etwas arrogänl a»f, weil sie weiß, womit die dran (»’cheiiur Rath fid) tröstet. To ist der nnversöhnliche Unterid)ied zwischen äußerer Stellung lind Einnahnien der erste «»»rund Sem Kampf, welcher gegen die lenigen gefühlt wird, die dlird) ihre Einnahmen fid) eine Slellnng zil errlllgen suchen, und das trifft, ans <»<rünbeu, anf-die hier ntd)l weiter einz-ngehen ist, in erster Vinie die Juden. D azn kommt aber iiod), daß, obgleick) nod, immer in ganz nnstniriger Preise den Inden eine Masse öffentlicher Vanfbahnen, z. B. die Post, die 2teuerearrü-re, die 2ssieierS lanfbahii,- die Rickuerearristre :e. versdsioffen sind„ die jungen Venle. die sd)on von allen Seiten bedrängt werden, weil in allen „höheren" diidH'ni Uebersüllnng herrscht, in den freien'dächern ans talentvolle duben stoßen, die als Äerzte, Red)lsan>välte n. s. w. rasdi Earristre madten nnd viele christlid>e Eoiienrreiiten weil hinter sich' lasten. Daher di.' Klagen über die Berjndnng der dadier. Blatt-. Nr. 20. Rnn könnte ja daraus eine gewisie Eifersucht, eine Aengstlichkeit und Antipathie erklärt werden, umsomehr, als zweitansendjährige Berfolgnng und kn»stlick)e Unterdrückung in den ungebildeten Juden, wie'des den Reger» in Anrerika, Eigenschaften entwickelt haben, welche ja selbst nnt r den eigenen (Ranbensgenossen Antipathie erregen; aber dies erklärt noch lange nick)t die Wnth nnd die kliohheit, mit der die Iudenhege gegenwärtig hier betrieben wird. Diese kann nur ans einer in immer weiteren Schichten um sich greifenden Unzufriedenheit gesucht werde». 2b man nun „Hod> die Anarchie!" oder „Rieder mit den Inden!" ruft, es bleibt derselbe Wnthfchrei des — oft nur nach seiner eigenen Meinniig — Darbenden, der Andere berauben will, uiu fid) selbst mehr Wohlleben ohne Arbeit zn sid)ern. Die Hebung der materiellen Vage des Arbeiters hat in den anderen Sd>ichten der Be völkernng, sd;on weil man dod> die lliiterfd)icbc anfred>t erhalten muß, and) den '•hruiii'd) nack> größerem B.-ohllebc» erzeugt, ohne daß, gerade weil der Arbeiter fid) einen größeren Antheil an den Arbeitsprodnrlen fid)citc, die Mittel zur Befriedigung im Berhältniß größer werden. Ter diinker, dem höhere Vöhne, kürzere Arbeitszeit, anslvartige Eon enrrenz, erzwungene bessere Fürsorge für die Arbeiter, Mißernten und Rlißwirthsd>aft ei'nen Theil seiner Einkünfte geratibt haben, der aber mehr Aufwand als früher mad>t, mad>k den dnden, der ihm E)eld geborgt, jetzt für seine mißlickje Vage verantwortlid). Der Handwerks meister, der einsieht, daß der goldene Boden des Inniingswesens unter seinen düßen schmilzt nnd er ziiriicksinkt in den Arbeiterstand, wenn er nicht Kraft geling hat, fid) zum dabrikanten ausznsd>>uingeu, macht bett „jübifd)cii Viberalismns" dafür verantwortlick), daß man ihn nidtt fiinftlid) in einer Stellung erhält, nad>dem Dampf nnd Elektrieität nnd Arl'eitSiheilnng ihn längst nnniöglid) und überflüssig geinad>t haben. Alle diese Heute übersehen, daß der Inde^ von ihnen nnd ihren Borsahreti selbst in eine Vage gebrad)t wurde, weldie ihn viel bester als alle anderen Veute befähigt, die soeialen Umwälzungen der (»stgen wart zn nberstehen nnd zn seinem Bortheil anSznnützen. Ansgesd>losten von allen Vansbahnen, in denen dnnnngswesen, daniilieneinflnß, Adels . vorredite nnd sonstige nngeredjte Elastengesetzgebnng die Anstrengungen des E'i>>iclnen iliiterstühten nnd oft ganz nnmöglich madsten, war er stets ans seine eigenen Hilfsmittel angewiesen, ltitb »inßte nur mit eigener Kraft den ihm überall entgegentretenden Brrderstand überwinden. Er war der erste strÜ'inuilf mtiii, nnd als solcher hat er fid) nuiso niehr Erfolge sidzern können, je freier daS deld wurde, ans weld>em er sid>. betvegen konnte, während die halbe andere Welt in Dentsd>land nod> nach-, den Krücken tappt. weld>e sie fri'cher gehabt, oder sie krampfhaft unter den Armen hält, obgleid) sie ohne sie bester fort kommen würde. l * * Bon einem drennde der Abwehrbeslrebniigen erhallen wir ans Prag folgende >5ufd)iift: Die Antisemiten werden der deittsdien Regierung nnbeguem: sie bewerfen hohe ütegieriingsorgane nnd. ganze (Gruppen saldier mit den anrüchigsten Anwürse» nnd haben eS civcid)t, daß die Regierung selbst znin Sd)u<?e "ihrer 2rgane die (»'erid>ke in Anfprnd> neltmen muß. Tie also, geehrte Ütedaetion, stehen uid)t allein in der 'Abwehr, Tie haben da hödtst respeetable Mitarbeiter! Wer hätte daS gedack>t zn einer Beit, als Stöcker nock) in Ehre» stand, als dürft Bismarck die antiiemiti)d>c Bewegung seiner Beaditnng ivürdigte nnd zur Bildung einer den Ttaatszwecken förderlickien draeiion für fähig hielt? Wie selten war damals ein Manneswort von hoher Stelle, weld;es fid; offen nnd kräftig für die Wahrnng der Humanität eingksevt hätte? Wenn wir die Anslassnugen der antiseinitisdfen Heger und die Einreden ntand>er würdigen Herren gegen einander halten, so will es nns jd)ici' bedünken, daß sie alle beide an der Wurzel znsaininenhalten,' nämlid) an der Wurzel der nationalen Ueberchebnng. Eine kräftige Politik ist sd>ön, dod> and) hierin gibt es (»frenzen; sogar im mensdienmordenden Kriege sind der l^ransamkeit dnrd> Sitte nnd Brand) (»Uenzen gezogen Was haben die;ahlreid)en Unterthanen des rnssisd)en Reid>es verbrodjeii, die vor einigen Jahren sck>aarenweise dnrd) das Madjtworl der prenßisd)en üiegiernng ans Delitsd>land-ans gewiesen wurden? Rechtlid)e Arbeiter und Kleinhändler waren eS, von denen viele in Dentsd)land ihren Hausstand hatten. Ihr Bergehen ivar, daß sie genügsamer nnd billiger waren als andere, 'nnd daß sie nidtt schnell genug sich assiinilirte». Das Borgeben, bcut|d)e Arbeiter sdiützen zn wollen, war nidjt weit her, nnd man mack)te zn »»Utnsten der (»'roßgrundbesitzer and);ahireid)e AnSiilchnieu. Rußland erhob gegen die Bergewallignng seiner Staatsangehörigen keine Borstellnngen. Waren es dod) fast ansschließlid) Polen, die, wenn des HimnielS tonnst zum Ezaren'mort sid) gesellt, der >