Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 19 (14.8.1892)
- Date
- 1892-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Freies Blatt. . Seite'7. Nr. 19. Xanuer au- Salzburg eine kleine Anleihe bei dem derb-realistischen Sthl der von Jude» verfaßten Bibel, indem er erklärte, die. Katholiken mache»,e£ nicht mie gewisse Leute, die den Talmud castrireu. Reicher Beifall der frommen Herrei'i lohnte diese talentvolle Eingebung. Gras Kuesstei» gab wieder der Meinung Ausdruck, daß durch die Borträge der NniversitätSprofessoren, welche nicht dem christliche» Glauben ängehöreu, der Geist deS Materialismus wachse. Theodor Gomperz und David Müller sind also nach Ansicht deS erlauchte» und erleuchtete» Grasen Förderer des Materialismus..-Auch ein Graf Stolberg „. A. schämten sich nicht, zu „antisemiteln". Ter dritte Arbeitstag der Ber sammlung gehörte de» Herren Dipauli, Opitz, Geßmannre TerWarnS dorfer Preßpater gab die GrundzUge einer den religiös sittlichen Anfordernngen entsprechenden, aber auch möglichst freiheitlichen Preßgesetzgebung zum Besten, d. h. auS dem Christlich Germanischen übersetzt: UuS hie zügellose Freiheit,, „»seren Gegner» Kette und Knute! Dr. Geßman» verwies aus die Wichtigkeit der Hebung der christlichen. Presse. Sir Moses Moiilefiore, der Porkämpfer der „jüdischen Weltherrschaft"/ habe gesagt: „Tie wichtigste Ausgabe ist es, die Presse in unsere Hände zu bekommen", und lbatsächlich sei dies leider lo gekominen Redner empfahl die Anträge Opitz'. Zn de» interessanteste» Erscheinungen dieser Teballe gehörte daS einstimmige Eintreten für ei» i» Wien zu gründendes ernstes christliches Tagblatt, wobei man die Existenz des „Vaterland" vollständig zu vergesse» schien. Wenn man schon in dem bisherigen .Verlaus ein sichtbares Bordrängeu jener clericalen Fraetion, die den Anlisemiteii am nächsten steht, ohne Mühe erkennen konnte, io brachte der.letzte und vierte Tag den vollständigen /Sieg der „Christlich-Socialen". Ter Präsident Graf Shlva Taröuca, der sich schon in seiner Eröffnungsrede alS Radiealer schwärzester Observanz entpuppt N halte, schlgß den KathSlikentag mit einem Spruch, worin er sich vollständig auf chen Standpunkt des Prinzen Liechtenstein stellte. I» nicht inißzudeiitsnder Einschreibung wie« er aus die Juden chin, welche sich an die Arbeiter heran drängen, um sie von ihrem wahre» Interesse 'abzulenken. An die Stelle der christlich-germanischen Treue setzen diese Leute zwar keine heidnische, aber »och viel weniger eine christliche Moral. Ihre Absicht sei, die Gebietedes Verkehrs und Handels' sich anzueignen. Die soeialest Heilmittel, welche der«gräfliche. Demagog empfahl, sind die bekannten, die oft und oft beim ..goldenen Luchsen" »nseinandergesetzl wurden. Tie Eooperatorenpolitik hat somit auf demKatholikentage einen moralischen Sieg errungen, welcher ei» volles Eorrelat z» der Cap« inlalion des „Vaterland" bildet, mit der die an anderer Stelle erwähnte Preßsehde kurz vorher geendet hatte, (Eilt Handwkkkertag.) Nicht nach Tarnow oder Brody. wie er angeliindigt hatte, sondern nach Feldkirch ging Mechaniker Schneider, un, dort auf einem Handwerkertage daS Loblied hes Prinzen Liechtenstein und des Grafe» L ylva-Tarouca zu singen und selbstverständlich auch über die „Judenpresse" zu schimpfen. Zn Gesellschaft Schneider'S. befand sich jener Uitferbertzer, dessen Thätigkeit neulich die „Tiroler Stimmen" so eingehend gewürdigt hatten. Schneider und Unterberger werden weder die „Zuden" Waibel und Ganah aus ihren Positionen in Vorarlberg verdrängen, noch die dortigen Handwerker von der ihnen hart zusetzenden Coneurrenz der Schweizer Industrie befreien. Rhomberg, Thurnher und Köhler bedürfen aber nicht einer Unterstützung von „Zugerelsten". tTrr Antisemitismus und seine verschiedeiieii Richtungen.)^ Fast kein Tag verstreicht, an welchem nicht Ahlwardt da oder dort eine Versammlung abhielle. Der Ex Rector braucht Geld, und in Deutschland waren die anti semitische» Rhetoren' so klug, ihre Vorstellungen zu einer EinnahmSauelle zu machen und „Eintrittsgelder" von der nach einer Hetzrede lüsternen Menge zu .fordern. Kürzlich sprach Ahlwardt in Berlin in einer vom „Deutschen Aniisemilenbunde" veranstalteten Versammlung. Er hob verschiedene Richtungen deS Antisemitismus hervor, und zwar: I. die christliche, 2. die politische, 3. die praktische und 4. die nationale. Der christliche Antisemitismus gefällt Ahlwardt nicht, denn derselbe müßte verschwinden, wenn sich alle Jude» taufen ließen. Auch der politische Antisemitismus sagt ihm wenig zu. Würde man die Jude» ans den Beamlenstellen verdrängen, so würden sie sich noch mehr auf daS Erwerbsleben werfen und hier noch schlimmere Zustände schassen. Mehr Spmpathien bekundet Ahlwardt für den praktischen AntisemitirmuS, für die Bekänipfnng der Juden ans wirthschaftlichem Gebiete; er bedauert aber, daß den Jude» da nicht leicht beizukonunen sei. Au« allen diesen Erwägungen erklärt er sich für den nationalen Antisemitismus. Tie Juden müsse» in Deutschland als Todfeinde behandelt werden, denn sie seien weit schlimmer als die Zigeuner und bedrohen die ganze deutsche Ration mit dem Tode. <Ter Ex Reetor pardonnirt bei dieser schlechten Classisication nicht einmal jene „edlen Juden", welche er, wie seinerzeit eonstatirt wurde, erfolgreich angebettelt hatle.h Ahlwardt hält es indessen nicht für angezeigt/ offen herauSznsagen, waS er unter nationalem Antisemitismus verstehe, sondern begnügt sich damit, eS anzndeuten. T^e Kernfrage, äußerte er, sei die: Ist es möglich, daß beide Völker, Deutsche und Jude», dauernd mit gleichen. Rechten und gleichen Pflichten neben einander leben könne»? DaS fei auch nur für wenige Jahre nicht mehr möglich, und man müsse eS beklagen, daß die Deutschen so schwer auszurüttelii seien, wo es "sich doch uni die Erhaltung ihrer Nation handle. Zm Verlaufe feiner.Ausführungen sprach er noch über alles Mögliche und sagte n.A.: BemerkenSwerth sei, daß Virchow, der zu der Zeit, als Mackenzie Kaiser Friedrich ermorde, halte, durchgesallen war, jetzt zum Kcetor mafimlu iis gewählt,worden sei. Tie ilnterschreibung des Aufrufs für Busch ho ff scheine seine» wissen ichafll ich en Ruf wieder hergestellt zu habe». Ter größte aller Antisemiten-sei EhristuS gewesen. Der AmiseiniiismiiS müsse an der monarchischen Staatssorm sefthalten au«Gefühl«- und aus/Perstandesgrlinden. Aber eine Regierung, die ihn nicht unterstütze, dürfe der AntiseniiliSiinis gelegentlich belämpsen. Derselbe könne mit keiner Partei, auch nicht init^ den Eouseivaliven, partiren. Schließlich bat Ahlwardt die Anwesende», sie möchte» seine Zeuge» in Angelegenheit der „Zudenflinleu" güligst unlerstntzeu und so den nalionateu Auliseinitisnnis sörder». ’2lus antisemitischen blättern. (JiC feindliche» Brüder.) Im muiicmitifrfjcu Lager Waid wieder einmal wacker herüber und hinüber geschossen. - Wie wir schon in der letzten Nuinmer' an leitender Stelle des Näheren auSgeführt, ist eS zwischen de» engverbrüderlen „Vaterland"- und „Vol lSblatt" Anliseiniien;» einer kleinen Familie» . scene gekommen, die recht erbauliche. Tinge an« Tageslicht fördert. Da« „VollSblatt", dessen ständiger Resereut in dieser Angelegenheit Lueger in >»r>vn.> war. und das „Vaterland" n>arseii einander gegenseitig absichtliche Enlstellittig von Berichte» vor. Merkwürdig, sonst, wird dies doch als ein aus schließliches Laster der „Judenvresse" bezeichnet. Das „Vaterland" »annte die um Lueger und den Wundermechaniker von Fünshaus sich gruppirende Partei ein aus Kraut und Rüben znsaminengeivürselteS Conglomerat, welches die heterogensten Elemente umfasse, in naiiozialer Beziehung die Anhänger Schönerer'« mit den Schwarzgelben, in wirthmsnfilicher Beziehung -die radi ealen Soeialdemokraten mit den strengsten Eonserv.aliven, i» religiöser Be ziehung Atheisten mit ernsten Katholiken durch das rein negative Binde mittel deS Anti sein itis »ins znsanunenkoppel» zu können glaube. Wenn man sich der Illusion hingebe, die Clericalen würden dieser Ar) von christlicher Volkspartei Ilziiebe eine» politische» Selbstmord begehe», so habe man die Rechnung ohne den Wirih gemacht. Da« war doch einmal aufrichtig. Allein da« „Vaidiland" schien über Nacht von tiefer Reue wegen diese« seine» Frei muths gequält worden zu sein, den» schön Tggs daraus verlangte es von dem schmollende» Bruder sehnsüchtig eine Antwort, aber „eine einigende und nicht noch mehr t/en»ende Aättvorl". Tieser Herzenswunsch sollte nun freilich nicht sofoit erfüllt werde», den» Lueger hatte i>» „VollSblatt" unter dessen eine Proclaination erlasse», die keineswegs besonder» friedfertig klang. Das „Vaterland", hieß eS dort, besorge die Geschäfte der Juden, eS schwärme für Snbventione» verkrachter „Zudengeselllchasten", es. bewerfe diejenige», welche gegen die Corruplion anslreten, mit Schmutz und bewerfe seine eigene Vergangenheit mit Kolh, e« sei von dem Benehmen der Socialdemokraten beinahe ebenso entzückt wie die „Judenblätter" und ziehe an einem Strange mit diesen Blätter», die da« „Vaterland" mit Wohlbehagen citiren. Tie.Keulenhiebe des Donnerers aus der Linken Bahngässe fauste» furchtbar aus dar Haupt der Gerechten vom „Vaterland" nieder, und kleinmülhig ries eS a»S: „-Wir sind enttäuscht. Von Herr» Tr. Lueger vernehinen wir »aiürlich kein einziges einigende- Wort, sonder» nur höchst erregte, leidenschaftliche Streitnud Kampsruse." Wenn Lueger schon eine ansehnliche Partei habe, wohlan, so übe er sein/ Führerrechte an«. I» einzelnen Fälle» stimme» selbst eng befreillidele Parteien, jaselbst Mitglieder d'rselben-Partei gegeneinander, obne daß l deshalb offene Cönfliete entstehe». Wenn die Partei des Tr. Lueger , die Konservative Partei nicht grundsätzlich Pekämpse» wolle, so müsse sick> in leicht ein leidliches An» koinineti finden lasse». Im andere» Falle freilich, iven» »äinlich die Conser valivew grundsätzlich nnd .siisteniatisch oder in beleidigender Weise angegriffen würden, so bliebe allerdings nicht? übrig älS der oisene Krieg.- Mir dieser Eapi tulalion deS Vaterland hatte die kleine Preßfehde zwischen den beiden feindlichen Brüder» ein vorlänfige» Ende. >Was man Alles autisemikischeu Tiiiiiiulöpsc» bieten darf!) Tie letzte Ausgabe de« „Volksfreund" ist in ihrer Art musterhaft. Mehr Gemeinheil und mehr Speenlatio» ans die- Tuminheit könne» selbst die anspruchsvollsten Antisemitenansührer nicht begehrfn. Ten'elben Leuten, welche zum Sprengen von Versaininluvgen abgerichtet wnldeu, jammert nun der „VolkSfreund" au» Anlaß des jüngsten Mißgeschick» seiner Patrone vor: „An eivilisirte Mensches inuß man einen strengeren Maßstab anlegen als-an Wilde, die menschlicher «Gesittung entbehre». Gehört jemand welch immer für einer eivilisirten Nation an, bekennt er sich z» was iminer für einer Eonsessio», schwört er zu dieser oder jener politischen Partei: Eines darf man von ihin verlangen: daß er sich anständig benimmt. 4l*e»n dieses Benehme» in. alle» Lebenslage» gefordert werden .kan», so .ist die» gewiß' nmsoinebr geboten, wenn einet größere Zahl von Menschen sich versammelt, um—gemeinsame öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, ES soll da parlamentarischer Anstand walten." TaS Psenner'jche Blätkche» kennt sei» Publienm und befürchtet von dieser Seite nichs die Einsprache.: Haben wir nicht aus euer Geheiß alle» parlanientarksche» Anstand mit Füßen getreten? Habt ihr nixs nicht belobt, wenn wir Versammlungen