Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 19 (14.8.1892)
- Date
- 1892-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Freies Blatt. Nr. 19. erweckt, als mau dort täglich Gelegenheit hat, Zeuge der scandalösen antisemitischen Heyen der vaticanischcn Blätter zu sein. Indessen sind d,ese.Hctzen vielleicht aus Rechnung jenes Ktcuzzugcs gegen die Weltherrschaft des Kapitals zu setzen, über welche der „lisservatork Ilomano“ gegenwärtig alle Flammen des Himinels hcrabwnnscht. Den vaticanischcn Bankrach und die beschütte mit dem lianco ,!i Koma lut der •„< »ss.Tvatore“ läiigst vergesien Die . lijferma" schreibt: Tie Schande des Antisemitismus sei nur Tank den rohen Berdächtigüngcn clcricaler Blätter und der von denselben systematisch bctricbe«en Perblödnng des parlamentarischen Stimmviehs über die Welt gekommen. Zn Italien sei man davon rein geblieben, bis der „Osservatare liamaiw" und der Mailänder „Osservatore Cattolico“ sich den heulenden Menichenjägeru zugeselltcn. sollte cs, fragt die „Kitorma", möglich sein, daß der Lärm all/Piescr wüthigcn Fanatiker niemals an das Cbr des Papstes gedrungen sei? Sollte er nicht vernommen haben, wie (flottes Gebote und die Grundsätze der reinen Moral vcr höhnt, mißachtet, ,mit Füßen getreten wurden? Run er gesprochen hat, werde man sehe», ob den Sophisten und Casuistcn in der Auslegung keiner Worte nicht auch diesmal freies Spiel gelüsten werden wird. Zehntausend Mark;n gewinnen. Tie von Tr. Hildesheimer in Berlin bekansgegebene „Jüdische/ Pressc" veröffentlicht folgende Kundmachung: Richt zehntanlenk vice, wie die Antisemiteiiblätter verkünde», sondern volle zehniaii'tnd Mark sind für iedeu Anlir'einiieii;n gewinnen. Rachdem ich nämlich las, daß der Rohling von Prag aus in einem Briefe an daS Clever Gericht von Rcueni behauptet, den Z'raeliien lei im Talmud, im Sohar und im Sepher Haiilntim der , Ritnalmord" Andersgläubiger geboten oder enipiohleii, habe ich. der Unterzeichnete, mittelst Postkane an diesen Rohling mich-zu Foigcndem verpftichiet: (ich verpflichte mich, ihm zehntausend Mark sogleich zu bezahle», wenn er die Wahrheit seiner Behauptung dadurch erweist, daß er irgend eines die'cr Werke dem mir vprgklcl>lcn Frankfurter Gericht »stier Bezeichnung der Stelle, die das Gebot des Bliilinordes aiigeblich enthalt, unter gerichilicher Teponirung der Proccßkosten vorlegt, und daß das Gericht alsdann mich zur Zahlung der zehntanlend Mark vcrurlhcilt. Sb die Stelle» wahr oder erfunden oder gemilcht sind, ivird das iHericfit durch berufene Beurthciler scsi zustellen wisse». Taich Hausbesivcr i» Frank'»« a M. Uhlandstraße 56 und in Frankfurt als lolvent für diese Summe bekannt bi», ist meine Snerte bündig genug. Hicinit oeferire ich ledoch die gleiche Summe von zehntauiend Mark nicht nur dem Rohling, londern jedem Rudere», der den Beweis des den Jlraeliten angeblich -gebotenen „riincllen Mordes" ans irgend einer 2teile der von Rohling genannten Werke oder ans iigend einei» sonstigen jüdischen Schriftwerke erbringt : selbstversländlich iinmer unter der gleiche» Lorausselrnilg, 'daß nur daS königlich preußische iKericht in Franksiirt a. M. die Entscheidung zu fällen Hai. Leopold Hambnrger, Hausbesitzer in Fränkfurt a. M. , Uhtandsiraße 5,61. iPoti den Pariser Antiscinikcii. Wie der ,'l.meldet, wurde ein gcwisier Abraham, ein eifriger Mitarbeiter T'rumoni's und selbst Berfaster einer Broschüre: -l.u ligue <<intr*- la jiiiv-ri»-/ von dem l^crichtc im Tülle i Tepartement Eorrezc wegen Baga-- bii ndagc zu-vier Monaten Kerkers vcrurtheilt. Abraham war früher Bankier, verkrachte und verkaufte .sich später Trumont, dem er lügen haste Taten für denen „Fiaiii->- jniv.-'geliefert hatte. — Ter Pariser E-ssationshos bestätigte das erstrichterlichc llrthcil im Processe Trnmont- Burdcan. — Ter Staatsanwalt, hat gegen Marquis de Morl-s, der vor einigen Wochen den „Hauvtmanii Meyer im Tncllc gctödtct hatte, die Aiiklagc wegen vorsätzlicher Tödtung Erhoben: denn die näheren Umstände des Tuells fWahl nicht cpuiiitentmäßigcr, schwerer Südes, lassen daraus schließen, daß Mor-.-s von vornherein >ic Absicht hatte, seinen <Gegner, einen Schulkameraden, zu tobten! — T r u m o n t , hat trotz der Ricdcrlagcit, welche er schon wiederholt bei.Mnntcipal und Kammcrwahlen erlitten hatte, bei den Gcnctalra.thswahlcn wieder sein fsstück versucht. .Er eandidirtc in den Eantoiicn Tonncins und T<Ke und unterlag beidemal, indem er nur eine lächerlich geringe Stimmen anzahl erringen konnte. Zn Frankreich geht man antisemitischen Eisenfressern offenbar nicht so leicht aus den Leim als bet uns zu Lande. Jenseits des Rheins müssen sich die Antisemiten eben begütigen, unfreiwillige Witzblätter hcranszugcben. (Zur ZudtNVtrfolgNNg in Rußland. ' Zu ihrem Bestreben, die Zuden zu bedrücken, vcrsiel die russische Regierung auch ans den O’cdanken, die jüdische Wohlthäligkcit bedeutend cinznschränkcn, und der Reichsrath in Petersburg soll schon deninüchst einen Gesetzentwurf in Behandlung ziehen, der die Regelung der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten zum Gegenstände hat. Tiefe Anstalten sollen unter strenge Eontrole der .Regierung gestellt und der Wirksamkeit der „Alliance Israelit«" große Hindernisse in den Weg gelegt werden. Ten Franzosen sucht unterdessen ein Herr de B afchma kow die Zudcnvcrsolgung in Rußland schmackhaft zu machen, indem er sie im Pariser „Figaro“ als eine Deutschenverfolgung hinftelll. Die Juden, so erzählt er den Lesern des „Figaro“, seien im Czarenreiche ausnahmslos Deutsche und sprechen sämmtlich einen ganz bestimmten Dialect, denselben, der noch heute in einem Theile von Westphalcn und der Pfalz heimisch sei. Hebräische Worte seien darin nicht mehr eingestreut als Arabisch in der französischen Sprache. Das Hebräische sei, wie das Lateinische in Frankreich, einzig die Gcbetsprache der Juden in Rußland. Die Verfolgung sei daher gerechtfertigt, guock erat ckamonstrancknm! — Fast gleichzeitig mit der auf außergewöhnliche Sachunkenntniß französischer Zeitungsleser berechneten Publication des Herrn Bafchmakow erschien folgender Erlaß des Gouverneurs von Nischnei-Nowgorod, (Generals B a r a n o w: „Heute ist im Eholera-Spstal der Arzt Jacob Jdelson gestorben. Ter Berblichenc ist einer jener Aerzte, welche bereitwilligst hichcr gekommen waren, um den Erkrankten Hilfe zu leisten. Aufopferungsvoll arbeitend und Andere rettend, erkrankte er selbst und starb für seine Rächstcn. Diese Eigenschaften sind rein christlicheobzwar der Berstorbene ein Anhänger der mosaische» Eon- ' fessivn war. Ich werde das Andenken dieses würdigen Mannes ehren, indem ich seiner Beerdigung beiwohnen will.“ General Baranow lobt den seinem Berufe zum Spscr gefallenen jüdischen Arzt nach der bekannten Formel: „Ein braver Mcnsch, obwohl ein Jud“, und bezeichnet Eigenschaften, deren CitcUc ein humaner, Sinn ist, als „rein christliche“. Richtsdestowenigcr dürfte ihm der Obcrpröcurator der heiligen Synode, Pobcdonoszew, seine Kundgebung zu Ehren eines Zuden sehr verübeln. Zu der von Letzterem angeregten systema-x tischen Judenverfolgung stimmt cs übel, wenn ofsiciell feftgestcllt wird, ' daß eilt Jude sich bereitwilligst in Gefahren begeben, um Mitittenschc» Hilfe zu bieten, und dabei sein Leben cingebüßt hat. — Lebhafte Thcilnahmc erregt das Schicksal der Dpser russischer Bcrfolgungssucht in- England. Auch der Erzbischof von Eanterbury hat Pfund zu dem Fonds für die so arg Bedrängten bcigctragen. In einem Schreiben an den jCbcrrabincr Tr. Adler, mit welchem, der Ezzbischof diese Spende begleitet, heißt cs: „Darf ich Sic frenndlichst bitten, beiliegende Kleinigkeit anzunchmcu und dieselbe nach Ihrem Ermessen für unsere armcitz Freunde, die leidenden'Juden in Rußland, zu vcnvcnden?'' ■ : ■ Aus antisemitischen Vereinen und Oersatnntlwtgeit. i Zum Linzer KatdolikcntageZ An anderer Stelle berichten wir über das erbauliche Bon'piel,- welches die Wiener Antiseiniten zm» Linzer Katholiken tage lieferten. Es war gewisserinaßcn die' schwarze Hand, welche den Weg wies, aus welchem die in Lin; versatninelten Clericalen wandeln werden. Der dritte .Katholikentag wollte sich gerade nicht unter die Patronanz eines Lueger lind Schneider sielleu, durch Anpassung habe» sich -aber die Clericalen — »ion,l»ui» gno-llill.-l et uiembra ,,uaelil>ot — in die antisemilische „Welt anschannng", die ja eine durchaus »litlelaltetliche ist, so hineingelebt, daß es der gröblichen Lerbalinjnrien gegen Zuden fürwahr sticht bedarf, um den Katholikentag zu einer antisemitische» Bersaniinlnng zu stempeln. Theilnehmer „ und Wortführer wie Liechtenstein, Morsen, Kolb, Latschka, Geßina»» re., ans unseren Radauversammlnngen wohlbekannte Figuren, drücken dem Congreß seine wahre Signatur auf. Wenn daher der Wiener clerical antisemitische Agitator Xr. Kälpar Schivarz gleich anfangs gegen „ZudenliberalisinnS" und „Judeilpkene" in der bekainite» Weile loslchlng, so stand er vielleicht etwa« mit dem Tenor, gewiß aber nicht mit dem Geiste der Bersammlung im Widerspruche. Zn der am!*. August stattgehabten zweiten Festversamnilung gelangte Prinz Liechtenstein z» Worte, und der Jubel, mit welchem seine Vertheidignngsrcde für die „Christlich Socialen", d. h. die Antiseiiiiten ausgenommen wurde, rechlferzigte vollauf die Ausfassnng, welche wir dem Linzer Ereigniste ent gegcnbriiigen. Tic „Christlich-Socialen“, erklärte der schwarze Prinz, seien keinkssalls Katholiken zweiter Elaste, sonder» zählen zu de» besten n»d treuesten Söhne» der.Kirche. Beiden Fraclionen gemeinsam sei die Eigenschaft echter Bolksihümlichkeit. Die christlichen Parteien wärme» sich nicht im Soiinciischei» höherer Gunst. Sie feien schon so abgehärtet, daß es sie im Schottin nicht fröstelt. Beide Fractionen bekämpfen denselben Feind. Die „Christlich Socialen“^ seien zur Sffensive übergegangen; sie seien es, welche der Liberalismus am wüthendsten haßt, weil sie ihm am wehesten getha» haben. Wenn seine politische Bergaiigenheit ganz aus der Erinncrung verschwunden sein sollte, dann könnte er sich auf jedem Katholikentage vollgiltig mit den ihn schmähenden Artikel» der liberalen Preste legitimire». Ter Redner gab der lleberzeiigung Ausdruck, daß beide Fractionen sich recht bald begegnen werden; wenn sie sich auch nicht verschmelzen, so werden sie doch oft verbündet sei» Sie bilde» zivei^Corps einer einzigen Armee, welche im Falle der Mobilisirung unter einei» Coniinaiido känipse». Am gleichen Tage gestatlele sich Pfarrer