Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 19 (14.8.1892)
- Date
- 1892-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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J Nr. 19. ' freies außer Fassung gerathen und in ihrer Angst sogar um erzbischöfliche Hilfe gegen die drohende Gefahr flehen. Aber auch die Affiliirtcn der Wiener Antisemiten in Graz, Marburg, Reichenberg :c. rufen zähneklappernd auS: Kronawetter kommt wieder in den Reichsrath! Das „Grazer B olksblatt", welchem diese Eandidatur sichtlich große Besorgnisse eiuflößt, oszählt seinen Lesern, daß Kronawcttcr im niederösterreichischen f'andtäge die französische Revolution in den Himmel gehoben habe. Dr. Kronawettcr war indesicn »iemals fandtagsabgcordnctcr, Die „Erklärung der Bkmschenrcchtc" hat er allerdings als eine segensreiche That der französischen Nationalversammlung von l 7*1) gepriesen. Aber das gereicht ihm nur zur Ehre und empfiehlt seine Eandidatnr in allen Wählerkreisen, welche nicht die politischen An schaunngen deS „Grazer Bolksblatt", des Wiener „Figaro" und ähnlicher Organe «heilen. (Die Propaganda der That.- Am l<>. Onli, einem Samstage, ging der jüdische Hausierer Moriz Blnm mit seinen drei Kinder» durch die Mcidlingcrstraße, als ihm plötzlich ein gänzlich unbekannter' Mann — wie sich später hcransstcllte, der Wäschcputzcr Brat — mit drohender Gcberdc entgcgentrat und ihm zurief: „Saujud, Euch soll man Niederschlagen!" „Was wollen Cie?" fragte Blnm bestürzt, erhielt aber statt jeder Antwort eine schallende Ohrfeige. Blum eilte in die, Wachstube des 'EommissiariatS und veranlaßtc die Arretirung Brat's. Doch auch im Amtszimmer war Blum vor Beschimpfung und Mißhandlung nicht sicher. Während der Ausnahme seines Nationales schrie Brat: „GcbtS nur dem Inden Rkcht-. laßts mi zu dem Inden hin", nnd che die anwesenden Polizeiagcntcn es zu hindern vermochten,' stürzte er auf Blnm zu nnd versetzte diesem eine» derartig wuchtigen Faustschlag ins Gesicht, daß sofort daS linke Auge aufsihwoll. Bor den, Bezirksgerichte Rudolfshcini, vor welchem der antisemitische Wtttherich sich dieser Tage zu rechtfertigen hatte, suchte sich Brat dadurch zu ent schuldigen, daß er volltrnnkc» war und nicht wußte, was er that. Das Polizeipcrsonale, welches bei der Scene im Anitolocale zugegen war, stellte die Bolltrunkcnheit entschieden in Abrede. Blum erklärte, daß er acht Tage in Folge der Geschwulst am Auge seinem Geschäfte nicht nachgche» tonnte,«zwei Gulden für das ärztliche Parere zahle» mußte und für eine fünfköpsigc Familie zu sorgen habe. Als der Richter dem' Antisemiten sein „unqualisieirbarcs" Benehmen vorhiclt, erwiderte dieser mit einer Phrase, die er vermuthlich in irgend einer, Bersainmlung der Ehristlich Socialen gehört hatte. „I zähl Stentr," meinte er stolz, „Sb Sie Steuer zahlen oder nicht," sagte der Richter, . „der Stcnerbogen ist kein Freibrief für Brutalität!" Brat wurde wegen llcbcrtretnng der Paragraphc 411 nnd 4t Mi 5t. ('V schuldig gesprochen und zn ei»er fünftägigen Arrcststrafe, Ersatz von fünf t^nldcn Bcr dicnstcntgang nnd zivci Gulden für das Parere an Blum, sowie zur Tragung der Prorcßkostcn vcrnrtheilt. Nach seiner Bcrnrthcilnng äußerte Brat sein schmerzliches Bedauern über die sieben Gulden nnd' seine lebhafte Bcsorgniß, der Borfall werde in die Zeitungen lovimcn und .ihn so bei seinen — jüdischen Kunden schädige». Ei» gesinnungs - tüchtiger Antisemit! Hamerlillst und Schöncrtr. i Aus K r c IN s wird »ns geschrieben : Ter Dichter Hainerling war bekanntlich einer jener überzeugten Antisemiten, die sich gleichwohl ihrer eigenen Gesinnung schämten. Nachdem der Dichter des „Homnneulns" seinen eorrnptcn Wandclgcist auch in Etotthold Ephraim Vcssing sich hatte verkörpern lassen, erschrak er bis in Mark und Bei» über den tvüthendcn Beifall, der ihm von Seite der Antisemiten, aber auch nur von dieser Seite wurde. Hainerling, dachte wohl an das gebildete Europa, welches ihm znznruscn schien: Es lhlü mir in der Seele weh, . Dan iä, dich in der Gesellschaft sehst Damals war cs, wo Hainerling dem oi-iloviint Sclbstbeherrschcr aller Antisemiten die bekannte Strophe von dem „Eharaktcrscttang' du, auf Bettclsuppeii" widmete. Indes der Böse ließ die Seele, die sich ihm einmal ergeben hatte, nicht mehr frei. Hainerling mußte sich nöl«-»!- volens als antiscniitischcr Dichter feiern lassen, gewiß fine der leid vollsten „Stationen seines Gebens", »nd als er todt war und keine Brrsc ans Schönerer mehr mache» konnte, patronisirtc Schönerer die t'citnng des schwunghaften Hainerling Enltns in höchsteigener Person. Daß der Herrgott von Zwettl »eben sich noch einen anderen Gott duldet, ist nun allerdings eine merkwürdige Sache. Begreiflicher schon wird sic, wenn man bedenkt, daß der Berhiinmeltc ei» — todtcr Mann ist. Ganz erklärlich wird »ns das Phänome» erst, wen» wir hören, daß indem zu Kirchberg am Walde bcsindlichcn Hanse der Hainerling Stiftung am letzten Juli ein Denkmal — Hamcrling's? o »ein! — de« „ErwcckerS des deutschen Nationalbewußtseiiis, Georg Schönerer" enthüllt wurde. Nun ist alles erklärt! p Blatt. Seite, ft. (äßic fit fälschen.) Das Abendblatt des „Deutschen Bobksblatt" vom 6. d. M. bracht! folgende, „Ein jüdischer Advocat als W e ch s e l f S l s ch e r" übcrschricbenc Notiz: In Kornenburg erregte gesteni die Perhastung eines jüdischen Advocaren enormes Aussehen. Derselbe ist der a»S kritmeritz nach Swäerau eingewanderie jndiiche Advocat Tr. Heinrich Reist, der vor ungesähr einein halben Ialne die Kanzlei von dem srühere» Besitzer Tr. Frankl übernahm. Tr. Reiß, der »nr über eine kleine Elicnlel versügle, hatle Wechielsälschnngen vorgenominen und wurde gestern inhaflirt. Drei Gendarmen cseorlirlc» den unredliche» Advoeaten mit dem »in */,l"2 Uhr abgehenden .-Zage n.xl, siorneilbnrg, woselbst erdem dortigen Krdisgerichte eingelieserl wurde. * - AnS Haida, U. August, wird iins hiezu geschrieben: „Das Bcrganischc Vügcnblatl hat flugs, de» Advoeaten Dr. Renß,*) der angeblich Wechsel gefälscht haben soll, zu einem Jude» gemacht, um . auch an diesem Borfall wieder t>ie Schlechtigkeit der Inden zu zeigen. Dabei hat cs aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, gelogen; den» Tr. Renß ist kein Jude, sonder» ein Ehrist und war während seiner Anwesenheit als Advocat in Haida ein eifriger A n t i s e in i t, ei» sehr guter Freund des gewesenen Rcichsrathsabgcordncten Dr. Knov nnd ein Anhänger der Steinwendcr Partei,^ für welch letztere, die hier nur sehr spärliche Anhänger zählt, er warm cintrat. So schlage» sich diese Herren, welche hinter einem jeden Betrüger eine» Inden sehe», oft selbst anss Maul. Die Notiz des Berganischcn Hügenblattcs sollte eigentlich über schrieben sein: ,E i n a n t i s e in i t is ch c r A d v o e a t als W e chs-el sä l sch er.'" Ter Wclicrstrikc in Kolonien. Bon einem Wiener Abonnenten wird »ns geschrieben: Einen merkwürdig grelle» (Gegensatz zu dem bekannte» anliscinitischcn Dogma, die Inden seien ein Bolk von Mil lionärcn, bildet der am 24 Juli ansgcbrochcn«. Strikc jüdischer Dalcs Eftbeltuch Weber -i» Kolomca. ,Wic einer der strikcndc» Weber cr zühltc, verdiene ein jüdischer Arbeiter in einer kleinen Fabrik l—2 fl wöchentlich bei einer täglichen Arbeitszeit bis zu 15» Stunden. In einem Zimmer von :V C.uabrütmctevii .seien 7 Webstühlc, Regen und Nüsse und dnmpfe Vuft richten -den SrganismiiS zu Eirunde. Die kleine» Fabriken seien ein lebendiges' Grab der Arbeiter. Mir^sind die localen Bcrhältnisse zu wenig bekannt, um zu bcnrthcilc», inwieweit diese Schilderungen, zntrcsscnd sind und von wem diese Vage vcr schuldet sei. Allein das eine geht daraus sicher hervor, daß cS auch Jude» gibt, welchen trotz schwerer körperlicher Arbeit die bitterste Noth nnd. das biltezste Elend, der verzweifeltste Kampf ums Dasein nicht erspart ist. Und daß die Zahl dieser bliztarmcu Inden keine so geringe ist, beweist dcr^ Umstand, daß in dem einzigen an die S csscntlichkeit ge tretcne» Fall zu Kolomea etwa 4lü) Arbeiter im Strike standen. Die von de» Anliscmiten umworbenen Wiener Soeialdcmokratcn haben /ich mit den jüdischen Arbeiter» von Kolomca solidarisch erklärt. (Tic Akußcrung ciurs Stnatsanwültcs. Ans der von der Seclenpest stark heimgesnchtcn Rheingcgcnd wird »ns von einem Freunde unseres Blattes folgende charakteristische Acnßernng eines königlich - preußischen Staatsanwaltes »ntgethcilt: „Wenn ich Ist er eine» der Führer der Antisemiten sehe, so betrachte ich ihn nur als auf freiem Fuße befindlich, denn hereinspazieren werde» sie früher oder später Alle." (Eln Kcncrgcricht in öcr Schult.- Ans Grandenz wird bc richtet: Ei» scljsamcr Borgang kommt jetzt erst zur öffentlichen Kcnntniß tiftgcn Ende April d. I. besuchte der ftrtholischc Regierung» nnd Schnlrath Pfennig aus Maricnwcrdcr als DeparlcinentSfchulriith für den Kreis Tuchcl init dem evangelischen Krcisschnlinspeetor Dr. Knorr aus Tnchel die Schule in Gosztoeznnr Bei der Rcvi sion wurde die taMftische Üeeligion durch den Hauptlehrer Nisdroy gcvrüft. In dem ^ratechisinnS für katholische Religion für das Bis ' thnm Kulm" steht Seite 4-K unter Nr 7 die Frage: „Wie versündigt man sich gegen den Glauben?" nnd als. Antwort daraus: „2. durch Vcsung ketzerischer und gottloser Bücher." . Bei dieser Stelle, die dem Herr» Regicrungsrath nicht genügend erklärt schien, fragte er selbst die Kinder, was Ketzer sind und ketzerisch bedenke'/ Als die Kinder die Antwort schuldig blieben, stellte der Herr Regicrungsrath den katholischen .Kindern die niilänwescndc» evangelischen und jüdischen Kinder nnd de» gleichfalls anwesenden .Kreisschnlinspcetor als Ketzer in folgender Weise -vor: Er wies auf die Genannten nnd sagte: „Seht einmpl, Kinder, die. »nd dib^und der Herr Kreisschnlinspcetor, die haben nicht den rechten Glauben, deren Bücher dürft ihr lischt - lesen." ' ■ . ■ ’ ' ' * 8» den Erklärungen des Paptzes über den Antisciiiikismns. Tic Erklärungen, welche, wie der Pariser „I-'iiraro" mittheilte, der Papst einer bekannten französischen Schriftstellerin . in Ansehung des Antisemitismus gegeben hät, haben in Italien um io größeres Interesse *) Tas4'ügenblall Mnoilit fälschlich Reist