Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 19 (14.8.1892)
- Date
- 1892-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 freies Aiidiiiniiiiiaii ibcitiga alo den tolldrcisttn Worlführeni politischcr Versammlungen glauben. ■ 2d)limiiKr noch ftcht cs um die fanftbirfcn Gcschich'tsliigcn, die lidi ans die.nencrc l»id ncucfte Zeit beziehen, auf jene Zeit, wo die t^efdiichlc des Vergangenen nndidie des (Rgenwärtigen in iiumcr engeren •^uiaiumciibaug treten.?ie große M'rnachlässignng, welche die (beschicht« der neuesten Zeit bei uns von alle» Leiten erfahren und »och erfährt, tuigl beute traurige politische fruchte. Wohl hat die wirthschaftlidic '.'ii'tblage attdi anderwärts?efperabo0 in Hülle und AtiUc geschaffen. '.'Iber daß die anderwärts bloß gefährliche Bewegung bei uns auch nodi eine fo iiiliuinaue und unvernünftige norm auuahni, liegt viel Icidjt tunt nicht geringen Thetl abermals in jenem Mangel an.populärem t^efdiiditswiffen begründet. Man muß sich ja darüber klar sein, der Antisemitismus. sowohl als Glaubens und Racenhaß wie and) als nmtbidiaftlidj-'oeialra Brineip, ist wahrhaftig ein babt)lonifd)Cr Thnrnt von historischen fügen. 5ein fibcralismns — mit diesem 'Juititcii glaubt inan au das;u braitbinarfcu, was feit hundert 3abreit umgeftall'-ttd auf untere «Gesellschaft gewirkt hat diesem nnglückscligen , ftberalismus irerben’ von den Antisemiten -Tinge nad)gcfagt, deren , Ilinoahrheit au» der Hand liegt, wie mau mciükn sollte. Tetn Hand ‘ werk ioll er den goldenen Boden anSgestoßen, den Mittelstand soll'er . rmturt haben. Als ob uidjt lange ehe der Liberalismus ein politifdjcr; eraetor war . und ehe die 3nden emaneipirt waren, einzelne älleiti- | gewerbe von den dnrdi die Bedürfnisse bedingten ('.nojjbctriebcu ver! 'dilnngeii worden wären. Als ob man. darüber wie über ein nteta j vlnttdies Thema ftreite». könnte, daß die Maschine das Handwerk tu •"rnnbe gcriditet bat und. daß der Anflösnngsproeeß des Mittelstandes in einer Zeit erfolgte, wo Liberalismus und 3udenkhnm gleid) l>edrüdt , umreit. Bö eher kamen die immensen Broletariermasten in der großen , »rattrbüfdieit Revolution, in dar 'tierotlition von 1 >.’>!> und iji der ' von >"4"f Waren and> ne hervokgernfen durch die „fndenliberale" -herrtl'fdiaft V Tas wissen aber untere irregerübrten Bürger nicht. 3ettc geivaltigen'lstngestaltnngsvroeesse, denen ein .jeder das tH'edit;u wühlen j und;tt ließen verdankt, werden als Werke der Inden Hingestellt. Tie , 3nden habett fonis XVI.- und Marie Antoinette ermordet, so las idi einmal, 3nden waren die Tdiredensniäuiier von Baris, die Wiener Revolution war eine 3ndeninadie und kam auch bloß den 3nden;n füllte u. i w. Tas traurigste an der ganzen <>5etd)id)rc ift nicht, daß derlei Wahnwig gefprod,en und gefdinebett, sondern daß er geglaubt nüd weiter eolvortirt wird, von feinen geglaubt und verbreitet wird, die bttrdnutä iricht den tiefsten Gesellschaftsschichten angehören, nein, voit Bürgern, die eine beftcre Erziehung genossen, von Beamte», ' von Lehrern und Brofefforen. Fürwahr, eine trostlose Erscheinung, wenn t'idi unter t'o Bielen, die derlei fügen anhören, nicht Einer befinden, sollte, der sofort dein Redner $uruft, welcher Eonsession iVirabeau 1 und Sieuss, B> kion und Tanton, Marat, 2äi«t 3uft und Mari ' miliau RobeSpierre waren. Bor kurzem erklärte ein fandwirth, die Bauern hätten es fdion mit'allen Barteien vernicht, und keine Habe ihnen etwas genügt. Ter Mann Hat auf die Kleinigkeit vergessen, daß das angeblidi von den 3nden hervorgernfene 3äHr 184-"» den Bauer y.im Menichen gemacht und ihm die Robotk vom Hälfe genommen hat. Bon jener ,4eit, wo fie noch tttueoich ihrer Frohnherren waren, wissen gar viele.Bauern niditS, sie lausen lieber Hetztaplonen uadi, die ihnen Wniidermärchen erzählen von.dem Reichthnm und Wohlergehen des fan'dwirtbes vor. der Zeit des „IndenliberaliSmns". Bei den nächsten ' Wahlen ü im in eit diese feine dann für den Antisemiten, weil der ihnen i jene glndli^n Zeiten in nächster Bälde wieder zurückzusühren vdr- : »nridu. wo der Bauer auch an den Zehen goldene Ringe trug. Es nähme kein Ende, wenn man diefe Beispiele fortsetzen wollte. Es genüge,, hier den Finger auf einen wunden Blinkt gelegten haben. To wie ftdi zu Zetten einer Epidemie oft die sanitären Verhältnisse eines Crtce, die man für musterhaft gehalten, als äußerst fragwürdige beransitellen, fo hat sie heutzutage grai'sirende Seelenpest gezeigt, welche Menge von Unkenntniß nod, in einem scheinbar aufgeklärten Bolle! rerb. 'itet fein kann. Wen Hier die Schuld trifft, bleibe dahmgestellt i Tliatfadie in es, daß gerade die.Antisemiten, mehr als irgend eine andere oplitifd’e Bartei, beständig mit fogendmuen historisdien Thal i.idwu roeriren uitb daß das Bolk diesen fügen wehrlos, und ohne d’glid'.'s Mittel der Kritik gegenüberfteht Alle Fartoren, denen es »in die Abwehr des Antisemitisinns erim ist, sollten eö sid> daher an gelegen sein lassen, auch diefe llr'adtc der traurigen Zeitkpankheit, den geistigen Banverismns, tu beseitigen und-durch Wort und 2dnift vor allem möglichst viel historisches Wissen, ridjtige Begriffe über die! wahre Entwnllniigsgesch'chte der moderiien l^esellschafr unter dem Bolke vetbreiieti.;! . - i Statt. _ _ Nr^ IS. proceft Paasch. Ter vor dem Berliner Strafgerichte zur Verhandlung gelaugte Broeeß Paasch konnte jetzt uid>t zu Ende geführt werden und wurde vertagt, da auf Antrag der Bertheidigung der deutsche Gesändte in Peking commifsarisch vernommen werden soll. In seinem bisherigen Berlanfe bot dieser Proceß, was eben alle antisemitischen Processe bieten: eine Fülle von Albernheit und Niedertracht. Ein Projeetenmadjer, der in Ehina nicht reussirt, wälzt die Verantwortung dafür den bcntfdjcn GesandtschaftSbeamten in Peking und dem — Sd)ttld)an Aruch z». Tie aitgcblid) jüdische Abstaniinung dieser Beamte» und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu „Stainntesgenoffen", als weld>e Mitglieder des Auswärtigen Amtes sowie andere hohe Würdenträger des Tenlschen Reiches bezeichnet werden, solle» der Grund sein, weshalb sie die Ausführung seiner gewinnversprechenden Pläne zu Gunsten .von „Juden" vereitelten und dabei straflos ansginge». ^Nebenbei bemerkt, haben fast alle „3nden" von Paasch mit denen im gleid>namigen fessing'fchen Stücke das gemein, daß sie gar keine Inden sind.) Ter verunglückte Speenlant faselt von „Sd)einta»fen", von „rituellen Blntbedürfnissen" soldserEhriste», die seiner Behauptung nach von Juden -abstammen, von einer jnbtfdjcn Conspiration, roe(d)c die Bestrebungen des deutsd)en -UaiserS „frnstriren" kann. AuS der fleißigen Eorrefponden; des Gesandten in Peking mit dem früheren Reidssgerichtspräsidenten folgert er das Vorhandensein jüdischer Pläne znm Verderben der Ehristenheit. In Ehina kam der P a a s d) laut Ausfage des Tr. fett; der Wahnsinn znm AuSbruche, und möglicherweise in er aud> gegenwärtig in Berlin irrnnnig. Ist dies schon Tollheit, so hat eS dod, Methode! Tie destruetiven Tendenzen antiicniitifdjer Heger treten bei jedem An laste flat zu Tage. Es handelt sich ihnen gar nicht mehr um Inden, sondern unter dem AuShängesd)ilde der x4ndenhege verdäd)tigt der Eine die Heeresverwaltung, der Andere den Richterstand oder die Tiplomatie. Aast ans jeder sensationellen Strafverhandlnng, in weld>er Antisemiten eilte stcolle spielten, ging hervor, daß sie nidjt bloß bei BeurtHeilung von Inden eine gemeine Gesinnung an den Tag legen, sondern daß ihr moralisches llc'iveau überhaupt ein sehr niedriges ist, Noch keiner dieser Proteste hat mit einem für' sie halbwegs günstigen Resultate geendigt. Tie Verhandlungen gegen Verhovay und Schönerer führten beide zu einem „MartP'ium des nüchternen Gaumens". In N » i r eg yh :iz a nnd Eleve erlebten antisemitische Ränkeschmiede bittere Enttäuschungen. Ahlwardt's Geldgebahrung stellte sich als ebenso sdnnachvoll heraus wie seine professionsmäJige Ehrabschneiderei. Tas „Vaterland" - hat seit dem denkwürdigen Proteste Studier feine ^ganze antisemitische Schneidigkeit eingebüßt. And) Stöcker, fneger und Trnmont haben im Gerid)tssaale unangenehme Stunden verlebt. Ter Proceß Paasd) reiht sich würdig seinen.Vorgängern an und zeigt neuerdings, daß die große Angst, welche ttad) dem bekannten Ansspruch des „Schriftleiters" Hron die Wortführer des Antiseinitismus vor, den. Gerichten haben, nur zu sehr begründet. ist. Int R'adistehenden lasten wir die uns vorliegenden Verhandlnngsbcrid)tc folgen: Berlin, 6. August Bor der vierten 2traffammcr SeS hiesigen fanbgcndjt« I stand heule Termin zur Haupwerhaiidlung gegen Paasch und Genosse» an. Ter am, 22. Mär; d. I. vor derselben Strafkammer stattgehabte Tertnin endete bekauntlidi damit, daß der GerichtShch wegen örtlicher llnzuständigkeit aus Einstellung des Berfahren» erkauiite. TaS ReichSgeridit hat das Unheil ausgehoben und die Sache zur er tteuten Verhandlung in die erste Jnstan; znrnckgewicsen. Augeklagt sind: I. der gansmaitn .starl Rudolf Paasch; 2. der Buchhändler und Eommi'sioiiär Theodor Iritsch in Leipzig; 3. der Buchdrnckereibesiher Iran; Hetnridi Riemann in feipzig; -1. der Bud>händler Äarl Minde daielbst; 5». der Buchdrndereibesitzer Hille daselbst; 6. der Buchbrnckereibesitzer Radelli daselbst:- 7. der Toctor der Philosophie Hermann Friedrich Wesendond: 8. der Buchhändler Ttto Fritz Ernst Schwerdtner in Magdeburg. Tie Anklage beschuldigt Paaich und Fritsch, durch die Broschüre „Eine jüdisd,- demsche t^eiaudt'chaft und ihre Helfer, geheimes Judenthum, Nebenregiernng und jüdische Weltherrschaft" das Auswärtige Amt, den kaiserlichen Gesandte» v. Brandt, den kegationsseeretär Freiherrn v. Äetteler, den Consnl Feindet den-'Wi.klich Geheime» fegationSrath Kahser'nnd de» Geheimen kegationsrath Tr. findau tlieits beleidigt, theilS verleumdet zu haben. Dem Angeklagten R i emann wird Hilseleistung zur fast gelegt. Ferner werden Paasch, Wesendond und Schwerdtner angeklagt, durch einen von Paasch verfaßten „Tstenen Brief au Se. Excellen; den Reichslanzler Grafen von Laprivi" dieselben Reichsbeamten, das Auswärtige Amt, den fegationSrach Freiherrn v. Sckardtsteiden Geheimen fegationSrath Eahn, den Generalconsnl Tr. Lindau und den Vjcecom'ul Tr. Len; beleidigt zu haben. In diesem Falle stehen Hille nnd