Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 19 (14.8.1892)
- Date
- 1892-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r Freies Blatt AbounkmcutsprkiÄ: Organ zur ^lbwehr des ^lntiseniitisnuls. a>u».,,»»>>, mit P»st,ulrnd»»g . fl. 2.S». _ rNericij-iir.sl.—Sv.MilP°si,ulk»d. sl üinzeine mm««™ i ir. Erscheint an jcbcut «oniltligr. Nummer 1i>. Wien, li. August >8i>2. - . I. Lahrgang. "v Redaktion und Administration: Wien » I. Loirerstütte IO. tLin Brief Friedrich 2Ncrr!Nüller's. Per bodibenibiiite xT'rioutalift und pbüolo« Pr. ,friobridr Puir Pi filier, Professor »n der Universität i» Oxford, be el'rt uns mit folgende», Schreiben: COrforö, 7. Iliiijult 7.. Itorbom Vereinter berr! i t < ‘ ~\d, Hube fdjon zu wiederholten Uuile» mein Uiisifullen gegen dus Treiben der Antisemiten uusgesproche». Ld, bin in ollen Pingen gegen seichtes Generulisiren. IPenn »um die allge»ieinen ilrtbeile über Engländer, Franzosen, Peutsdie re. hört, so niöchte »um immer fragen: wie viel Engländer haben Sie denn ge sehn und gekannt? vielleicht zwanzig, und deunod, urtheilt »um über zwanzig UUUionen! Ld, habe viele Luden gekannt, bi» ja in Pessau geboren. Piele meiner besten Freunde ivaren Luden. Run gibt es ja afid) schwarze Sdiafe unter den Luden, aber »ach ihnen das ganze Polk zu beurtheilen und zu verurtheile», das geht doch gegen alle Regeln der induktiven Logik! Ld, habe seit lange jedem Peutschen in England gepredigt, dasi er als Linzeiner für den guten Namen des deutseben Polkes in Lug land verantwortlich ist. Passelbe »lochte id, jede,» Luden predigen können. Leder einzelne Lude ist für den guten Namen der Luden verantwortlich. IPenn jeder einzelne Lude das fühlte, oder wenn die Gemeinde ihn das fühlen, ließe, so tvfirde es keine» Antisemitisinus geben. Pas in Pansch und Nogen 2lburtheilen ist der Ruin aller lPissenschaft; was für Unheil es in der Geselli'diaft und i,n Staate »„richten kann, sehen wir in den Lreessen der 2lntisemiten. Lch bin 2l»ti-2lntise»»t und werde es bleiben, tiochachtniiasvoll ergebenst F. Uiar U,filier. I (^eschichtswifsen urld 2(utifemitisnui&. Zuichriil. eine» Historiker». Au nächster Zeit wird sich zu München ei» Kongreß denlschcr Historiker mit der höchst wichtigen Frage befassen, ans welche Weise an, besten unter daö Bolk historische Kenntnisse zu tragen wären. An der Thal, so weit immer bei uns die BolkSbildung gediehe» sein «nag, mit dem historischen Wissen, und ganz besonder» mit der Kcnntniß von den, Werdeproecß der heutigen Gesellschaft, ist cS in den breiten Schichten unseres Volkes sehr bedenklich bestellt. Man gebe sich da keiner eitlen Selbsttäuschung hin, gerade da» deutsche und leider noch mehr das österreichische Volk steht in dieser Beziehung »och weil Himer den Franzosen, Engländern und selbst hinter niänchcr kleinen Nation zurück. ES ist daher schnlichst zu wünschen, daß die in München tagenden <belehrten die angeregte Frage in einer Weise lösen, welche Garantien für. den praktischen Erfolg bietet. Es ist aber dringende Aufgabe nicht bloß dieser Kreise, sondern aller der BolkSbildung und Auf klärung. dienenden Factoren, in dieser Frage ernstlich Stellung zu nehmen und alles Mögliche ,u thun, nm in »niciei» Botte den historische» Lin» z» ivecken und z» kräftige». Es ist dies nmso ernstere Pflicht, als gerade -die traurige Bewegung, die;» bekämpfen Zweck, dieser Blatter ist, »»n guten Theile mit de», Mangel jenes historischen Sinnes, jenes voltsthüinlichen k^eschichtswisicns zusamiuenznhüngen scheint. . Politik und Geschichte sind untrennbare Singe. Wo das eine nicht ist, fehlt das andere. Niemand wird die Probleme der werdenden Ge sällschaftsformen verstellen, 'der dem Hergang des bisherigen Werde proecsieS fremd gegcnübcrsteht. 5er.Politiker 'kann ohne geschichtliche Kcnntniß ebensowenig bestehen wie der Historiker ohne politisches Bcr stündniß, und ausgemachte Shatsachc ist cs, daß Böller mit stark ent wickelten! historischen Sinn auch das ausgeprägteste öffentliche^ Z'cbcn besitzen. Die «beschichte ist eben für das Bolk das, was für das Individuum das Sclbstbewnßtsein ist. Warum sind gerade wir Deutsche, die wir so lange den Nus der GcniüthSticsc genossen, mit dem schmachvollen Brandmal des Anti scmitisninS gestraft? Man blicke nach 'Frankreich, dort wird diese Bewegung einfach verlacht, man lüicke nach England, dort wird sic gar nicht verstanden. Die wirihschasilichen Berhältnissc oieser Viiiiber sind von den unseren doch nicht in so Erheblicher Weise verschieden. Es unterliegt aber keinem Ziödifel, daß die in Glaubens und Rare» haß machenden Dnnkclmänncr. nicht bloß den »latcriellen PauperisiMiS anSzubcnte» verstanden, sondern einen ebenso hilfreichen Bundesgenossen in de^n geistigen PaupcriSnius fanden, vor allem in dem Mangel einer großzügigen Gcschichtskcnntniß im Bolle. Dem Manne ans'dein Bolle sind die Errungenschaften vieler Generationen spottfcil, weil er nicht weiß, wie thcncr sic erstanden wurde». Der erste beste WirthShans rcdncr kann ihm die handgreiflichsten Erfindungen aufbiiidcn, falls er ihm nur eine Zukunft von goldene» Bergen verspricht. Of)i» fehlt eben jedes Mittel zur Kritik, "und in der verbitterte» Stimmung, in die ihn die wirthsckgistlichc Nothlage versetzt, glaubt er Alles. Es wurde in diesen Blättern einmal einer, Rede des Dr. 'Walte mach gedacht: dort wurde von einem antisemitische» Eharlgtan erzählt, der den .Hamburgern nnvcrsrore» die Neuigkeit 'auftischte, die Anden hätten das Rönicrreich zerstört. Dies ist nur ein Fall-von vielen. Wer sich nur einigermaßen in den Pslegestäncn der anlisemitischen Agitation »mgctha» hat, wird baarslränbende Dinge zu erzählen wissen von den historischen Argumenten, mit denen dort gearbeitet wird. Alle »die Beweise, welche der Antisemitismus ans der alten »nd älteren Geschichte sich zurecht gelegt hat, halte» so wenig eine Kritik ans,, daß nicht bloß der Fachmann, sondern jedermann, der nur über eine flüchtige Gcschichtskcnntniß verfijgt, die mangelnde Stichhältigkeit der selben erkennen müßte.-^Bci »ns dagegen glaubt'mü», daß die Anden schon seil jeher und schon in Palästina ein Schachcrvolk waren, daß sic von den Römern, als wirthschaitliche Parasiten gehaßt und vcr folgt, daß sic im Mittelalter'wegen ihres.übermächtigen Einflusses u: tcrdrückt wurden n. s. w. Wer sich schon mit so billigen »nd plumpe» GeschichtSfälschungc» fangen ließ, dem konnte man wohlgcmntb aucki den «Glaube» an das Märchen vom ^rithxellen Morde zuinnthen, .diese für unser Bolk beleidigendste Zninnchung. Gerade in diesem traurige» Falle würde der historische Sinn, das historische Gefühl allein auch ohne speeiellcS Wissen genügen, die unsägliche Albernheit der Beweis nicthodc zu dnrchblickcn. Aber der geistigen llnmündigkeit gegenüber kann man sich mit Borthcil ausS Berblüsfen verlegen, »nd wenn ein Eougrcß der berühmtesten «Geschichtsforscher aller Vändcr die Schein beweise eines Rohling u. A. sonnenklar und einstinnnig widerlege» würde, ein jedes historische» Bcrständnisics baares Bolk wird diesen