Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 18 (7.8.1892)
- Date
- 1892-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Blatt. Seite 5. Nr. 1«. müthigkn Jugend vergiftet hat. Sic ist doppelt empfindlich, weil die sogenannte christlich-germanische Partei, Lcssing s und Rathaus vcr geffcnd, mit den Slavcn streitet um das traurige Vorrecht, die Rieder 'tracht einer nngeschichtlichen Gesinnung zu bcthätigcn. Ter Antisemitismus ist Undank, ist Neid, ist der rohe Ausbruch einer irre geleiten communistischen Gesinnung, die sich mit SkainmeShaß, mit Glaubcnseifcr, mit Vaterlandsliebe bemäntelt. Seine Wuthanöbrüchc haben ihn geächtet und gerichtet. Aber man muß anSharrcn im Ltanipfe, den» die Dummheit ist wie die Hydra, der neue Stopfe nachwachse», wenn man die alten zerschlägt, n»d wenn man auSdaullP_so wird der Gedanke siegen, wie er gesiegt hat über diejenigen, die dem Volke Unmündigkeit bereiten, ui» eS in Fesseln zn schlage». Der Jude lebe unter u»S nicht bloß mit der Freiheit, die ihm däö Gesetz verleiht, sondern« in der Vielte der Gesellschaft, als stachelndes Vorbild. V.'cnn wir seine Vorzüge anerkennen und zu verwerthen trachte», wird er die nnsrigcn sich ancigncn und dankbar schützen. Wir werden ein ander lieben und segnen. Wir werde» wcrkthätig erfüllen, was die zwei größten Inden, welche vielleicht auch die zwei größten Mensche» waren, die je gelebt, waS JcsuS nnd Spinoza gepredigt haben." (Tic dtntschen<5oliscrvlltivkiiiilProsta»»niiöthtii.) Die „Weser Zeitung" beschäftigt sich mit den Anstrengungen der konservative» im Deutschen Reiche, ein »cncS Programm zn schasse», durch welches. ein AgitationSinittcl für diese Partei gewonnen werden soll, nnd .schreibt: „Als Retter in der Roth . zeigte sich die Jndcnfragc oder, „m uns moderner auszndrückcn: die semitische Frage. Hier halte man ein Thema, daS einen großen Zulauf nngcbildclcr und beschränkter Menschen in Aussicht stellte, wie die lärmenden Erfolge der Anti-' scmitrn von Profession gezeigt halten; cS schien der Mühe wcrth, das vielversprechende AgitationSinittel den jetzigen Ausbeutern zn ent ' winden und cs in den Dienst einer ernsthaften parlamentarischen Vartci zn stellen. Große Freude verbreitete sich in den consrrvativcn »leihen, als dieser Gedanke anftauchtc; qnf einem sächsischen Parteitage wurde die Bereicherung dcS Programms bereits als vollendete Thatsache verkündet, in den Parteiblättcr» ertönt seitdem der Schlachtruf wider die .fremde Rare mit einer Ausdauer, die der besten Sache würdig wäre. Aber die Schriftführer-sind gleichwohl »ach wie vor in Verlegenheit. Es ist weil schwerer, bestimmte Vorschläge auöznarbcitcn, als ein Siampfgchcul auSzustoßen. Für eine parlamentarische Partei gsnügt cS nicht, allgemeine Anklage» und Wehklagen gegen Judcnthum und Materialismus zn richten; sic muß auch angcbcn, waS denn geschehen soll, »m dem angeblichen Verderben Einhalt zn thun; sie muß wenigstens Grnndzüge einer antisemitischen Gesetzgebung dar- - bieten, über die man im Rcichülagc und in de» Pandtagcn dcbattircn »nd abstimmc» kann. Eü ist leicht, Stimmung z» machen; man findet immer eine Menge gläubiger Zuhörer, wenn in an den V c n t c n sagt, an c u r c n »>' ö 1 h c n und Be drängnissr» seid nicht ihr schuld, nicht eure Dumm heit, Faulheit u n h U n g c s ch i ck l i ch k e i t, n i ch t e n c r S a u f c n und Spiele», sondern die v erd am inten Inden. Aber cs ist nicht ebenso leicht, den Renten, die man ans solche Weise wüthcnd nnd verzweifelt gemacht hat, 'die natürliche Frage zu beantworte»: Was sollen wir denn thun, lim uns vor nnscrcn Peinigern zn retten? Sollen wir sic wegjagcn oder tobten V Die Herren im Fractionsvorstandc dürfen, das versteht sich von selbst, auf die Frage nicht mit Ja antworten. Aber eine Antwort müssen sic doch in petto haben, wenn sic sich nicht dem Vorwürfe der gewissenlosesten Wühlerei ans-, setzen wollen. -Die Wnth deS Volkes anfreizcn gegen einen Uebclstand, den man als unheilbar erkennt, ist gewissenlos. Ten bcrnfsinäßigcn Antiscmilcn ist cö ganz einerlei, waS aus ihrer Hetzerei entsteht, ganz einerlei, ob Verfassung und Gesetz ihrem Programnic im Wege stehen, unmöglich aber kann eine dcutschconscrvative Partei sich mit diesen Bandcnführcrn auf eine Vinte stellen? Sic muß die Versassung bestehen laffcn, und schon dieser eine Punkt gebietet ihr, still zu stehen. D i c Gleichheit aller 'Bürger vor dem Gesetz, ohne Unterschied dcS Bekenntnisses, ist eine Schranke, über die keine a n t,i s c in i t i s ch c Gesetzgebung h i n a n S k o in in c» kann, n n d die nur durch den Umsturz der Ver fass»ng beseitigt werden kann. Es ist begreiflich, daß die Schriftführer mit ihrem neuen Programm nicht recht fertig werden." Mit demselben Gegenstände befaßt sich auch die „Nord deutsche A l l g c in ei n c Zeitung", welche erklärt, daß eine Aendc rung des alten PrograininS der Eonscrvativeii, nämlich die Aufnahme eines sogciiaiintcn „Judenparagraphen" unnöthig sei und lediglich zur Pcrsoncnbcküinpfung führen würde. Die persönliche Bekämpfung des JudenthuniS, meint das dein jeweiligen deutschen. .Kanzler zur Vcr fügung stehende Blatt, habe nur Schreien und Schimpfen zu Tage gefördert nnd bei anständigen Menschen den Angegriffenen Sympathien zu geführt, die auf dem Gerechtigkeitsgefühle nnd der Achtling der StaatSgrnndgesctzc beruhen. In antiscinilischcn Versammlungen werde verwerfliche D c in a g o g ic betrieben, die nicht nur mit conservatipcr, sondern mit stacktScrhaltender Gesinnung nn vercjnbar sei. Dem niedrigen Sinne des Rowdy ihn ms sei Gerechtigkeit e i n u n v c r st ä n d l i ch c r B e g r i s f.. Der b e t h ö r t c Wahnwitz erfreche sich bereits, die Integrität der Obrigkeit in Z,wcifcl zu ziehen. D ic in breiten Volksschichten^ sich bemerkbar »lachende Rcaetion gegen den übermäßigen Einfluß des * Jndcnthnmü richte sich nicht gegen die Israeliten als RcligionSgcmcinschast oder Rare, sondern als sociale Macht, die unwiderstehlich schien nnd deren sittliche Berechtigung nicht ohnciveilers cinleuchtctc. Den gang baren Weg zur Ziirückdämmuiig eines solchen EinflnsicS weise bereits das alte eonscrvative Programm auf, welches die schrittweise Beseitigung der Bevorzugung des großen-Gcldcapitals fordere. Nur., hier könne der Staut direct helfend• cingreifen, eine eonscrvative, volkSthümliche Politik sich bcthätigcn. Wäre cS der eoiiservativcu Partei in den.» Siebziger und Achkzigcrjahrcn möglich gewesen, in diesem Sinne praktisch zn wirke», Hütte die antisemitische Agitation dcinagogischcn EharaktcrS. schwerlich größeren Umfang angenommen und nicmals bei den Eonscrvativcn Sympathie und Unterstützung gefunden. So vcr nünftig und klar der erste Theil der Änsführungen der „Norddeutschen Allgemeinen ZcitnUg" ist, ebenso widersinnig und verworren ist der zweite. D aö große Gcldcapital ' ist nicht ausschließlich in Händen der Inden, und was die „sittliche Berechtigung" anlangt, so kann cs nicht befremden, daß auch unter jüdischen Großcapitalistcii Pente, wie . .ltcndlcr nnd selbst Gcrsdorff Vorkommen. Am unverständlichste» ist daS Bedauern der „Norddeutschen Allgcineincn Zeitung", daß die Eonscrvativcn in den Siebziger und Achtzigcrjahrcn außerstande waren, den jii-ischcii Einfluß gehörig zni ückzildänimcn. Sic kann doch unmöglich die Ansicht jener Anliscmitcn thcilcn, welche den Fürsten Bismarck als den Urheber der „Judcnnoth" in Deutschland vcr dämmen. Eilt Unvcrfiilschktr. Rohheit nnd Unwisienhcit bilden allcroltcn die Merkmale des antisemitischen DurchschnitlSincnschcii. So lese» wir im „Berliner B örsen Eouricr": Ein Schneidermeister /V. Dörge, Blnnicnstraßc IO hierselbst - wohnhaft, macht sich seit einiger Zeit, unbehindert durch das königliche Polizeipräsidium, das private'Vergnügen, antisemitische Hetzereien in« der Weise zu betreiben, daß er das Schaufenster seines PadcnS mit geschriebenen und gedruckten feindseligen AnSlassnngcn gegen Inden und Jndcnthiim anSsüllt. „Tod den jüdischen Blutsangern! " so. kann »län. iii cheni Schaufenster lesen, und das in einer sehr belebten Straße der Rcichshänptstadt. Es ist vorgckonimcn, -wie man sich erinnern wird, daß einem hiesigen .Kauf mann die Ausstellung eines mechanischeil.ViinstwcrkS. iii feinem Lchan feilster untersagt wurde, wcib-zn viele Pente stehen blieben, um das. selbe zu betrachten'. Die „öffentliche Schilling" verlangte dies. Wir haben ferner vor wenigen Tagen eine Veriügiing des Herrn Polizei Präsidenten v. R i ch t h o f c n initgetheilt, die einem Äanfmannc verbot, innerhalb seines^ GeschäftslocaleS eine von der Straße aus sichtbare Ankniidignng bciznbchalten, in der der Verkauf eines bestimmten liegen standcs, dessen «Name nichts Verfängliches hat, angczcigt wurde. Dies geschah, weil die „gute Sitte" es so verlangte. In beiden Fällen handelte das Polizcipräsidinni richtig. Dem Dörge'schcn Unfug gegen über crllärt siä> aber das Polizeiprändinm dem Anzeige r-rstatlet worden ist, machtlos. Hier scheint die „öffentliche Sidniing", nnd die „gute Sitte" weniger empfindlich;t< sein, wenigstens für das Polizei Präsidium Zn welcher Sorte Antisemiten der- Schncidermeister Dörge gehört, mag folgender Vorfall beleuchten e. Vor einiger Zeit mißhandelte dieser ohne Ursache den dreizehnjährigen So>>n cjneS ihm gegenüber wohncndcn jüdischen' ArzteS. Ans. erhobene Klage wurde Dörge, trotz seines PengiiciiS, i» zwei Instanzen schuldig befunden und in ttne Geldstrafe sowie zur Tragung der kosten vcrnrthcilt. .Kürzlich.ftAil* nach knrzcin Krankenlager die >»attin jenes Arztes. Wenige Stunden nach dem Tode seiner Iran erhielt er folgenden Brief, der' uns in der Urschrift Vorgelegen hat: Herrn Doe. Blninensieaste ... .immer bette ich zu meinem tzloll, iT~müge meine Peiniger bestrafen. Hochachtenl F. Dörge lFirineiisteiiipel> > Bo NI Nicdcrrlktill.l Die antisenütische f^ährnng am Riedcrrhein führt noch immer zu Aiisschrcituiigen. In Neuß wurden neulich wieder mehrere von.Inden bewohnte Häuser mit blutrothen großen .Grenze» bcmält. In t^rcvcnbroich sah sich das Pandralhsaiiik vcr anlaßt,^cinc antisemitische Versammlnng in Elsen, da Gewaltthütig keilen gegen die Juden zu besorgen waren, -zu untersagen. Mittelpunkte