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Freies Blatt · 1892-07-31 · 17 (31.7.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
17 (31.7.1892)
Date
1892-07-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Freies Blatt. Nr. 17. Tag im Sonncnjahr, und fei c# selbst der Sonntag, U«! stunde» haben kau»! ^l'och eins, bevor wir für heute scheide»! Bei einer, Auslage von lOO.itOO Eremplarcn kostet dein Verleger ein Eremplar 7 Pfennige. Ter Eolporteur erhält cs für 24 Pfennige, bleibt ein Reingewinn von l? Pfennigen, d^h. bei der ganzen. Auflage 1,70>t.lü>l) Pfennige oder sicbzclp,tausend Mark, wahrhaftig, der Verleger dcS „Schindcrhauncö" >»nL Sei unserem antisemitischen Helden noch in die Vchrc gehen. Ter .versteht..sein antiscinitischeS Geschäft ans dem »y,t! C zanbcrgeivaltigc ^rscheiiinng Vcrgani's, wie erscheinst du nur als Pa her solchem Meister .nzegenübkr! Benjamin Bonnhnd». \ Zur ^untener 2lffuire. Tas »icrkwiirdigc Schauspiel, das sich vor kurzer Zeit am Aiedcrrhein abspicltc, ist;» Ende, der Vorhang ist gefallen, aber die tiefe Erregung, welche von der Handlung ausgcgangcn, zittert noch immer „n '^ublicuiii nach. Man tritt in Gruppen zusammen, man bespricht das Ereigniß, man nimmt Partei für die handelnden Personen und, spinnt »ach Actschlnß den aadc» noch weiter, jeder in seinem Sinn, jeder nach seinem Gefühl und nach seiner Ilcbcrzcugung. 5ic Anti semiten schäumen vor Uninulh und ohnmächtigcin Zorn. Es ist begreiflich, ne habe» sich auf die Seite der xlntriganlcn in diesem Schauspiele genellt, sic haben dieselbe» mit. allen Mitteln der Verdächtigung, der 'üge, der geheimen Wühlerei unterstützt und fühlen sich mit ihnen zerschinelkert und anfö Haupt geschlagen. Sic verdächtigen, lügen n»d miihlcn weiter, sic nenne» die Verhandlung gegen Buschhon, die doch vor Altem sic in nngcstümstcr Weise verlangt,! ein Schcinmanöver, sie nennen die ganze Angelegenheit, die 'pljiic ihre Hetze heule vielleicht läng» durch Ernirnng des wirklichen T Hüters geklärt wäre, dunkel und rüthselhaft, sic beschuldigen die ganze Rechtspflege eines großen Enlinrstaalcü der Parteilichkeit, Bestechlichkeit und Unlautrrtejt. So lelel das antisemitische Treiben den Anblick einer Schlange, die sich .Ilm in den Schwanz beißt und mit ihren Umschnürungen die heiligste Bürgschaft der lR'scllschast, das «Gefühl der Gerechtigkeit, zu erwürgen n'1,1 Ans der andere» Seite geht durch die deutsche Presse ei» breiter Tlrom der Entrüstung über dieses unwürdige, gefahrvolle, de» Ruhm ees deutschen Rauicnö schädigende Treiben, und von allen Seiten er lieben sich Stimmen des.Protestes, der Abwehr, der Vernrlheitung. Tclbst Männer der Wissenschaft, die fiel) nie in de» Värm der Tages 'ootiiit gemischt, fühlen sich durch innerste» Trang beftininit, aus ihrer >ten-ivc zn treten und das irregeführle Volk mit cindringlick»sten Worten gegen den Antiscinitismns z» ivarne». Hichcr gehört vor Allem Professor Tr. Pelmckit, der in dem ■ : rer Proccssc als Sachverständiger snngirte und »NN in der „Kölni .Leitung" das Wort ergreift, um diesen Proeeß als eine» Kamps . gesunden Menschenverstandes gegen Unvcrnnnst und »ichtsivürdigc '»biffcnheit, einen Kamps der Aufklärung gegen Aberglaube» und .»dnmniung, des Rechtes gegen falsche Anschnldignng und Verlcnm ri'.nq zu stigmatisiren. Mit einem tieftranrigcn Blick aus den Rallen ' niig von Vng und Tf»g, Albernheit nnd Bosheit, Unwisseicheil und t'ichilicher ,Fälschung, der das Antlagcmalerial gegen Bnlchhoss bil!>'. mit der t^clchrte ans: „Wohin man blickt, überall .rchde und 2 neit, Aufhetzung nnd Verleumdung, Altes wogt und beivegt sich, nnd das dumpfe Tröhncir des fernnahcndcn Sturmes zittert durch die n»rvös »iberrcizte Gesellschaft. Wenn dem gesunden Menschenverstände, ssr Aufklärung und dem Rechte auch formell der Sieg verblieben ist, die Anschauungsweise der großen Masse »vird sich darum ivenig ändern, und die tieftranrigcn Worte des sterbenden Talbot bestehe» »ach wie vor zu Recht." —Auch die Stimme des rühmlich bekanntcn Predigers Trel,dorfs ist hier von schwerem (Gewicht. Er nennt Stöcker vife» einen der Hanptmitschuldigcn an dem Proccssc nnd sckhiudcrt bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß ein Mann wie er Staats i an wall wäre oder die Geschworenen zu ernennen hätte. „Aber er ist nicht der allein Schuldige!" ruft Trcydörss ans. „Rein, wir Alle, ich nehme mich selbst nicht aus, wir Prediger zuerst, sind mitschuldig, aß., gegen die Stammcsgenosscn Jesu und der Apostel, also der Männer, denen wir unsere theologische Weisheit verdanken, nnd deren, ckößter bis zuletzt stolz daraus war, Jude zn heißen (Röm. 1l, 1. 2. K or 11, 21), ein solcher Haß entbrannt ist, nnd daß sich der gar in ■.» Mantel der christlichen Frömmigkeit hüllen tarnt. Bon diesem goZt "seit Treiben mich öffentlich loszusagen, war mir Bcdürsniß, denn ich will lieber noch ein Tutzend anonymer Schmähbricse und .Eingesandts' ’i! l/mprang nehmen, als in dem unwürdigen Verdachte stehen, daß >ch, weil ich evangelischer Prediger bin, die Andersgläubigen hasten, mit Antisemiten ü In Stöcker und Ählwardt an einem Strang ziehen muffe." esite ." Wie groß der Ekel sein muß, der von der anliü'inisi'ch-'n «'»-i-i-i'N'- in Eleve aus alle gebildeten Menickien 'ansg.ln, heiveist >,»»>!, die Haltung der nichtdentickie» Preise. Verwundert tragen'r»e ,!' Ni-ws“, wie cs 'denn möglich sei/ daß der O'lanbe an den t>»iinalii!s'.d nicht bloß in der Heimat der Märchen' uns /Zanbergeichichl-n,' »n Stimmt, sondern auch in dem-gebildeten Teniickiland Anhänger finde. In Italien ist die gesammtc fortschrittliche Preste ciuuuttlnii in de» schärfsten Vcrnrlhcilung dis Treibens der Antisemiten. Tie . ist erfreut darüber, daß diese durch den Pboreß. in Eleve io grinidlick» blvßgcstcllt und in ihrer ganzen Verächllichteit aller well vor Augen geführt worden seien, und die Mailänder ..IVi-s-vraiiza“ schreibt: „Daß ein solcher Proeeß dnrchgcsührt wurde, ist gm, da sein Ans gang dazu dienen kann, die entsetzlichen Vornrtbcile des gemeinen Volkes gegen die Juden, wenn aizch nicht zn zerstöre», so doch zn mildern. ''Aber trotzdeln »?!»ß der Proeeß der gebildeten <R'»eklichast unserer Zeit die Schamrvthe »ns <^esi>l>t rreibeii Wir bilde» »ns .ei», am Ende dieses Uahrhnnderts den Gipfel der Eivilisation erreicht z» haben, und plötzlich taircht in einem großen T heile des civilisirien Europa diese Pest des Antiscmiiisnnis ans, die »vir geivohnl waren, als ciii Zeichen der Wildniß, nnd Unryltn» längstvcrgangrncr .'«ahr, Hunderte zn betrachten." Begreiflicherweise langen auch an unsere Redaclion zal,lreiche 4» ichristcn aus dem Pnblirnm ei», die ans dem lantener Vroeene na'ck» den verschiedensten Richtungen Eoiijcgucnzcn ziehen - nnd die »launig sächsle .Ansfassung 'des traurigen Schauspiels ^darstellen Ta wir »>ä>> 'in der Vage sind,' alle diese Schreiben zn »eproduciren. »volle», »vir nn> eine kleine'Auslese tressen., , . '; So schreibt »ns ei» Vescr ans Troppani „Es macht einen lalir klägliche» Eindruck, wen» man sieht, »vie der Eanonirns '»»obling auch bei dem Proeeß in Eleve wieder »iit seiner talinndiickien Wersbej,' förmlich liänsicrcn geht. Ein mehr als furchtbarer >'»de»isei»d denn als Sri.entalist bekannter .Sachverständiger/ der sich-unansgeiorderl selbst zum Richter in einer ,trage anbietet, in der er längst als Varlei ertanni »vnrdc, ist doch geiviß eine komische ,tignr, der V riest er aber, der, ohne zn einem Eide nnilzesordcrt zn sei», einen ,'olchen leistet nnd<.»ock» dazu .im. Angesicht des Todes nnd des Ewige» Richters ', dünkt mir schon eine bedenklichere Erscheinung zu, sein. So .viel ich »veiß. erireme sich Eanonirns Rohling, als. er sein nngebetenes >^niact>len an das t Strafgericht in Eleve sandle, doch der'besten t'-'esnndbeit. Weshalb also .im Angcsielit des Todes nnd des Ewigen Richters''? T>1 Arg» mente Rohling's sind in der Vrest'e, und zwar von ltriiseneren Venie» bereits genügend zerpflückt und in ibrcr Viichligteil hingcstellt worden. Ta mli aber auch diein unserer Stadt erscheinende antisemitische . Tenliche Wehr' iu einem allgemeines. Aergerniß . erreg^idcn Artikel ans die sogenannten .historischen .Zeugnisse' des 'tzro'en'or Rslilnig be ruft, so sei cs mir gestattet, ans' eine Tyalsache binzniveiien, die jüngst in einem deutsche» Blatte gegen die angeblich durch Vroe'eßarien be wiesencn ,tällc von jüdischen Ritnalmord»'» zn ,tetde getnürl.»vnrde Tas Blatt schriA»: .»rür wen Proreßgeten nns jene» /Zeiten ausreichen, um dieses oder jenes zn glauben, der muß Bi'anches nls eriviesen n.nd unbestreitbar erachte», woran Heine, niemand mehr glaubt. 'Besitzen »vir ni»cht auch Aele» über Herenvroeesie'? Tas Rath-'-archiv se» Ueiii» Srischast Pnichlar in der Schweiz ba< 'allein eine Sanimlnng v,>»r. nicht iveniger als I2>> Stück. Sollen wir darum nbn »v»klick» ernstücki glaube», daß vor drei oder vier >Zahrl»„iderien in dem'kleinen. Tue Heren vorhanden gewesen sind,, »veil sonndsoviele»- ktr>Nie»sre»so»>n .wegen Hererci der Proeeß gemacht ist'?' >»» der Thai ließe siel» >»">»' diese Weise die Richtigkeit -so -manche» Aberglaube»" mid a»,ch io manchrr Erdichtungen eriveisen, 'welche sich 'nichl ziim »»ndesten. ip.'.: die Anhänger des Blutinärchen» selbst tehren »viirden " Ans Vngnjhcl» bctoni.inesr. wir folgende /Zn'chrisi „Vo: ".»n.i_. /Zeit bczcnaie der Erzbischof, der >Z»scl /Zaiite, Bl0>r>ignore T ionhsius Vati, von der Kanzel ans feierlichst, daß nicht das geringste'»vünkchen W» hrhcil' an der rititcflcn Blntbeichnlhigung sei, nnd er l>esch>v0'. de»»''Zorn des Allmächtigen ans sei» Haupt lierab, avenn er Ineinit eine Unwahrheit verkündet hahc. Ta er mit dem Eereinoinalge'etz der ^uden vertraut sei, könne er bestätigen. d<»ß selbst der <'V’,im'; des Thierbluies ihnen verboten sei/ Tie walirheit dieser Belbenelling »vird . jedtr An.dc, ob' fanatisch orthodoren o.dci" ansgetlär» resormir'e» Bekennlnisscs, ohne sich einen Augenblick zn bedenken mit einem keierlichr» Eide bestätigen Man innß aber cincnr christlichen Kirchensürsten eines Vandcs, das »och vor Kurzem'selbst der SchSMvlatz einpörendei ann semitischer Hetzen ivar, für dieses Zcugniß de»' Walirheit außeist dankbar sein. Unbegreiflich bleibt cs jedoch, daß unser höbe» Elerns. de», i>i daS Seelenheil seiner Religionsangchörigen am Herzen liege», muß. e-.- gcgcnübcr Vorlommnistcn wie die in .laute» ruhig mit. ansehen taim, daß Bekenner der christlichen Rcliglon n »schuldige Menschen Iki/'V

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