Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 14 (10.7.1892)
- Date
- 1892-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seite fi Nr. 14. Giftpfeile aus. Ich könnte ihm sehr leicht de» Spaß verderben, 'aber ich bin kein Spaßverderber. Ich freue mich mehr auf jenen Tag, wo der Protector, oder besser, wo die Protektoren unseres edlen Jünglings den Strauchen in die Nase kriegen werden. Nicht allein vor-den Werk ställen antisemitischer Schriftleiter riecht es böö, soildern auch ans einem der schönsten Plätze unserer Stadt wird eS noch einmal fürchterlich gen Himmel stinken. Wien, 9. Juli. Benjamin Bonhhady. (Politische Bsbes.) Dr. Vueger ist nicht der einzige Antisemit, der sich seines Fleißes in der Bolksverhetzung rühmen darf. Ter (ix- Ritter will auch nicht zurückbleiben. Ursprünglich bildeten minderjährige Hochschüler.den Grundstock der Bolksverfainmlungen, die ihm das Ber trauen der'. Deutschen Oesterreichs votirtrn, es wird aber nicht mehr lange währen, und bei diesen politischen Kundgebungen werden Böb-'s abstimmen und agitiren. Bei den Mittelschüler» ist Schönerer bereits' angelangt. Co wurde eine jüngsthin in Palt stattgehabte Bersammlung des deutschen Nationalvereines auch durch die Gegenwärt einiger Schüler der Kremser ^berrealschule verherrlicht. Tie jungen Herrchen, welche natürlich auch ihren „Mann" zu stellen suchten, waren in der Kenntniß der Heimatskunde offenbar Noch nicht so weit gekommen, um zu wissen, daß das Recht zu politischen Kundgebungen grünen Jungen lischt zustehe. Tiefe unterstehen »och wohlweislich dem Schul dieriplinhrgesetze, und die jugendlichen Radaubrüder aus Krems hätten die ganze Strenge dieses Gesetzes erfahren sollen. Ihr Falt war nämlich schon ein Rückfall, da der Tirector der Realschule, Herr Tr. Ehrend er ger, schon wiederholt Anlaß hatte, jede Theilnahme an politischem Bersanimlungen den Knabe» strengstens zu verbieten. Nichtsdestoweniger ließ man den hoffnungsvollen' Autifeinitenknospen gegenüber Milde vor Recht walten. Es wurde bloß einer von den Theilnehmern relegirt, während die sieben „Gesinnungsgenossen" Anlaß bekamen, daS schöne Vicb zu singen: „Ans dem Eareer lebt sich's frei, lustig ist die Laueres!"—Auch der (Srfurter Eareer soll eine schöne Gegend sein. Auf dem Hofe des dortigen Ghiiinasiums kam es nämlich vor Kurzem, zur Zeit als die Lehrer im Gebäude Eonferenz hielten, zu einem ganz netten antisemitischen Krawall. Mehrere hundert . Schüler hatten große Schlipse angethan, auf denen die Worte „hepp hepp" standen. Unter Anstimmung eines antisemitische» Viedes umstreiften die Schüler die etwa achtzehn jüdischen Schüler der Anstalt. Einige Veljier sprangen schleunigst hinzu und machten der bedauerlichen Kund gebung ein Ende. Bermuthlich sind auch die politischen B-'-bi'-s von Erfurt dem (lauer nicht entgangen. i(rill humaner Arzt.» Tie Prager „Gemei ndezei t IIII g" erzählt folgenden sninptomatifchen Fall: „ Ter israelitische Schneider gehitfe R. Ä. ward plötzlich vom Blutstur; befallen. Ter Meister . Herr S., welcher in die Genossenschaftskranleneasse einzahlt, meldete dieser den Zustand seines (Gehilfen behufs Unterstützung, beziehuiigS weise ärztlicher'Behandlung desselben. Tie GenossenschaftSkrankenkassc wendet sich zu diesem Zweck an ihren Arzt Herrn Tr. Bojtüch Mrazek. Terselhe untersucht den. Kranken und übergibt diesem eine Anweisung an die Krankenkasse, in welcher er dem israelitischen Schneidergehilfen, aber erst ans dessen Bitten, einen acht bis zehn tägigen Landaufenthalt verordnet mit der Bemerkung, daß einen längeren Zeitraum einznräumen ihm vorläufig unmöglich ist, da, wie Herr Tr. Mrazek schwarz auf weiß meint, die Israeliten sich aufs Be schönigen gut verstehen." Man begreift allmülig, warnin Schönerer sich gar so sehr vor der Eventualität fürchtet, sich von einem „jüdischen Arzte" behandeln lassen zu müssen. Tie letzteren uiüsse» eben erst noch von ihren antisemitischen Eoltege» „Humanität" den Kranken gegenüber lernen Ein „Reiltignitgsprocesi".. Aus Vemberg wird uns geschrieben: „Unsere Judenhasser jubeln, denn fürder solle» auch die Bahn .Restaurationen ,jiibcureiit4 sein Tie hiesige Betriebsdirertio» der k k. Staatöbahnen fand sich bewogen, einer großen Anzahl jüdischer Re ltaiirateure, die auf den Stationen der früheren Karl Vndwig und Vemberg Ezernowitzer Bahn seit wenigstens zehn und mitunter auch seit mehr als zwanzig Jahren ihr Geschäft redlich betrieben hätten, zu kündigen, und »och viele Kündigungen sollen im Zuge sein. Man gehl hiebei sehr vorsichtig zu Werke, indem man, noch bevor die Kündigung;ngc|tcUt wird, mit einem anderen Unternehmer einen Beitrag ab schließt, so eine Thatsache zu schassen, die einen -Rückzug nicht meljt möglich macht Ist da« Snstem oder Zufall'?" Wie denke» Sic über den Antisemitismus'?» Bekanntlich lchoben die Antisemiten ihr Fiasko anläßlich der Bismarck Tage dem Umstande in die Schuhe» daß die gräfliche Familie Hol>oö nicht ganz' jubenreln sei. Sb dies chatsächlich der Fall, ist uns unbekannt und nebenbei auch ganz gleichgcktig: Wir wissen nur, daß die Förde, rimg des Antisemitismus nicht zur- Hauspolitik der- Grafe» Hoyos gehört, und daß «»^Mitglied der Fanülie, -der bekannte Tichter (vti-af Rudolf Loyos, schckii im Jahre l**, solgendes Epigrainin veiössenklichte: "H n b i c ’.H nIi jf inite ii. Ten Wlijiilieii nickil und nichi die ülasie Habe Ihr belegi mir Eurem Hane, Tazn seid Ihr zn ansgellari! Wenn ich die Frage richtig nasse. So ist e-5 nur die Werl hei in Eaije Nach dee'Seniiieiihaß degehri. Also Iiinn TI1:ie liicrim:»''? - Ter bekannte Humorsst Julius . Stettenheini in Berlin hat aus eine Anfrage, wie er über de» Antiseiiiitisinus denke, die launige. Antwort gegeben: „So lange der Slaat nicht die Autisemite» zur Gewerbesteuer heranzieht, ha» er keinen Begriff von dem innere» Wesen dieser Bewegung." (Kainpfcöutnde.» Sicherem Beri^hineis nach steht der Führer der Leipziger „Deutsch Sorialen", Mnhle^itechmker Theodor Fritsch, in, Begriffe, sich nach seiner Berheiraluug mit der Tochter eines Solinger Fabrikanten definitiv von der' Veituüg der anliseinitischen Bewegung zurückzuziehen. Derselbe war schon Längere Zeit nicht mehr rednerisch thätig und übergibt nun auch sein bekanntes Berlagsgeschäst nun semitischer Schriften in andere Hüiidej Wir sic cs wolle».. Unsere« Berliner Kampsgenossiii, bie__, i 111) e i I n nq e n" verbreitet biul) ihre letzte Nummer ein Flug blatt, enthaltend „Ur t he i 1 c a n t i je «Htti d)e r G röße n" über den Antisemitisninö, das Ehristenlhuni u. A. Mit Rücksicht auf unsere Preßverhälinisse sind wir leider nicht iü der Vage, dieses lehrreiche' Flilgbla» in feiner H^änze zu reprodueiren. Interessant dürste, >edoch auch eine StichprobsZein Ter berüchtigte. Karl Paasch schreilck'in seinem Buche . „Eine, jüdisch deutsche Gesandlschasl und ihre Helfer" Folgendes: „Tie einfachste und praktischeste Vösiing der.Judensrage wäre allerdings die, wenn man den Spruch nmkehrte . . . Man würde die Juden dann, wie die Engländer es mit den Thugs in Sstindien gemacht habe», ohne Rück sicht auf Alter und Geschlecht säinmllich lobt schlagen. Selbstredend ist eine solche Vösung wenigstens für »ns Deutsche ausgeschlossen. Eine andere Vösung würde .die fein, daß man s i e einfach ans dem Van de aus wiese, indem man ihnen nur die Mittel ließe, welche dazu nökhig sind, um lein anderes Vaud;» erreichen u s w Tort mochte vielleicht der 'Neger zu der kulturelle» Ausgabe berufen sein, das Todtschlageu der Juden zu besorgen, welches uns widerstrebt." Man darf sich wohl, fragen, ob es nicht vielleicht bloß das Strafgesetz ist, welches den Entdecker dieser einfachen Vösung auch vor der praktischen Aussührung zurückschreckt. AnltsrNlilischcc Win.. I» Halle a S verausialleten die Antisemiten am vergangenen Samstag ein Sommerfest, wobei eine Kiste „Jndenfliuten" zur Berlheilung kam. „ Tieser 'Zivischenfall — schreibt ein antisemitisches Blatt — erregte lim so größere Heiter feit, als in demselben Augenblick Frau Ahlwardt mit ihrem Töchterchen in Begleitung Tr. Paul Förster s erschien, von lebhafte» Heil Rusen der Anwesenden begrüßt." Tie.. Festrede hielt derselbe Tr. Förster, welcher wegen seines Uebereifers in Sachen der Juden flinten ans der deutschen Armee ansgestoßeii-wnrdei.Hcntc Zndcn, inorgrn Katholiken oder Prokcslanlcn. Tie „K ölnische'Bolkszeituiig", daS Haiiptorgan der rheinischen Eentrums lruppeii, fährt fort, vor den Zielen der antisemitischen Hetzer zu warnen. Es schreibt: „Tie bürgerliche Gleichberechtigung Aller muß - unser Paltadinm sei» Kein Katholik lasse sich verlocken, »eneidinga wieder Aiisiiahmemaßregrln znziistimine»: wir sind, in Tenlsckilaii'd in der Minderheit und immer noch stark gehaßt, wen» auch angenblicklich das Feuer mehr unter der Asche glüht. 'Werden wir ans Berfolgten zu Berfolgeru, so Helsen wir Pfeile schnitzen, die früh oder spät mif bni S d) ii (j e n z n r ü ckprall e » . . . Täs .preußische Staatsgrundgesi'tz sagt im Artikel 4 .Bon den Rechten der Preußen : ,Tie össentlichen Aemter sind, unter Einhaltnug der von den G.sepen seftgestellten Bedingiingen, für alle dazu Besühigien gleich zugänglich' Es wäre ein geradezu. unbegreislieheS Maß von BerblenduNg, wenn ans Abneigung-gegen das Jndenihum Katholiken in Preußen sieh dazu hergebe» wollte»„ gegen eine Berfassnngsbeäiiiimiing Sturm zu lausen, ans welcher ihr leider »och .so mangelhaft verwirklichter Anspruch ans Gleichberechtigung beruht." Es find nicht Gründe der Hnnianilät und tilerechtigkeit, welche das rheinische Blatt ziim Kampfe widerdie Anti seniilen bestimme», sondern Rücksichten auf das Wohl der Seinen Jen Preußen, besorgt es, würden Ailsnahmsgesetzen gegen Inden solche gegen Katholiken folgen. Eine gleiche Besorgmß bezüglicki der Protestanten in > Sesterreich scheint ein Pastor in Mähren nicht zu hegen, welcher. 1