Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 14 (10.7.1892)
- Date
- 1892-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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J Freies Blatt. llr. 14. Bürgermeister: Ich Halle meine Aussage aus Gr»»« meine» Eide» vollständig ausrecht. Ferner erklärt der Bürgermeister, daß Junkermann und noch einige zu vernehmende HauptbelastnngSzeugen sich hervorragend an de» antisemitischen Bestrebungen in Lante» betheiligt habe» — Ein Uchähriger Mann und ein lüjähriger Knabe geben an. daß der ermordete Anabe am Peler- und Paul-Tage iil da» Buschhofi sche Hau« gezogen worden sei. 3» der Nachmittag» statlgehabte» Berhandsung erklärt« Frrhrherr stallmau n. er habe am Nachmittag de» 29. Juni .1891 die Herini»e Busch hoss einen sackartigen Gegenstand in die Küpper» sche Scheune tragen ge>, sehe». — Lberstaatsamvalt Hamm hält dem Zeuge» vor. daß er von dem Airiisrichler und von dem Sladlsecrelär — von letzlerem veranlworllich — ver nommen morbfii sei, weil er dem Buschhoss mehrfach „Mörder" nachgernscn habe. Trotzdem habe er zu Protokoll erklärt, er wisse aus-eigeuer Wahrnehmung'nicht« von dem Morde. Wen» dieser Jrrthum sich nicht auskläre, kau» sei er meineidig. Ter Zeuge erklärt, er höbe das in ffr Ausregung vergesst», heule habe ec aber die Wahrheil gesägt. — 7. Juli. Ter Präsident theill heute mit, daß er genölhigt sei» werde, am Sonntag eine Sitzung abzuhallen. Als Hauplbela stungSzeuge erscheint der Steinmetz Wesendrup. Al» der P>äsident zur Beeidigung de» Zeugen schrcile» will,^ beantragl der Bei theidiger, Rechtsanwalt Gammersbach, ausGnmd de» g so,, Alinea 3 der-Slrasproceßordnuug, de» Zeuge» ohne Eid zu vernehmen^ und zwar mit folgender Begründung: Der« erwähnte Paragraph lautet: „.-zeugen, eie der Theilrmhme. Begünstigung u. s. w verdächtig sind, dürseu nicht vereidigt Iverden." Selbstverständlich bezieht sich diese Gesetzesbestimmung auch ans die >enigen Zeuge», die der Thäterschast verdächtig sind/ Nu» schwebt gege^r de» Zeugen ei» Verfahre» wegen Berdachle», den Johann Heg mann ermordet zu habe». Dieser Verdacht gründet sich aus die Aenßernng d,s Zeugen zu dem Siegmund Buschhoss: „Das sind die Sattsresser, ich werde aber dalrir sorge», daß diese Juden keinen Schabbe» mehr feiern." — S laai» a »inalt: E» schwebt allerdings gegen de» Zeugen da» erwähnle? i rasverfahren. Wir habe» es aber hier mit dem Llrasversahre» gegen Buschboss zu thu»; der tz 56, Alinea 3, der Slrarproeeßordruing kan» inithi» aut de» Zeuge» leine Anweiidniig finde». <>— Ter Gerichrshos beschließt, de» Zengeii vorläufig »»beeidet zu vernehirien. — Der Zeuge bekundet alsdann: ,lch versuchlt am Sonnlag vor dein Morde in da» Schlachihau» zu gehen, fand aber die Eingangslhür vernagelt Am Dienstag Morgen» gegen acht Uhr, also am Tage »ach dem Morde, kam ich wieder zu Buschhoss Ta sagte ich z» der Fra» Bnschhofi: „Ihr seid ja schöne tzeirle, Ihr schneidet den siindetn die Hälse ab!" Frau Bnschhofi versetzte: „Ich bi» aber sroh, daß die tzeiche nicht bei nno gesunde» wurde." Ich sagte: „Sind Sie den» etwa« Besseres rvie Küpper»?" Fra» Bnschhofi antiPorlele: „Nein, aber wir sind Juden" I» diesem Auge» l'lute erinnerte ich mich an den TiSza-Eszürrer Proceß, über de» ich mit Busch ' twfi mehrfach gesprochen hatte. Bnschhofi hatte mir häufig gesagt: „Es ist eine Verleumdung, wenn behauptet wird, daß die Jridcrt Ehristenblut brauchen." Ter Zeuge erzählt im Weitere», daß, während am Sornrtag die Schlachthaus - rhirr vkrnagelt war, er am Dienstag mit tzeichligkcit die Thur habe löfinen könne». Präs.: Sind Sie Ihrer Sache gewiß, daß die Thur nicht mehr vernagelt war? — Zeug«: Da» weiß ich ganz bestimmt. — Präs.: Eine Fra» will gtsehe» haben, daß die Schlachlhauslhür am Dienstag PormiNag» gegen 10 llfir noch vernagelt war? — Zeuge: Ich rveiß ganz gena», daß die Thür am Dienstag Früh 8 Uhr nicht vernagelt war. — Pkäs: Habe» Sie nn» im Schlachrhanse etwa» Ausfälliges bemerkt? — Zeuge: Mein Hammer war beschmutzt, und meine Kleider waren i» Unordnung — B ü rgerineister Schieß gibt als Ztuge a», er habe drei Kinder de« Zeuge» Wesendrup in» Waisenhaus schassen lassen, da derselbe sich um feine Kinder nicht ge lüminert habe. . Nachmittag» sagt Fräulein Röle», Tochter eine» Sbersörstcr», aus: Al» Buschhofi einmal vorn Staalsanwalt, bei dein er ei» Verhör hamz, kam, sei ihm sein Sohn Sigmund entgegengekomme» und habe ihr» elwa» ins Shr ge sagt. Buschhofi habe daraus bemerkt: „Ach was, ohne Beweise könne» Sie »»« nicht» «»haben."' — Steinmetz stock bekundet, er sei gegen lO Uhr Pormiliag» bei Bnschhofi gewesen und. habe int Parterrezimmer mit Buschhofi und Andere» am ofirnkn Fenster gesessen. Er habe da» siind vor der» Bnschhofi'schen Hause gesehen. Tie Beschädigung de» Grabsteine» habe kaum de» Werth eine» halben Psennigs betragen. — Der Gerichtshof beschließt, de» Zeuge» Wesendrup zu vereidige». Der Antisemitismus und die preußische , Justiz. Äus Anlaß der in Nr. 13 des „Freien Blattes" unter der Auf jchrifl „Schairiloses Treiben" mitgekhciltcn Perhaiidlung dctz Berliner Ltadkverordiietcnversamniluilg vom 23 Juni d.. I. habe ich mir die berüchtigte Flugschrift „Judenbordelle" -von Alezchndcr Berg (Bcrlick Seite 3 \V. 30, Paul Heichen's Berlag) koninre» lasse». Es. ist das eine Hetz fchrift ersten Ranges, welche unter der» Porwande, das gewiß verab fcheuungswürdige und niederträchtige l^ebahrc» von indischen sinvvlern ^und Mädchcnvcrkäufern an de» Pranger zu stellen, die Inden im Allgemeinen als eine gcnrcingcfährliche -Raredarzuflellen urrd. zu deren Bernichtung anznrcizen sucht. » In den Ausführungen der Flugschrift*» ist der Tlintbestand des durch ij 130 dcS dentschcn Strafgesetzbuches verpönten Perbrechens der -Anfreizring unzweifelhaft vorhanden. Dieser Paragraph lautet: ..Wer in einer den öffentlichen Friede» gkfährdcndrn Weise verschiedene Elanen der Bevölkerung z» l^cwalllhäkigtcitcri gegen einander öiie»risch anreizr, wird mit Geldstrafe biö zu fcchShirndert Mart oder mit l^efängniß bis zu zwei Jahren bestraft." Warum läßt aber Staalsanwallschasf lind Polizei und Justiz solche Schriften ohne Berfolgnng? Würde eine gleiche gegen eine andere Elaste voll Staatsbürger», beispielsweise gegen die Adeligen oder Beamte» oder das Militär aufreizende Schrift nicht sofort mit alle» Mittel» unterdrückt, t>cr Pcrfasscr crrergisch verfolgt und schärfste»» bestraft werde»? Es scheint, daß man . in Preußen ebenso wie anderwärts nicht weiß, welche ii»gthc»re Berrohung des Bolkes in Folge solcher Berhctzünge» gegen die Juden crirlrilt, und "daß diese die friedliche Vösring de/ soeialcn Frage beinahe »innröglich »nacht. Wohl selbstverständlich ist cs, daß auch wir wünsche», daß die vön dem Bcrfasscr der Brandschrift angeregte Bersolgurlg der angeblich w» Jude» verübten Perbreche» mit aller Energie erfolge, daß aber dabei nicht »»tcrlassc» werde, auch die arische» Mitschuldigen zirp Per ankwortiing zn ziehen . Das bekannte Sprichwort: „Wie der Hehler, so der Stehler", findet ans diese strafbare» Handlungen -sehr gute 'Anwendung, da, wen» sich kerne Wüstlinge finden würden, die sich die ariireii Spser -znsührcn lasten, irr» ihre thierische. Viift an denselben zn befriedige», den sdnppler.» das Handwerk bald gelegt, wäre beider finden sich diese Wüstlinge irr allen Elafsen der arischest wie sternili scheu Race. Wir sind einverstanden, das; bei der Bestrafung dieser fluchwürdig-!» Handlungen die größte Strenge ciiitutt, aber daß man diese stelle an den ÖVjlgcii hängt, scheint uns doch zn strenge, außer man meint den moralischen (Balgen der Perachtung: »»», da würden so elende sierlc wie der Perfastcr dieser Brandfchrist auch hingchörc», denn Wen» inan die Gauner hinge , " Alle zirjamiiien an einen Strang, Das wäre wohf der schlechtesten Dings Allersätbirster Znsamnicnhang. Hinz, ». Juli. , . . , Hr. Zißling. ScfyieiWs Tendenzlügeu. In seiner Rninmer vom II. Juni brzngt das „Deutsche Polls blatt" de» Bericht über eine zu Zirl in Tirol ttältgesrindene anti semitische „Unterhaltung", welche an Stelle einer beabsichtigten, scdoch wegen eines Formfehlers untersagte» Pcrsäinmlung veranstaltet wurde. I» diesem Berichte, von der» wir-schon Notiz genonrnren. haben, hieß e» wörtlich: Ans die Frage eines Äniveserrden, was cs mit der Rumäne» Depnialion für eine Bewandrniß habe, schilderte Abgeordneter. Schneider den Sali verhalt und führte rr. A. zur Illustration der Berkälinifie sorgendes . »».staub liäie Borgchtn de» nngarische» Justiz gegen rnmänifiche llmerthanen an In tzaczfalu befindet sich ein Pfarrer, der ivegen »eines pilichteireige» Borgelrens gegen seine rninäruschen tzandslente bei reuen „Magnareir" besonders verhaßi Die Berg'sche Hetzschrift Ijegt auch „»» vor. Der P'ea'afier »'teilt nch gewisser maße» aus de» aiattirwistenschasrliche»" Standpnnkl »nt iagi » A : „Die Nachivirkringc» ^-de« llriprungs der Meirichen a>,s »iedererr Tkiersorme» gänzlich ausznlöschenf vermochte die Berveqnng d-r Menschheit in der Richtung der .immer höher und höher steigenden Enttnreniwicklung »och nicht gänzltckr. Vielmehr hasten den Meiriche» noch vielfach Züge lhrerücher Rohheil an, oder bei de» verschiedene» Mrnschenraern in perichredcirein Grade." Ru» will er bei der senrilischeu Rare überhaupt einen „Ranbikiercharalter ' enldecki haben, der nameutlich bei dem lüdiichcn Slanrnie besonders stark cnlwickelt wäre. I» wahr hast bestialischer Weiie wirst sich dann der Verfasser ans die Inden und gehl io weit, zu erlläre». ma» nrüsse sich scheuen, die Ranbiliiere des Kavengeichlechies mit de» Inden zu vergleichen, narr erstere nicht zu beleidigen Tie Sprache, der Broschüre ist eine so airshetzendc und tnrbei io pöbelkiast gemeine, daß man A» stand nehmen mutzle, einzelne charakreristischc SleUcn wörllich wieder,.»gebe», auch wenn unsere Preßverhältnisse anders gearlet wären nutz >, de Bciorgnrß vor einer Confiseation ansichließcn wnrdeit. Der Verfass,r, bei dem allem Anscheine nach die „Eulturrniwicklung" nochiiichl die „thierische Rohlieii" verscheucht hat, appellirt arl die „Racheenergie" des deulsche» Volke« und sorderi.es aufi einen „erbarmungslosen Veriilgniigskrieg" gegen die Jndeir zu snhre» Tie Redaeiioäi -