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Freies Blatt · 1892-05-15 · 6 (15.5.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
6 (15.5.1892)
Date
1892-05-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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*eitt 3. ttr. 6. freies Statt. völkerung die sehr naheliegende Konsequenz, daß die socialdcmotratische Theorie, welche ihren Ängriff gegen das Capital überhaupt richtete, dochviel praktischer und richtiger sei. So kommt cs, daß, wir glauben sagen zu dürfen, zum Thcil in Folge der antisemitische» Bewegung die Anzahl der socialdemokratischen Stimmen in Deutschland in stets wachsender Progression sich vermehrt hat. srs liegt eine cigcnthttmlichc Ironie darin, daß die christlich-sociale Bewegung, welche den Frieden der Confessioncn und Racen untergrub, gleichwohl aber conscrvativ zn sein vorgab und in der That neuerdings immer mehr mit der conscrvativen Partei Hand in Hand geht, gerade derjenigen Partei, welche b'it ganze gesellschaftliche Crbuuiig durch eine neue ersetzt wissen will, ohne allen Zweifel in die Hände gearbeitet hat. Man muß sich diesen Charakter dcS Antisemitismus völlig klar machen, um ihm seine richtige Stelle i» der culturhistorischcn Be wegnng anweisen und sein Bcrhältniß zu den Judenverfolgungen früherer,Jahrhunderte begreifen zick können. Die Uebcrciustiminungcn und die Abweichungen werden sich dann unschwer ergeben. Auch die Judenverfolgungen der Bergangenhcit waren nicht alle rein religiöser Ratnr. Wohl erhielten sic durch Aberglauben und religiösen Fanatismus ihren vornchmsten Stützpunkt und waren stets um so heftiger, je »ichr das rein religiöse Clcmeni in de» Bordergrnud trat: aber daneben taute» doch oft noch' andere Momente in Betracht, nur daß diese mehr ijn Bcrborgenc» wirkten. Das, was man offen als Motiv angab, war fast immer daö religiöse. Man behauptete, daß die Inden die Hostien ans den christlichen Rüchen entwendete», daß sic heimlich Chriftenkiilder zum Judcnthnm bekehrten, daß sie Christcnkindcr zu ihren religiösen Zwecken schlachteten ». dgl. >». Jedesmal wenn ein solcher, durch nichts bewiesener Bcrdacht anftauchte, war das Signal zu einer allgemeinen Bcrfolguirg der Juden, gegeben. Die Motive aber, einen solchen Bcrdacht hcrvorznkchren und damit eine neue Bcrfotgung hcrauszubeschmören, waren doch oft ganz anderer Art. Man erkennt sic am deutlichsten, wenn man die auf die Inden bezüglichen (besetze des Mittelalters aufmerksam vczfolgt. Richt einmal, sondern in ständiger' Wiederkehr Erscheint da vor Allem daS Gesetz, daß sämmttichc bei Juden anfgcnommcnc Schulden als »ngiltig zu betrachte» und nicht zurückzucrstatten seien. Hier erkennt inan deutlich die gegen das jüdische ■ Capital gerichtete Tendenz der Bewegung. Daß solchen Gesetzen gegen über, die den Juden völlig rechtlos machten, -der letztere dann in seiner Abwehr und. in seinem ganzen Verkehr, mit seinen Unterdrückern oft genug jedes Mittel für erlaubt hielt,' kann zwar gewiß »ach den (Grundsätzen der reinen Moral nicht gebilligt werden, wohl aber er! scheint cs psychologisch erklärlich. Wollte maü also den. .Hanptuntcrschicd zwischen den .Inden Verfolgungen der vergangene» Jahrhunderte und dem modernes Anti scniitismnö knrz bezeichnen, so liegt er vor Allem darin, daß jn "jenen daS religiöse Motiv daS Hauptsächlichste und stets das allein—oisen Zttgcstandene war, während in dem modernen Antisemitisinns das religiöse Moment »eben dem volkswirthichaftlichen fast völlig in den Hintergrund tritt. «Foriseyung tolgt-.» Ahlwardt's (Ligen. Die neueste Leistung des berüchtigten Reetors Hermann A l>twarbt, seine „Judcnftjnten", sind nun von maßgebendster Stelle als öligen gckenn;cick>net, und die Berliner Stdatsanwaltschast, der von der preußischen Negierung anheimgestellt wurde, „die crsordcr lichen Schritte zn thun", wird sich also wieder mit Ahlwardt befassen müssen, gegen welche» auch die in ihrer Geschäftsehr schtvcr verletzte Cominanditgcseltschaft Ludwig Votmc einen Strafantrag zu stellen kaum Unterlasten wird. Cs gehörte dazu die ganze Berworfenheit der antisemitischen Hetzpressc, um Ahlwardt'sche „Ciithnttungen" für baare Münze auszugcbcn, aber auch ihr bodenloser Leichtsinn n»d Mangel an Urthcilskraft, um von Ahlwardt'» neuester -Dichtung einen Umschwung zu Gunsten des AntiscinitismnS in den obersten Berliner Regionen zu erwarten. Die anständige-Preise aller Parteischattirungen begegnete dem, was Ahlwardt zn erzählen mußte, von vornherein mit Mißtrauen und brachte Stimmen Sachtnndiger zur Richtigstellung der Angaben Ahlwardt's. •' Tic „Frcisin. nigc Zeitung" beschäftigte sich in einem „Räuber . der Chre", libcfschfiei'cncu Leitartikel eingehend nnt der „Judcnflinten" betitelten Broschüre Ahlwardt's, welche a.uf der de lcbtestcn Straße Berlins, der Friedrichstraße, in einer jede» anständigen Menschen beleidigenden Form zum Berkanfc ansgeboten werde, namentlich mit der frivolen Discrcditirung der deutschen Bewaffnung durch Ahl warbt. Sie wies in einzelnen Stichproben die Unkenntniß Ahlwardt's und die Unwahrheit seiner Behanptniigcn »ach. So klage er die Lötve schc Fabrik der Lieferung, schlechten Materials für Läufe. und Bisire an, ohne zu wissen, daß der Staat der Fabrik alles Material lieferte. Er beschuldige einen S der Büchsenmacher in Spandau ^dcr Bestechung und des Bcrrathcs: es stelle sich aber heraus, daß dieser nach Brr einbarung der Militärbehörde mit der Fabrik cs übernommen hatte, gegen geringe Bcrgütung die durch Wagcntransport nach Spandau an den Gewehren entstandenen kleinen Schäden zu beseitigen. Als ins Gebiet der. Unzurechnungsfähigkeit gehörend sah d.ic. „Freisinnige Zeitung" die sinnlose Behauptung an, daß der Fabrik vsn „geheimen Sbcrcn" des internationalen Jitdcnthums befohlen sei, Deutschland durch'Lieferung schlechter (Gewehre eine -.Niederlage zn bereiten, sowie daß früher von Ahlwardt in Procestcn azifgeruscuc Zeugen ausfallend von Schlagflüsten betroffen worden seien. Die Berbrcitung der Ahl wardt'schcn Berlcnmdnngcn biete nur den traurigen Beweis,, daß in Folge der zwölfjährigen antisemitischen Hetzereien die Dcmoratisalio» weiter Bolkskrcisc in Deutschland einen giößcrcn Umfang angenommen habe, alS bisher selbst die „Freisinnige Zeitung" für möglich gehalten hat. Der „Hambnrgische C orrcs-pondcnk" sagte betreffs der -Behauptung Ahtwürdt'S in Dresden, daß beim Jufqntcricrcgiment mehrere neue Gewehre gesprungen seien, diese» Regiment sei nicht aus der Löwe'schen Fabrik,. sonvern aus den königlichen Gcwehrfaln'rkcn ausgerüstet worden. Falls Ahlwardt's Behauptung richtig wäre, würde sic sich also gegcir das srricgsministerium.,iind die Constrnction des neuen Rcpetirgcwehrs richten. Diese fortgesetzte öffentliche DiScrekutirnng d.-r dculschcü Hauptmasse auch dem Anstande gegenüber sei auts fixtste zn bedauern. . . - l Sogar die ultramontanc „Germania" tonnte nicht »nihin, folgende Zuschrift ztz verösscntlichcn: : Dlls ttzesährlichedrr BLo-chj'trc des Heer» llkec.oe Ahl.varo; tiegr tu der Behauptung.-als sei nuscee Anitee in Folge, der unlauglicheu'l'iewebre bei .'piS beuch eüici Feldzuges verloren und damit das deutsche Reis, Tbav'ächlick wird aber jeder Soldat, welcher mit einigcrmißeu Bersläuduiß die sBrcoäuiee lieh, nur zwei Anhaltspunkte herauSsindcu, und zwar die vou den Spatzen auf den Sachern gesungene tlsauee d.-r Lriit'geldgebenS . und die damit verbundene glattere Abwicklung d>-r t.seichäite, selbst auf Morten vereinz-lter Untegel,»ästig (eiten, vou denen einzelne aber, z B. das Sännirgeln der Fieivehre, bei icdem Solpaten nur ein Lächeln hetanssordern. Dieses Drink.zeldgebeu undqdie tln regelmätzigkeiten sollen keineswegs vertheidigt werde»: aber sehr gelinde be urtheilt, eS ist doch von Ferrit Rector Ahlwardt weit, weit über ras, Fiel hinans geschossen, seine BLoschnrc in den Satz zitsa'minenpti'atse»: Bricht in der-nächhen Zeit ein Meieg aus, dann in die deutsche Armee verloren Ich null den'Herrn Rector Ahlwardt nicht ans die Frage Hinweisen, tvie - riete Soldaten dejtn un Feldzüge von 1^70 J1 mehr als int> Patroneu verschonen haben, niän ant Mängri derdamalige» Zändnadelgelvehre, welche nach einuzen Z 1, iisen vei ü-!>r vielen Gewehren einvaten, Mängel, welche bei einer solche» M iss-nprodnetioit nnl'er allen Gewehrsyslemen aller Ralionen Vorkommen, sondern bebanvte: das; rin Gewehr, welches in der Hand dcS- Soldaten eine Sonyneci'ib'mg, Bianooer und Schcibenschirhen mitgemacht »ad hieran-; nnverie!ic>berpog,-gm-.--a. >.n ei neu Feldzug vollständig brauchbar in. -» Ein Soldat, der lS7n iinf 1 --<71 mitgeina,b: Die von Ahlwardt verdächtigte Tirana Loewe vezöstentkichic in zwischen in der „Rördd rutschen A ttgcm^iucn Zeitnng" ein Zengniß des töiiigtiche» Abnahinecommandos von' Weihnachten I-!'I, dahin lautend, daß die von der Firma geticserten 4'J.'>,nn > f'.-ivehre de» au»-sie gcstclttcn Ausordernngen i» jedat- Beziehtsitg eut'vrochcr. haben Unterzeichnet ist das Zengniß vom -Präsidenten diu Commt'nsn, Hanplmann R topsch, welcher, wie die-Firma binzuritc.t, während der ganzcn Fabricaiio» Fn der. Fabrit behnt's Coniiole talionirt ivar Sämmtliche (Gewehre feie» vor dem Berichten' der Fabnt durch das töiiigtiche Abnahinecom nando beschossen, aus jedem th/.-avehre zuwif scharfe Patrouey abgegeben worden, und vou sänimiticheu-tS-'> >>>> Diu.k sei in dctj Löwe'schen Fahrtl nur ein Laut' gesprungen. Bo» antisemi tiicher- Seite' fuhr »tan nichtsdestoweniger fort, die iAhtwardi'ictu-n „Jndettflinten" zn Agiiationszwcckc» zn verw.enheii, lind der -D.urlchrcr Dr.' Förster ließ sich von seinem Agitatoreneisers zu der in einer Berliner Bersamuitnng abgegebene»-Ctllärnn.z hinreißeti, daß er ais Rcser-vcofficier die Soldaten mit solche na ts>-». wie sic die Löwc'sche Fabrit tiefere, nicht führrn tvollew-Das t'tud oi.- Lente, welche'sich als ausschließlich.- Pächter-de» Patriotjismits nu> oer monarchische» ^(R-sinnttng,gerireit! . " '' AngesichlS dieses verderblichen, in, seinen Fotzzen hnbetecheubareu Dreibeus richteten mehrere Bertincr Blätter a» das »rsußiiche atnegs Ministerin,n die Ansfordernng, nicht länger zn säume» find durch eine amtliche - Berlaulbaruug deit gcmeiuschadlicheu Jlmiriefenz7t denen Ahlwardt's „Cnthnttungcii" Anlaß gebakeu hatten, ein C'nde zu mache». Der officiellc „RcichSauzcigcr" brachte endlich am ,Mai, eine Crttärnng, in welcher er counaiirt, daßzdie B-Hativinngen A h Iw a r d i's in seiner Broschüre „I «,d cns t i n len" geeignet >eicu, ganz falsche B o rste 11 n n ge n über die Besch aff c izhe i k eines großen - Tbeit.-s der Bew a sfu n n g der deut'cheu Jnsanterie z» erzenq^u, -und iobaun

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