Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 6 (15.5.1892)
- Date
- 1892-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 81% known words query
- IRI
…/4886575-5439132-5439191--0066-4886624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•diaften nuferer mobcrucn Epoche fchwelgken, dem ganzen Geiste unserer .^eit >'o selir zu widerspreche», daß sie.an die Möglichkeit eines ernst haften Us?ie®erauflebeihJ derselbe» nicht glauben wollten. 5er großartige intelleetueUe, nationale und eulturelle Anssdyviing der letzten Ialwz.cli>ue vor' dem ÄuSbrnch der antisemitischen Bewegung schien in der Tlink einer solchen Ä^öglichkeit aufs schroffste zu widersprechen. Temi io überaus ichnell batte ijch nach der großen französischen Revolukiop eine twwfuie Aufklärung »nd freiere geistige Bildung vertu eilet, >o >elir waren voll uz andere Prineivien und Elemente der Wclkau'chaunng .zu allgemeinem Burchbruch gekommen, daß man schon in der ersten Haliie uniereS Iahrhnnderls die Erinnerung an die trüben Erscheinungen, des rlccligions und Raeenhafses und des sinsteren Averglaubens vergangener Iallrlliiuderte fast völlig verloren hatte. Mau foiiyic es gar nicht mehr begreifen, daß in früheren Epochen wegen der Berichiedenheit religröier Ueberzeugnngen blutige und jahrzebntelange airiege geführt worden waren. T ie Vorstellung, daß -die religiöse lleberzengnng deni «'siwineii eines seden Einzelnen anheiingestellt bleiben müsse, war so allgemein geworden, daß-inan jene Ereignisse einer noch rar nicht so fernen Bergangenheil zwar kannte, aber kanm noch begliis Und ' als dann .um die Mille des Jahrhunderts ein schöner areiheilsmorgeu über fast allen europäischen Nationen aufgegangen.-war, als durch die Emaneipalion der Juden der letzteUleberrest vergangener Bornrlheile verschwunden;n sein schien, da sah man ans jene Seiten der -. ll-gm'cn Beriolgnng und des religiösen Fanatismus zurück wie auf ein Märchen ans längst verschwundenen Tagen 5er stampf der Re iigieueu, der früher mit ivener istid Sdfwert geführt wordeir war, will de;it einen, snedliche» Kampfe der Meinungen: die Religionskriege lvnr'sen ans einer gegenwärtigen Macht zu einer l>istoiisd»c» Erscheil:nng ras bildiillgssrobe ts'eichlecht merkte es gar nicht, daß in weiten 2dtidrtcn' des Belkes. Me an der modernen Bildung noch nidft vollen '.'lnebe:l zu nelnnen vermochten, die dunklen Tümonen des Aberglaubens . nd des siiaeei-ll>a>'es noch schlummerten nud nur des Zauberlehrlings l-.dn.sl.n, der sie erwecke - : - i"a-.- allzu große Siegesbewnßi'ein tollte lidf surdftbar rächen, .staun, - ü'als bat siet» im z'an'e der Welkge'diichke eine grvß« geistige Um -..ä-znng vollzogen, ohne Saß die «»'einer der Bergangenheit nod» einmal l l .lue. gewaltigen -st,ins des neue» «Zeines Herr zl> werde» velsndft l allen 2» ge>diah es auch im neünzehnken aahrlmnden. Ter religiöse aziB der Raeensanalismus 'chienen. einfür alleinal und für immer ievii .’,- 5.1 Vr.ielnie uns das Äuftauchen der anlisemitiidien Bewegung il'mill.n des <soen geistigen Gebens der neuen Zeit eines Besseren oder ll.lluekl Eues Ediiedlieren Mil eineitiniale waren die «'«eister der Berganaeullell. -veldie nns bereits als ein Buch mit sieben Eiegeln .'chienen wäre!!,, oölilg enisenell. Wohl fehlte es anfangs »id>t an foldien, denen in dem iranrigen stampfe die Rolle des Zauberlehrlingszufiel, d-.r dl. «''einer, die er rie', nidit mehr bannen konnte. Ebne Zweifel l.i i d l oste.! Bba'e der snrchrb>rren Bewegung ein bereditigier -'iern l.i l.nlld.-. und diejenigen, welche zuerst in gemäßigter Sprache das Bod'.k .-.griffen, wollten vielleidlt nidfts Anderes, als diesen berechtigen 'iem . -. ldien. t >». einen pädagogischen Einfluß aus unsere jüdischen ’.'-'i:!lansiil-en, denen ans den Seiten jahrhundertelanger völliger .lllleidlullmig noch manche- Eigenbejleik und naditheilige Eharakler - -..i.'dia'len and, in der neuen >$eit aitlrnftete», iveldie eine völlige llul i g lll'.'.lnna - mit dem t'st-iste des denrsdien Bolk^s hemmten und Weaber blieb jener berechtigte 'lern, jenes Heranziehen l-lbnms zu deutscher Bildung in den weiteren Stadien der B We-hin war alle Besonnenheit, alle ruhige Ueberlegimg l-.-> -.1 o. l.s d!-. t'ofung »stampf gegen das-Iudeiilhnm" erst aus 1? xV'-t erst zeigte, es sich, was es beißt, eine derartige '.••• 7o. - "'.-zankedes Tages hineinzuwerfen und die '.'eideuichan - B. o.a.n ganze Elaue von Staatsbürgern in der u» . ..: st u Bö-l'. -und :n ".afkestem Fanatismus wachzurufen. Bühl mag. ...n Ma::.i. wie Heinrich v Treii'chte, der in .nnbegrcfflicher 'ln.indil-g- -t a:'fai!-:s in den allgemeinen Ruf and, feine gewichtige 2 hiie:atl!i;,rii ließ. ' angst und bange geworden sein, als ' __ n.es Rn'-ös »eiu.iHvte, als er die entfesselte '.'eideilkchan s B. lkob. -i Edfranlen, in die er sie bannen zu können gemeint i :l:-. dl .ll. .-.di-u nn? in fanatischer .Wnih gegen alle Errungen -lia'i .- e; me'e. ne,l -.suttue anstürmen sali: iept aber ließ >id> der . l- -- l 5....! . ichk in.;iv znrnddämmen, - und Tveil'dlke selbst wie 'l ll A::.' >- ."öd.-:: ui'.: ihm sinigerisien, bis auch dem ver- 1 ..:■ ri: ■ it Haustn de. Ainisinniren »ul einem gewisien Rechte älS einer j ' . it l'.Uiiditet leerten konnte,' mie das dann später and) einem 'Uno N i . Ae ölst Böaaner ergangen ist. der sid, erst in neuester -! i! i. sidl-selbst ü>id seine verantioortlidfe wissenschaftliche l l.i.-z idvi!.:e:i hak Ommer mächtiger, iiifhicr gewaltiger erscholl dg NN -> ' de-O znarisuins und des Hanes i ini Raine» der christlichen Euliur konnten Leute, welche wegen Gotteslästerung ihres Amtes entsetzt waren, Haß predigen gegen das ganze Judenthum und den Pöbel zur Beradftnng der bestehenden Ordnung und zur Vernichtung der durdf die Berfassnngen gewährten staatsbürgerlidfen Rechte der Juden Aufrufen. 5ic 5rachensaat reifte und zeitigte in Rußland,- Ungarn und Hinterpommer-n ihre nnheimlichen Früchte. In einem sehr wesentlidfen -Punkte aber unterscheidet sich die antisemitische Bewegung unserer Zeit von den Judenverfolgungen früherer Jahrhunderte, find gerade dieser Punkt berechtigt, wenn man nad> hiftorisdfen Analogie» sdfließen darf, zu der Hoffnung, daß wir es trotz der Heftigkeit und Macht der Bewegung mit dem letzten Auf flackern eines absterbenden Geistes Zn thun haben. Früher verfolgte man die Juden als Juden, d. h. ihrer Religion wegen. Unter diesem - Panier aber war gegenwärtig eine große Bolksbewegungnicht mehr in 5ccitr zu setzen.- Gehöre» bod) viele der „christlichen" Hetzer einer Mdftüng a», weldfe mit de» positiven - 5ogmen derdfristlichen Eonsessionen audf nidft das Mindeste gemein haben. Atheisten u»d Orlho-^ - dope aller Echattsrnnge» gingen in dieser Bewegung brüderlich Hand in -Hwid. 5as religiöse Motiv konnte in Folge dessen nidft mehr ver werthes wetde». Man erfand für eine alte Ead>e einen neuen 'Rainen und bezeichnete den „neuen-' stampf nidft als religiösen, sondern als „Raeenkainpf". 5as aber ist eben das charakteristisäfe Merkmal einer «5 absterbenden Bewegung, daß sie ihr wahres Motiv nicht mehr einzngestehen wagen darf, daß sie stall der ibisher gebräuchlichen neue . Motive und Ursacheii ins Gesedft führen muß. Als die Inquisition - bei ihren Ketzerverbrennungen aus heftigen B'iderstand zu stoßen ansing, als ein neuer Geist ,der Zeit die Hinrichtung eines Mensdfen lvegdii seiner religiöse» Ueberzengnng als unmöglich ober sehr bebenklidf erscheinen laste» mußte, da brannten die Scheiterhaufen zunächst nodf eine Weile unter anderem Motto weiter, um dann gan'z zu »erschwinden. 5ic Iilquisikio» ergriff mit Energie den im Bolke verbreiteten Glauben an Heren nnd Zauberer, um unter dieser populären .5evise nach wie vor die Scheiterhäufe» lodern zu lasten. Und ähnlich war es bei den politischen Berfolgiingen aller. Zeiten. Sobald eine Bestrafung allein wegen der politisäfen Ueberzengnng dem Geiste der; i-feit widersprach, wurden geheime Verschwörungen .nnd Revolutionen j aller Art erfunden, um die „5emagogen" unschädlich zu machen, ^st! der Autiseinitismus and, .in dieses Stadium der Entwicklung gelangt?! Soweit der Antisemitismus als eine religiöse Bemegnug,' d. h. soweit er als eine Fortsetzung und Erneneriuig der vZudenverfolgungen des Mittelalters zu beiradfkeii ist, glauben wir diese Frage unbedingt bejahen zu dürfen. Eine Verfolgung der Inden wegen ihrer Religion, wegen der wirklichen oder angeblichen Briten derselben halten wir allerdings in Zukunft für ausgeschloste». >0» dieser Bezsehnng halten -wir in der Thal den Proeeß von Tisza Eszlär nnd den Blntiber glanben, wie er in Eorsn nud bei dem OaiNener .stnabenuiord hervorgerreren ist, stir die letzten Acteeines 5ramaS, dessen Handlung sich über mehr als ein volles Jahrtausend erstreckt und dessen Erposilion! sich in den Berfolgiingen zur »Zeit der -streuzzüge darstellt. Aber wir ia^en eS fdjon : der moderne Antisemitismus, zum mindesten der in | Tentsdiland nnö Oesterreich, 'ist nidft eine rein religiöse Bewegung, ja i er ist nicht .einmal vorzugsweise eine solche. 5ie Führer der autisemitischeii Beivegung in Wien nnd Berlin haben es stets weit von' lid) gewiesen, daß fiteine Bersolgiing religiöser Ueberzeugnngen a»- . strebten. Hier zeigte die Bewegung ein ganz anderes Gesidft. -An der j Epitze derselben standen neben einem orthodoren Hofprediger Männer, j deren von allen bestehenden k)c<ligionen abweidfende Ueberzeugnngen i iedermann betannt waren Hier tonnte also von einem allgemeinen! Borwalte» religiöser.Motive, die natürlich, wie die Angriffe ans den - Talmud beweisen, and) initwirkte'n, nidft die Rede sein. Tie lzeulige Bewegung stetst sidf vielmehrals ein wunderbares , «"ettttid) religiöser, formier, volkswirthschastlicher und rein gesellschastlidfer Borurtheile und Irrthiimer dar. Es ist hiesür sehr bezeichnend/ daß am Anfänge Sic Hauptkrägenn der Betvegung eine jetzt fast völlig wieder verschwundene Partei war, welche sid, die äfristlich soeiale nannte, neben dem religiösen also ein soeiales Prineip anfstellte, welches dann in der weitere» Eiitwickliiiig in der .Hanptsadfe zum /vorwiegenden wurde. Mau bekämpfte nidfk sowohl die jübisdfe Religion, die man vielmehr iasi-völlig außer Tisrnssion ließ, als den „jüdisdfcu Wucher", die „Eapitalaiisammlnvg in jndisdfen Händen", die „jüdische diacc". las letztere TsisSmeni war es. welches der aus der christlich soeialen hervorgegangene», ausschließlich gegen das Judenihnni gerichteken Bewegung den Rainen der antisemitisdien versdiastt hat.'5urd, die Angriffe ans das „jiidisdfe" E'apital aber hat^kn^ Bewegung ohne Zweifel dev soeialdemokralischen, obwohl sich diese ihr von Anfang an energiid, entgegenstellte, i» die .Hände gearbeitet- Ans dem Ansturm gegen das jüdi»'d>e Eapital zog die .arbeitende 'Be