Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 11 (1931-1932)
- Issue
- 10 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 124 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Nr. 10 Recht im Staate abhängig ist von Blut und Rasse: der Staat gehört den Staatsbürgern! 'Aber dieser Kampf wird uns nur dann Erfolg bringen, wenn wir auch unbeirrt zeigen, daß wir fest in unserem Judentum verwurzelt sind, daß wir die \\ erte, die uns eigentümlich sind, nicht aufgeben wollen, und daß wir gerade im Beharren bei diesen Werten uns die Achtung der anderen und das Recht zu unserem Sein als Juden sichern wollen. Als Juden wollen wir den Kampf führen für den Geist und für die Gerechtigkeit gegen Ungeist und öden Machtdünkel. Hierauf gab Br. Oberkantor Wilhelm' F r i e d m a n n durch den Gesang des 126. Psalms von Hans Herrmann dem Abend künstlerische Weihe. Die Festrede hielt Br. Expräs. Ludwig Rosenberg: Der heutige Tag ist nicht nur ein Tag der Erinnerung, sondern auch ein Tag der Besinnung, an dem wir uns Rechenschaft ablegen sollen über unser Tun und unser Wollen, über Weg und Ziel unserer Gemeinschaft. Unser Orden, unsere Loge sind beherrscht von dem Ideal „W. B. u. E.“, Wohltätigkeit. Bruderliebe und Eintracht. Hören wir, was unsere l>ewährten Führer dazu sagen: Ein Ideal läßt sich nicht erfinden, es läßt sich nur erkennen, sagt unser hochverehrter Br. Großpräs. Baeck, ein Ideal—will nicht gelobt, es will gelebt werden. Der Idealismus, der uns erfüllen soll, ist praktischer Idealismus, der sich in positiver Wohlfahrtsleistung als soziale Wirksamkeit umset/t. Es ist der Wille zur Tat, zur sozialen Tat! Unser Wollen, unser Denken und Empfinden, unsere menschliche Einstellung zu allen Fragen'^gs Lebens, unsere Einstellung zum Nebenmenschen soll beherrscht und erfüllt sein von „Zedakah“. von Gerechtigkeit. Wir wollen den Menschen suchen in seiner Not, der Not des Leibes und dy Not der Seele. Ein schönes Wort von Buber aus der „Legende des Baal- Schem“ soll uns »Mahner sein und Wegweiser auf diesem Wege: „Das ist der Zweck aller Arbeit: daß alle Seelen und Seelenfunken, die der Urseele entsprochen und in dei Neuaufnahme: Julius Fenchel-Loge: (histav L e v y, Charl. 4, Bismarckstr. 97-93. Dem Orden gehören nicht mehr 411: Julius Fenchel-Loge» David L e vv y, Halensee, Kurfürstendamm 92. UNSERE TOTEN Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: Name Eingetret. Geboren Verstorben De u t s c h e R e i cl i s - L . 0 ge Carl Schapski 10 1.1914 14. 8. 1851 18.12.1931 M o n t e f iore- Log e Georg Samson 26. 3.1918 18. 6. 1863 24 12. 1931 Josef Lazarus 13. 1.1926 '28. 5. 1872 27. 12. 1931 Spinoza-Loge Dr. Gustav Hillel 27. 2 1930 26. 11. 1876 18.12.1931 Prof Dr. Alfred Le- * wandowski 27. 2. 1930 4. 2 1364 21. 12.1931 Ehre ihrem Andenken I Urtrübung der Welt oder durch die Schuld der Zeiten gesunken und hinausgestreut sind in alle Kreaturen, die Wanderschaft beschließen und geläutert heimkehren. Doch nicht bloß Seelen sind überall verschlossen: auch Seelenfunkcn. Dieser ist kein Ding leer. Sie leben in allem, was ist. Jede Form ist’ ihr Kerker. Die Seelenfunken, die versteckt und zerstreut in allen Dingen und allen Menschen der Erlösung harren, das sind olle guten, edlen Regungen der Menschenseelc, die zu erwekken in uns selbst und in unseren Brüdern, in den Menschen und in den Völkern’ die höchste Aufgabe sein soll. Um jeden Menschen ist — in die weite Sphäre seines Wirkens eingebaut — ein natürlicher Bezirk von Dingen gelegt, die vor allem zu befreien er bestimmt ist. Alles, was gut und edel ist, soll Platz haben in unserem Kreise, in unserem Bruderbünde. Weshalb nennen wür uns Brüder? Weil wir Bne ßrith sind, sagte Br. Prof. Julius Goldstein, Söhnq des Bundes. Uns läßt Vergangenheit nicht’ los, uns bindet Gegenwart, uns hält die Idee der Zukunft zusammen. Wir sind Brüder im Hinblick auf eine Idee, die Vergangenheit und Zukunft verbindet. Bne Brith sind Juden, die zu einer solchen Lebensgemeinschaft verbunden sind, daß die Fremdheitsgcfühle von geistiger Gemeinschaft überstrahlt sind. Wo liegen die Grenzen der Brüderlichkeit? Brüderlichkeit hebt nicht die Gesetze des Taktes auf und nicht die notwendigen Distanzen des Lebens. Brüderlichkeit ist keine Amnestie für menschliche Unzulänglichkeiten. Brüderlichkeit heißt nicht: Ich habe Ansprüche an den anderen, sondern ich habe höhere Pflichten gegen ihn! Alles, was uns betrifft, wird der Teilnahme unserer Brüder sicher sein. Unsere Freude, unser Leid werden sie mit uns tragen. Es muß unser ernstes Bestreben sein, uns durchzuringen zu dem Gefühl dieser inneren Verbundenheit, die unsere Gemeinschaft unterscheidet von anderen menschlichen Gemeinschaften. Wir wollen in kleinem Kreise Menschen zusammenfassen, die durch .Vergangenheit, Schicksal und Glauben zusammen gehören, Menschen, die darüber hinaus eines verbindet, das ist die Liebe. Die Liebe, von der Br. Großpräs. Timendorfer einmal sagte, sie sei das Wichtigste im Menschenleben, und sie müsse unablässig sein, wie das Herz, das niemals schläft und ruht, auch wenn Kopf und Hand ermüden. Getragen von dieser Liebe wollen wir uns einsetzen für unser Ideal, das über den Tag und die Alltäglichkeit hinausgeht, und dadurch den Respekt vor uns selbst, die Achtung vor unserem Dasein gewinnen. Nur wer sich selbst achten kann, vermag dann auch vor dem anderen Achtung zu hegen, emporgehoben über den kleinlichen Hader und Streit, über niedrige Eifersucht und Mißgunst des Lebens. So werden wir auch die innere Kraft gewinnen, die wir nötig haben, uin uns zu behaupten in dem schweren Kampf des Lebens. Wenn wir uns fragen, durch welche Kraft und Gabe die Juden heute noch leben, trotz all der Jahrhunderte, die uns brechen und vernichten wollten, so ist wohl eine Antwort darauf: Es ist ein Geistiges, das uns dieses Leben geschaffen hat. Durch unseren Geist leben wir. Nur das Geistige bleibt auf die Dauer der Jahrhunderte. Die Einheit von Kopf und Herz is£ der eigentliche jüdische Geist, der ideale jüdische Charakter. Nicht von unserem Judentum fort, sondern durch unser Judentum hindurch führt der Weg zum wahren Menschentum. Niemand von uns ist geboren an dem Tag, an dem Vater und Mutter ihn zuerst als ein Stück ihres Lebens sahen, als sie ihm einen Namen gaben. Ein jeder, zumal Jeder Jude, ist Mensch geworden vor Jahrhunderten; ein jeder tritt in das l