Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 9 (1929-1930)
- Issue
- 10 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 204 monatsschrIft* der berliner logen u.o.b.b. Nr. 10 Bruder Max Lewin ist von uns gegangen. In der Nacht zum 19. Dezember ist er entschlafen. Unmerklich für ihn nahte sich der Todesengel. Für immer schlossen sich seine treuen, gütigen Augen. Ein ehrwürdiges Alter von über 77 Jahren war ihm bcschieden. Sein Lehen ist nicht verschont geblieben von Arbeit und Mühen, von Sorgen und Kümpfen für sein Ilaus, für seine Familie. Er war ein Mann der 'Freue und der Pflicht. Aufrecht ging er seinen Weg, ohne jemals etwas Besonderes für sieh zu verlangen; aber in jeder Stunde war er bereit, für andere einzutreten. Neben seiner Familie war der Orden seinem Herzen am nächsten, er war \ erwachsen mit ihm. Seit seinem Eintritt im Jahre 1884 versäumte er kaum eine Sitzung; selten fehlte er, nur zwingendste Gründe hielten ihn fern; er arbeitete auefi hier mit Aufopferung und Pflichtgefühl* der guten Sache wegen; selbstsüchtige, ehrgeizige Ziele waren ihm fremd. Seine große Erfahrung machte ihn wertvoll für den Bruderkreis und besonders auch für die Präsidenten der Loge, die jederzeit seinen Anregungen und Ratschlägen gern folgten. Dem Gründer des Ordens in Deutschland, seinen Mitarbeitern und Nachfolgern stand er nahe; ihr Denken, ihr Wirken, ihr Tun - den W erdegang des Ordens - verfolgte er mit \ erständnis und Interesse. Ganz aber war sein Herz bei seiner Berthold Auerbach - Loge; für sie „wachte und wirkte“ er, hier vergaß er die Sorgt-' des Alltags, hier fand er Freunde für sein ganzes Leben. Seit 18155 gehörte er fast ohne Unterbrechung zum Beamtenrat, mehrere Jahrzehnte hindurch bekleidete er das Amt des protokollierenden Sekretärs; dem Gemeinsamen Ausschuß der Berliner Logen widmete er seine Arbeit nicht weniger als dem Frauenverein (Mütter- und Säuglingsheim), den er mitbegründete und bis zuletzt als Beirat zu fördern suchte. Höchste Befriedigung bereitete ihm aber seine Tätigkeit für die Toynbee-IIalle, dort stellte er sich ganz in den Dienst der Aermsten der Armen. Denn am meisten zog es ihn zu den Einsamen, den Leidenden. Er war der Hort der Witwen und 'Waisen, der mitfühlende Freund der Kranken, der gütige Berater der Hilfesuchenden. Er war der getreue Eckart aller, die eines Menschen bedurften. Br. Max Lewin, man darf es wohl sagen, war das verkörperte Gewissen der Loge. Wenn er sprach, befürwortete, { warnte, immer spiegelten seine Worte tiefste Kenntnis des Logenwesens wieder; mutig, energisch und sachlich, mit kraftvoll tönender Stimme vertrat er seinen Standpunkt gegen jedermann. Seine Rede beflügelte ein starker Optimismus, eine glühende Begeisterung, die edle Gesinnung einer reinen Seele. Freundschaft wußte er zu schätzen und zu erhalten. Das entsprach ganz seinem Wiesen, denn er war treu und wahr. Aengstlieh vermied er es, von seinen kleinen und großen Sorgen, von sich selbst seinen Freunden viel zu erzählen, die Zwiesprache und der .Meinungsaustausch über unseren Orden waren ihm die höchste und anregendste Unterhaltung. Er sehnte sich nach geistiger Erkenntnis und idealen Aufgaben. Schon in früher Zeit rang er nach Verinnerlichung; einem kleinen Kreise feinsinniger Männer schloß er sich an, im Gelehrtenhause Steinschneiders fand er Erfüllung seines geistigen Strebens. t Br. Lewin war, wie alle gütigen Menschen, auch ein Freund der Natur. Sein frommes Gemüt offenbarte sich, wenn er im Frühling die sprießenden Triebe der Bäume und Sträucher, die knospenden Blüten bewunderte. Da erhob er sein Auge zum Schöpfer des Alls in tiefer Ergriffenheit und Dankbarkeit dafür, daß er lebte und die Herrlichkeit der Natur schauen durfte. Wer Br. Lewin in, solchen Augenblicken. nahe war, empfand, daß hier eine religiöse Persönlichkeit stand, ein Jude, ein Patriarch, voll abgeklärter Weisheit und kindlicher Pietät. Die Brüder werden ihren lieben Max Lcwin nicht mehlan dem gewohnten Platze sehen. Sein Mund ist verstummt, sein leuchtendes Auge verblichen. Mit ihm ist ein Teil unserer besten Logentradition