Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 9 (1929-1930)
- Issue
- 10 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4885084-6352725-6352920--1009-4886038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
derBERUNERAICKj E N UOBB BERLIN W62, KLElSTSTR. 10, LOGENHAUS 9. JAHRGANG JANUAR 1930 NUMMER 10 Brüderlichkeit außerhalt) der Log£!' i Von Br. Heinrich St’crn (Sp.-I..) Zur rechten Zeit hat <lie hocliw. Großloge das Wort ergriffen und in der letzten Nummer unserer Großlogen-Zeilung in dem inzwischen bekunntgewordenen Aufruf gegen die Ausschreitungen Stellung genommen, die im inner,jüdischen Kumpf hüben und drüben vorgekommen sind. Die hochw. Großloge hat damit gerade vielen der aktiv politisch tätigen Brüder aus der Seele gesprochen. I.ungc Jahre war in den I.ogen die Möglichkeit innerjüdischer Auseinandersetzung nicht gegeben. Der Schreiber ■ lieser Zeilen erinnert sich noch genau, wie es vor etwu zehn Jahren Aufsehen erregte, als er in seiner l.oge über „Einheit und Parteien im Judentum“ sprach, und selbst in unserer an Lebensalter besonders jungen l.oge wurden schwere Bedenken dagegen geltend gemacht, ob der Vortrag eines parteimäßig bekannten Bruders über jüdische Politik nicht gegen die Grundsätze der Neutralität verstoße. Der Erfolg des Vortrages hat dann sämtliche gegnerischen Stimmen zum Schweigen gebracht. Nichts rechtfertigt die Existenz der Loge so sehr wie die : Möglichkeit, auf neutralem Boden Männer verschiedener Weltanschauung in einer Ausspracht' zu vereinigen. Die Tatsache, daß dies im Tempel geschieht, die Tatsache, daß Brüder die Sprechenden umgeben, beeinflußt Form und Inhalt der Rede ohnehin. Diese selbstverständliche Form der Brüderlichkeit vorausgesetzt aber, kann es keine bessere Klärung schwieriger politischer Fragen geben, als die völlig ungeschminkte Darlegung des eigenen Stundpunktes. Nur durch W ahrheit und Klarheit kommen wir zum F’rieden. Vertuschungspolitik, Schaukelpolitik auf mittlerer Linie, allen etwas und keinem etwas Ganzes gehen wollen, das führt höchstens dazu, jene F'riedhofsruhe im öffentlichen Leben herzustcllcn, die von vielen als wahre Neutralität angesehen wird, die aber in Wirklichkeit zu völliger Indifferenz führt. Inzwischen ist denn auch dieser Standpunkt, wenigstens in unseren Berliner Logen nicht mehr streitig. Es widerspricht nicht, sondern es entspricht dem Geiste der Brüderlichkeit, sich kennenzulernen, die Gründe des andersdenkenden Bruders zu hören, sich in sie zu versenken und sie zu achten. Es ist mir immer unverständlich geblieben, warum diese brüderliche Achtung und dieses natürliche brüderliche Verständnis auf die Muuern des Logenhauses beschränkt sein muß. Eine wirkliche Persönlichkeit kann die Zugehörigkeit zum Orden nicht wie ein (inrdcrohcnslück in den Mauern der Loge zurücklassen, sondern die Bne Briss sollen sich auch außerhalb der Loge nicht nur in materiellen Dingen enlgegenkoinmcn und fördern, sondern sie müssen vor allem dadurch hervorleuchten, daß sie Muster sind im Verständnis des andersdenkenden Bruders und in seiner Behandlung. Wenn in Versammlungen und Zeitungen andersdenkende Brüder als „unjüdisch“ oder entsprechend als „schlechte Deutsche" nngcprangerl werden, wenn also Liebe zum Judentum und zum Vaterland, jyne lieiden großen Feuerquellen der menschlichen Seele, mit Schmutz verunreinigt wurden, so darf kein Bruder, der nicht aus der Ordensdevisq eine leere Phrase machen will, daran stillschweigend vorübergehen. Ich stehe schon eineinhalb Jubrzehnte im politischen Kampf, und zwar art vorderster Stelle. Es wäre mir unmöglich, politische Meinungsverschiedenheit dazu zu benutzen, den Gegner zq beschimpfen; weiß igh aber überdies, daß es sich um einen Bruder handelt, so hübe ich neben der allgemeinen menschlichen Pflicht der Achtung vor der inneren Ucberzeugung des anderen noch das Gebot. Brüderlichkeit zu ehren, dus ich als Sohn des Ordens beschworen habe. Wir stfbhen vor einen) Jahf schwerer politischer Auseinandersetzungen und Kämpfe. Am Ende des Jahres finden in vielen Großgemeinden Gemehidevvuhlen und in Preußen Wahlen zum Landesverband statt. Es wird Aufgabe der Führer sein, die politische Führer sind, schon im Anfang darauf hinzuwirken, daß in der . gesamten Oeftenllichkeil, in Wort und Schrift, die Mitglieder des Ordens bei aller sachlichen Entschiedenheit den Kampf als eine. brüderliche Auseinandersetzung führen. Rechtzeitig'vor Einleitung des Kampfes müssen diejenigen Politiker zusammfcnlreten, die Brüder sind und sich und ihre Freunde-dazu verpflichten, die Form des Kampfes innezuhalten, welche dem Ben Briss allein geziemt. Sollen nicht diejenigen, welche in dem politischen Kumpf noch . etwas wie ein Schwingen der Geister erblicken, w ie. eine große seelische Auseinandersetzung, ein Ringen um die höchsten Güter des Lebens, um Wahrheit und Frieden, sollen nicht, sage ich, alle diese Brüder verekelt abgestoßen werden und berufsmäßigen politischen Klopffechtern Platz machen, so wird es nötig sein, eine reine Luft zu schaffen, die Luft, die jüdischer Arbeit, die insbesondere der Ordensarbeit, allein eigen ist. Ar Brüder! Unterstützt unser Organ durch redaktionelle Beiträge und Anregungen aller Art