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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1929-04-01 · 1 (4.1929) · p. Seite 4

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
9 (1929-1930)
Issue
1 (4.1929)
Date
1929-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Nr. 1 Es sei pan/ zweifellos, daß Judentum und Judenheit niclit ohne weiteres Erscheinungen’unserer bürgerlichen Ciesellscluift seien, die man vom Standpunkt der \\ issenscliaft auf einen Nenner bringen könne. Der Staat kenne nur den Glauben und bringe die verschiedenen Anschauungen auf den Nenner des Glaubens. Die \\ issenscliaft aber, welche in fortlaufender Forschung die Wesenheiten der Menschen .untersuche, zeige durch Untersuchung ty pologischer Erscheinungen. welche Mischung vop Glaubenserinnerungen, stammlicher Erbqualitäten. lebendiger Religiosität und gemeinsamer Hoffnungen in dem Kinzelmenschen und gerade in dem .luden vorhanden sei. Wolle man sich ein genaues Bild machen, so dürfe man nicht vergessen, vvas Goethe bereits in die Worte gekleidet halte: ..Freuet F.uch des wahrep Scheins. Kuch des ernsten Spieles: Kein Lebendiges ist F.ins, Immer ist's ein \ ieles.“ W as eine nun diese Typen im Judentum? Zunächst einmal der W ille. Juden zu sein, die ererbte .Wesenheit zu behaupten. Dieser Wunsch gehöre zum Gebiete des Irrationalen, d. h. in dasjenige l.eliensgebiet, das auf dem Wege der reinen Vernunft nicht erklärbar sei. Man könne, es gm. besten unter den Begriff „Die Stimme des Herzens" fassen. Schon in den Sprüchen Salomonis . sei gesagt: „Mehr als auf Alles acht' auf Dein Herz, denn von ihm gehen -aus die Duellen des Lebens". Dieses K in pf in den für das Judentum sei die erste Grundlage, die all die Tvpen einige. Dazu käme noch die Pflege speziell jüdischer Ideale. Der Talmud sage schon. dal< man d e n .1 ipd e n an Barmherzigkeit. Schamhaftigkeit' und Wohltätigkeit erkenne. Wir vv übten zwar alle, dal! auch die anderen Kulturreligionen Barmherzigkeit. Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit pflegten und in ihnen' Ideale sehen. Wir müssen von unserem Standpunkt aben sagen, daß weit wichtiger als jedes Dogma und jede Dogmatik die tätige Pflege 'dieser Kigenschaften für den Begriff des Juden sei. W ie denn überhaupt in der Würdigung d e r -T a t und der Hervorhebung dtfr Bedeutung der Tat gegenüber dem W ahnen und Glauben das -Entscheidende im Judentum läge. Die .Stimme des Herzens verbunden mit der Tat. der S c li a nvh a f t i g k eit. der Barmherzigkeit und der Wohltätigkeit schaffe den jüdischen Menschen. Wenn diese Grundzüge verwirklicht würden, so käme es auf der anderen Seite nicht darauf an. für den einzelnen etwa ein Regime aufzustellen, wie weit er sich „jüdisch” verhalten müsse. Hofländer bekennt sich zu der Lrhelierschäft der W arnung, den Orden zu k 1 e r i k a 1 ts ie r e n. Darunter verstände er nicht etwa Ausschaltung der Rabhinen und der l.ehrcr, deren. Einfluß er in jeder Zeit freudig liejahe. sondern all' die Versuche, den Orden dadurch positiver zu m hen, daß man bestimmte Forderungen des Mitteilung Durch behördliche Verfügung ist dem Büro der Berliner Logen U. O. B. B. die Sonntagsarbeit untersagt worden. Das Büro ist daher von jetzt ab an den Sonntagen geschlossen. Der Aus»chuß für die gemeinsamen Angelegenheiten der Berliner Logen U. O. B. B. Norden, Vorsitzender H i t u s und des /ercmonialpcsctzcs in ihm o 1» - l'i g a t o r i sc h machen wolle, ferner, daß alle Sitzungen in den Logen nur mit „Jüdischem“ erfüllt sein müßten. Nichts sei falscher als solche Bestrebung. Gerade weil er ein Freund der gesetzestreuen Richtung sei, wenn er ihr auch nicht an- 'gehöre; so wolle er nicht, daß man Erfordernisse einer It icht u n g im Judentum zur Wesenheit des jüdischen Menschen mache. ln der Loge könne die Heranbildung zum jüdischen Menschen nicht etwa durch Erziehungsmaßnahmen im allgemeinen Sinne des Wortes gefördert werden. Mit zwei Worten würde Mißbrauch getrieben, mit dem Begriff der Logen ur beit und dem Begfiff der Logen e r z i e h u n g. Anhören von Nurträgen und Anwesenheit bei Sitzungen sei keine Arbeit. Gute Reden machten keine F.rziehung aus. Es müsse deshalb erörtert werden, ob man überhaupt Erwachsene „erziehen“ könne. Jedenfalls aber könne man eins, man könne den Menschen b e - wegen, die Stimme seines Herzens'zu starken, die Anhanglichkeil an das Judentum zu fördern und vor allen Dingen den W illen z u r T a t durch Verwirklichung der Forderungen von Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit zu fördern. Im letzten Teil Seiner Ausführungen setzte Holländer auseinander, wie eine solche Förderung geschehen müsse. W ie in weit höherem Maße als bisher der einzelne Bruder „bewegt werden müsse“, um zur Tat auf diesem Gebiete zu kommen, und wie die Arbeit der Logen allein auf die Tat gerichtet sein müsse. Holländer würdigt' alle die bisher geschehene Arbeit, f;ind aber, daß der äußere Apparat der Logen gegenüber der jüdischen Tat viel zu groß sei, und daß die T a t den A p parat „io beschatten müsse, daß sie .die sieghafte Wesenheit der ganzen I.ogene^istenz werde“. Damit allein würde das neue Ideal des jüdischen Menschen zunächst im Kreise der Angehörigen der Logen erreicht werden. Br. Vizepräsident C i t r o n führte folgendes aus: Die Diskussion über den „Jüdischen Menschen“ nimmt ihren Ausgangspunkt von den inhaltsreichen Darlegungen des hochwürdigen Cjroßpräsidenten, Br. Dr. Baeck. Von besonderer Wichtigkeit erscheint mir der Satz in seinem Referat, daß beim „Jüdischen Menschen“ beide Worte gleich stark zu betonen sind. Damit ist ausgedrückt, daß der „jüdische Mensch“ nicht etwa bedeuten soll Jude oder Mensch, sondern Jude und Mensch. Mit anderen Worten: Nicht jeder Jude ist ein jüdischer Mensch, und noch weniger ist selbstverständlich jeder Mensch ein Jude. Wenn wir uns Klarheit verschaffen wollen, was der „Jüdische Mensch“ in dem dargestellten Zusammenhang ist, so ist es ebenso wie bei der Schilderung einer Einzelpersönlichkeit bestimmten Gepräges notwendig, auf die Entwicklungsgeschichte .zurückzugreifen. Ein jeder Biograph beginnt mit den Eltern, Großeltern und Vorfahren der zu behandelnden Persönlichkeit. Der tiefere Grund hierfür liegt darin, daß die Wissenschaft uns lehrt, daß die Persönlichkeit eines jeden Individuums im weitesten Maße von der Erbmasse abhängig ist, die von den Vorfahren überkommen ist. Wenn wir dementsprechend uns die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des jüdischen Menschen von - heute ansehen, werden wir in die Zeit der F.manzipatibnsperiode versetzt. Wie lagen die Dinge zu jener Zeit? Unter dem Einfluß der Fdecn der großen Humanisten und Enzyklopädisten, sowie vor allem der großen französischen Revolution, hatte sich im westlichen Europa in den führenden' Schichten der Intelligenz ein endgültiger Bruch mit den mittelalterlichen Ideen vollzogen. Die Ideen der individuellen Freiheit und der Weltverbrüderung waren Allgemeingut geworden; besonders in Deutschland hatten die führenden Geister sich in den Dienst dieser Bewegung gestellt. Kant schrieb über den ewigen Frieden, Goethe faßte seine Weltauffassung in die Worte zusammen: „Edel

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