Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 8 (1928-1929)
- Issue
- 4 (7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 129 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U. O. B. B. Seite 129 Da es sich nun aber, dem Geiste unserer /eit zufolge, nicht um mystische oder mysteriöse Gemcinschaftsübungen nach Art der alten Geheimbünde dabei handeln konnte, so blieb nur die den Brüdern während der Logensitzung zu reichende geistige Nahrung. ' . Zweitens strebte die Kritik, die Art und das Ausmaß dieser geistigen Nahrung] mehr und mehr dem Zufall und dem ihm verbündeten gelegentlichen Einfall zu entreißen, die in der jeweiligen Anpassung an den von den praktischen Logengeschäften gerade freigelassenen Kaum oder an die sich gerade mehr oder weniger gleicht darbietenden Kräfte oder Genüsse sich gerne hatten genügen lassen. Mun wünschte eine genaue Bestimmung des Was lind Wieviel und gab Anregungen hierfür die fülle. Selbstverständlich trat in dieser Vielfältigkeit manche Verschiedenheit der Auffassungen zutage — keine unlösbaren W idersprüche, wenn man sie richtig nahm, sondern einander ergänzende und ljbrderndc intellektuale Wünsche. Exempel hierfür-die kontrastierenden Wunschpaare: große Vorträge — kurze Referate und Jüdisches —. Allgemeines. Ks hieß darum nicht, faule Kompromisse schließen, wenn ein Arbeitsprogramm zustande kam, das diesen Wünschen allen gerecht zu werden unternahm, sondern lediglich, die leicht sich cinstelicnde Ueberheblichkeit der „Führenden“ zu vermeiden, welche gluubt, diktatorisch erziehen zu müssen, indem sie dem Krziehungsobjekte, in diesem Falle der Loge, eine bestimmte geistige Note aufdrängt. Wir glauben nicht an die Wunder solcher Erziehung. Sie bedeutet eine gewisse Vergewaltigung der Gemüter über einen gunzen Logentermin hin; ihre Begleiterscheinungen sind Langeweile oder Unwille einer oder der anderen Gruppe von Brüdern, ihre Folgen Absenticrung oder im milderen Falle Durchbrechung und Aufhebung jener wurtn-n Bruderalinosphäre, die sich nur bei allgemeinem geistigen Mitgehen einstellt. Darum, also aus Gründen der Logenpsychologie schon, war das Programm für die geistige Arbeit möglichst umfassend und ausgleichend zu gestalten. In die gleiche Richtung zwang das Sachliche. Man brauchte durchaus große, wenn auch geistige Anstrengung des Hörenden fordernde Vortrüge, wollte man nicht einigermaßen gründliche Behandlung lebenswichtigster Gegenstände von vornherein ausschließen — und man hätte, tat inan das, das Niveau der Loge bedenklich herabgedrückt. Man brauchte i andererseits genau so sehr kurze Referate für zahlreiche, vielleicht weniger schwerwiegende, über vom Leben nun einmul gebieterisch aufgegebene Probleme, für die innere Bewältigung zeitgenössischer Fragen und Gemeinschaftsvorgänge, pussionierender oder wertvolles Seelengut mitführender Tageserfahrungen. Die jüdischen Themen drängten sich absolut auf; Zugehörigkeit zum Judentum bedeutet ja ständigen aktiven oder passiven Kampf. Und weder die Synagoge mit ihrem stillen Zwiegespräch zwischen dem jüdischen Menschen und seinem Gott, samt der Synagogenpredigt, die so manchmal Widerspruch heruusfordert. aber keinen duldet, noch die Vereins- und Parteiversummlung mit ihrer Einseitigkeit und ihrem luutcn Gezänk, können die Behandlung unserer Lebensprobleme in der Loge ersetzen, wo die Atmosphäre des „profanen Tempels“ zwar taghelle Sachlichkeit nicht ausschlicßt, aber gleichzeitig zu brüderlich friedlichem Austrag, zu unparteiischer und würdiger Gedankenfussung nötigt. Aber auch die Gegenstände des allgemeinen Lebens dürfen nicht außerhalb des Tempels bleiben. Sonst wäre unser geistiger Horizont zu eng, mancher der Brüder ertrüge diese Enge nicht und nähme seine Zufluc|it zu anderen Orten, Gruppierungen und Veranstaltungen, wo er die vermißten Auseinandersetzungsmöglichkeiten fände. Daß das Arbeitsprogramm des Ausschusses der T. J. L. ull den berührten Punkten Rechnupg trug, erklärt wohl die freundliche, fast widerspruchslose Aufnahme, die ihm zuteil geworden ist. Der einzige, sicherlich zu recht gemachte Einvvand war, daß es überaus große Anforderungen stellte, und daß deren restlose Erfüllung kaum im Bereiche der Wahrscheinlichkeit lag. Aber gesunde Skepsis tötet keine Bereitschaft und ist kein Be-' weis gegen die Güte der Sache. Auch unsere großen OrduTisideule sind überaus schwer, ja viel schwerer zu erfüllen, und über dem bangen Zweifel ob 'der Erreichbarkeit wahrer B. B.- Brüdcrlichkeit erhobsich schon manches Seufzen. Aber wie alles menschliche Ideal — in seiner Höchstfassung dus Ideul der irdischen Verwirklichung Gottes —- Hermann Cohen zufolge unendliche Aufgabe ist, deren Erfüllung handelnd näher zu kommen, alle menschliche Leistung bedeutet, so ist auch in unserem Fülle die Hochsetzung des Zieles nicht der Beginn zu Verzicht, sondern zu tätigster Bekämpfung. Im Arbeitsprogramm waren vorgesehen: 1. Vorträge, in der Regel zweimonatlich, abwechselnd mit jüdischer und mit allgemeiner Themensetzung; möglichst einer davon vor geschlossener, einer vor offener Loge. 2. Referate, von etwa 20 Minuten. Dauer, in den dazwischen liegenden Sitzungen abw echselnd folgende Gegenstände behandelnd:, a) Vorgänge und Probleme in unserem Orden (Arbeit der l.ogenaussehüsse und der gemeinsamen Ausschüsse der Berliner Logen, Tagungen der Grußloge und ihres Generalkomitees, der Arbeitsgemeinschaft der europäischen Distrikte). > * b) die Ordenspresse aller Länder, c) Vorgänge in der Jndcnhcit Deutschlands und der \\ elt judeulicit oder Ereignisse und Probleme allgemeiner Natur, soweit sie die jüdische W elt tangieren, d) Neuerscheinungen auf dem Büclu,-rmarkt (das jüdische Buch und die jüdischen Autoren), e) Jüdische Persönlichkeiten. Für alle Vorträge und Referate ist absolute Sachlichkeit und strengste Neutralität vorgeschrieheu, soweit letztere durch die Thcincnfussung selbst nicht^ ausgeschlossen ist. Mehrn als im Jahre sollten die großen Vorträge durch künstlerische Veranstaltungen nhgelüst sein, mit musikalischen oder" lichtuildlichen Darbietungen, nach Möglichkeit jüdischen Charakters/. Organisatorisch war folgendes vorgesehen: / 1. Fühlungnahme mit den geistigen Aussschüssen der übrigen Berliner Logen, entweder in einem zu schaffenden gemeinsamen geistigen Aüsschoß oder zumindest'durch Zusammenarbeit der Vorsitzenden der Einzelausschüsse,, 2. ständige Zusummenarbeit mit dem geistigen Ausschüsse der ' der Loge sich angliederndeiV Stii/westcrn Vereinigung, 3. Zusammenarbeit des geistigen Ausschusses mit dem Geselligkeitsausschuß, zur Sicherung des jüdischen und künstlerischen Niveaus der Logenfeste und -Vergnügungen. Wie vurgeahnt und nur zu natürlich, hat der Termin 1(128 29 nicht die ,volle Erfüllung dieses Programms gebracht. Vor allem sind alle Leitsätze organisatorischen Charakters lediglich Vorsätze geblieben. Hier sind nicht. Erklärungen oder Entschuldigungen dafür vorzubringen, sondern nur Feststellungen zu treffen. Offene Beichte allein ist schon Zwang zu „Reparation“ in der Zukunft, und sie wird sicherlich versucht und früher oder später verwirklicht werden, soweit dus vom gutbn Willen und der Kruft der Timendo.rfcr JubjlUumslogc allein abhängt. An dem Punkt, wo die Nachharlogen in Frage kommen, bleibt zu hoffen, daß ein Versuch zur Fühlungnahme und Zusammenarbeit seinerzeit das notwendige. Verständnis finden wird. Wesentlich Positiveres läßt sich über die übrigen Programmpunktc sagen. Sind sie nicht restlos zur Ausführung gekommen, so doch sicherlich in respektablem Ausmaß. Das kon-