Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 10 (1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4885084-6352609-6352876--0436-4885496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 192 Nr. 10 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. ___——-——- a liehe Worte sind mir^noch in Erinnerung. Er sp.rach zu mir: ..wenn Sie sich.der Logenarbeit widmen wollen, so dürfen Sie sich nicht zersplittern, sie dürfen nicht in allen möglichen Vereinen eine Tätigkeit entfalten wollen, sondern müssen sich auf das einzige Gebiet der Arbeit im Sinne unseres Ordens beschränken, •leder Mensch ist zu leicht geneigt, wenn er Tätigkeitsdrang in sich fühlt, sich an irgend welcher Arbeit zu beteiligen, die seinen Gedankengängen -naheliegt. Vor solcher Zersplitterung der Kraft müssen Sie sich hüten. Die Logenarbeit muß vertieft werden und verträgt nicht, daß, der Träger dieser Arbeit sich auf eine breite Basis allgemeiner Arbeit stellt." Dies ungefähr seine Worte, die Worte eines Mannes, der alle andere Arbeit des Lebens zurückdrängte, nur um das Höchstmöglichste im Sinne einer Menschheitsliebe zu leisten, wie sie unser Orden lehren soll. Bef jeder Gelegenheit suchte er mich zur Logenarbeit heranzuziehen und suchte in mir den Gedankengang zu erwecken, daß ich die Pflicht habe, als Sohn eines Mannes, der den Orden liebte, in gleichem Sinne tätig zu sein. Als im Jahre 1914 der Krieg ausbrach und unser schönes Logenhaus zum Lazarett umgewandelt wurde, hatte ich das Glück, unter ihm ärztlich tätig zu sein. Ich entsinne mich noch wie heute, als der erste Verwundetentransport eintraf und er die schrecklichen Verwüstungen des Krieges an Gesundheit und Menschenleben erkannte. wie ich ihn schluchzend erschöpft auf einem Stuhl fand und _ich in' meiner Besorgnis ihn fragte: ..Um Gottes Willen. Herr Geheimrat. was ist denn geschehen?" Nur mühsam entrangen sich ihm die Worte: ..Gesunden Menschen zerstörendes Metall in ihre Körper zu werfen!" In diesen wenigen -Worten >prach sich die Erkenntnis aus. daß der Krieg für ihn die Unkultur der Menschheit bedeutete, und daß für ihn. der sein Leben auf Erziehung zur Menschheitsliebe stellte, der Gedanke des Krieges die Zerstörung seines Lebensideals bedeutete. Mit diesen Worten bekannte er sich zu einem Pazifismus, der heute erst allmählich Raum in den Gedanken der Menschheit gewinnt. Mit um so größerer Arbeitslust ergab er sich den Erfordernissen der Stunde. Kein Tag. an dem er_nicht jeden einzelnen Verwundeten und Kranken des Lazaretts besuchte und ihn nach 'einen persönlichen W'ünschen iragte und mit seinem ärztlichen Mitarbeiter Rücksprache nahm. In seinem Wohlwollen zu mir, für das ich dem väterlichen Freund zeitlebens eine dankbare Erinnerung wahren werde, ging er so weit, daß er sich täglich nach meinem Befinden erkundigte und mit liebevoller Zärtlichkeit mich fragte: „Mein Söhnchen, arbeiten Sie nur nicht zu viel. Sie müssen -Ihre Gesundheit wahren." Sein seelenvolles , Auge überstrahlte mich mit einer Güte, die mich beschämte, da ich sie als unverdientes Glück meines Lebens erachtete. Das Ende des Krieges erlebten seine nimmermüden Augen nicht, und in den letzten Wöchpn seines Lebens sah ich ihn häu/ig über seiner Arbeit entschlummert infolge Ueberbürdung seiner Lebenskräfte. An seinem letzten Krankenlager habe ich - ihn häufig besucht und Worte eines Weltweisen gehört, dem der Uebergang des eigenen Lebens in eine andere Daseinsform nichts bedeutete, gegenüber den großen Ideen, die ihn als ’ Menschen bewegten. Nur ein Wort ist mir noch in Erinnerung, das gleichzeitig ein Wort des Tadels für mich bedeutete, das ich nie in meinem Leben vergessen werde und das eine Richtschnur für mich geworden ist. Bei einem Zwiespalt, den ich mit einem Logenbruder hatte und in dem ich in jugendlicher U|cberheblichkeit mein Recht übertrieben wahrnehmen zu müssen glaubte, sagte er zu~ mir: „Sie haben mich enttäuscht: ob Sie Recht oder Unrecht haben, gleichgültig; ein Mensch von Kultur ist nicht berechtigt, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen und Unwichtiges als Wichtiges zu werten. Versprechen Sie mir, daß, Sie sich in Zukunft vor solchen Ueberschreitungcn hüten werden." Beschämten Sinnes leistete ich ihm das Versprechen. Als er durch ein tragisches Geschick alle seine Aemter niederlegte und ich ihn um Beibehaltung seines Amtes im Beirat des Frauen-Vereins der Berliner Logen bat, sagte er zu mir: ..Jeder Mensch muß die gerade Linie seines Lebens fortführen und darf nicht Halbheiten begehen. Ich werde in geistiger Verbindung'mit all den Dingen bleiben, die ich im Leben geliebt habe, nur will ich nicht meine Peisönlichkeit mit diesen Dingen * v erbinden." Er hat zu seinen Worten gestanden und hat mich 'tets über alle Dinge befragt, denen die Interessen meines Lebens galten. Ihm war der Orden Idee. Seine eigene Persönlichkeit inmitten des Ordens bedeutete ihm nichts. In diesem Gedankengang sind die rührenden Worte seines Testaments zu verstehen: „Ich will nicht, daß eine Loge nach meinem Namen benannt wird." Aber auch ohne die Worte des Testaments ist sein Denken lebendig geblieben im Orden, und immer dort, wo Arbeit geleistet wird im Sinne der Menschheitsliebe des Ordens, wird die Erinnerung an seine machtvolle Persönlichkeit lebendig sein. Märetzki vom Standpunkt des Sonderausschusses der Grogloge für die geistigen Interessen Von Br. Expräs. Arthur Schindler (D. R. L.). I. Märetzki glaubt, um es kurz zu sagen, an die „Lehrbarkeit der Tugend". Alle seine Schriften könnten als Motto die Worte tragen: „Wie keine gute und böse Natur, so gibt es auch im Menschen keine guten und bösen Triebe. Mit rohen Trieben beginnt der'Mensch, und seine Veredlung ist eben das, was wir Kultur nennen." Märetzki war beherrscht von dem Glauben an die Möglichkeit, die Menschen zu versittlichen, aber auch durchdrungen von dem Bewußtsein der eigenen sittlichen Pflicht, an dieser Aufgabe vornehmlich im Kreise der Brüder zu arbeiten.’ Der Sonderausschuß galt ihm als ein wirksames Betätigungsfeld für dieses auf Kultur gerichtete Ziel. n. Kultur!. Bedarf es in unserem Kreise noch einer Begriffsbestimmung? Kultur — Sittlichkeit, geistige Schönheit im harmonischen Getriebe des großen Ganzen, der ethisierten Menschheit. Kultur des einzelnen —■ verinnerlichte Werte: Kultus — äußerlich sichtbarer Dienst. Kultur und Personenkultus — einander ausschließende Begriffe. auch, oder erst recht, im Orden. Bedeutet daher diese Gedenfcnummer nicht einen Widerspruch zu dem Wesen des Verewigten? Ordnete er nicht selbst letztwillig an, daß von einer großen öffentlichen Trauerfeier nach ihm Abstand genommen werden und nur in der Deutschen Reichsloge eine intime kleine 1 rauerloge ohne Hinzuziehunjg der andern Berliner Logen und ohne Frauen, streng im Ritual, abgehalten werden sollte, und hat er nicht inständig und dringend gebeten, seinen Namen weder mit einer Loge, noch mit irgendeiner Logensache zu verbinden? Aber er fügte doch andererseits hinzu, daß man beim Nachdenken über seine letztwillige Verfügung finden würde, es wäre der richtige Schlußstein seines Ordensweges. Die Lösung scheint mir in folgendem zu liegen: Märetzki hat die Geschichte des Ordens in mühevoller Kleinarbeit geschrieben und hierzu unzählige Protokolle der Logen des deutschen Distrikts durchgearbeitet; und er hat fast alle seine Arbeiten und Reden im Druck erscheinen lassen, sei es in Festschriften, Propagandaschriften oder im O. B. B. Er hat also selbst dafür Sorge getragen, daß seine Gedanken, die er für das Ordensleben erheblich erachtete, der Nachwelt erhalten blieben. Dicta ruunt, scripta manefnt. Trotz aller rührenden Bescheidenheit suhlte er seine: Auffassung von dem Ordensideal, die moralische, ethische 'Höherentwicklung der Bfbder mit allen Kräften! zu fördern. Noch bei seinen Lebzeiten