Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 6 (1926-1927)
- Issue
- 8 (11.1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4885084-6352607-6352854--0116-4885192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8 Seite 441 MONATSSCHRIFT D ER -BERLINER LOGEN U.O. B. B. zum Teil selbst in die Hand genommen. Daß Liebespaketc von den Frauen an Witwen unserer Brüder versandt werden und sonstige Unterstützungen erfolgen, ist kein Geheimnis. Ich.weiß aber ebenso, daß sich recht | -ufig mit der leider aus wirtschaftlichem Tiefstand notwend Annahme der Liebesgaben das bittere Gefühl mischt, nr an der Loge, sondern anis einem anderen Kreise unterstützt z/ werden und seine Verhältnisse vor Logendamen bloßgestellt zu sehen. Einen Vorwurf, der völlig unbegründet wäre, will ich damit selbstverständlich gegen unsere hochherzigen Damen nicht aussprecfien. Aber gerade die Verso r g ung unserer Witwen muß nicht Aufgabe eines Frauenbundes sein. Ich kann zu meiner Freude hier auf die Tätigkeit der unter den Nachwirkungen der türkischen Revolution in Konstantinopel errichteten mit einem ganz strengen^ Ritual arbeitenden völlig selbständigen Frauenloge verweisen, defen Bericht ergibt, daß siq ihre Aufimerksamkeit anderen Aufgaben (Mädchenschutz u. dgl.) zuwendet. Jedenfalls halte ich es für einen mit unserer Ordensidee, sicherlich abeS mit unserem Ordensgesetze (objektiv) in strafbarem Widerspruch stehenden Zustand, wenn .wir die Witwenpflege teilweise durch Nichtmitglieder ausüben lassen, ja sogar mit diesen Nichtmitglicdern hierüber konferierep. D i e durch besondere Schweigepflicht g es i|c h e r t e , d u r c h persönliche Mitwirkung des Präsidenten betreute Wilwenpflegschaft wird ohne Empfinden für das Ordenswidrige durch die Gewöhnung an das Vorhandensein und an die Mitwirkung von Damen im Logcntempel dem heiligen Gehege der Loge zum Teil entrückt. (Auf ganz anderem Gebiete liegt es, daß ich selbst dafür cingetreten bin, jede Witwe zu fragen, ob sie sich direkt mit dem Pfleger oder durch eine Mittelsperson, z. Br eine von ihr auserwählte Gattin eines Brudtys über ihre Verhältnisse acszusprechen wünscht, die dann als B,e auftragt e der Witwe mit.dem Pfleger verhandeln soll. Ich wiederhole: Die Tätigkeit der Damen auf dem Gebiete der Witwenpflcgc ist, soweit das Geben in Frage kommt, sicherlich segensreich. . Aber das Wohltun unserer Damen auf diesem Spezialgebiete kann — leider — nur deswegen segensreich sein, weil und insoweit die Loge selbst ihre Pflegschaftspflicht gegenüber den Witwen vernachlässigt. Unserer, der Brüder Pflicht ist es doch, die Witwen unter Wahrung strengster Diskretion zu betreuen. Der Tempel wankt, wenn an der Basis gerüttelt wird.' Eine Institution wie der Orden, an dessen Gesetze mandurch feier-- liehe Gelübde gebunden ist, kann die dauernde Verletzung der Ordensidee, wenn nicht gar de j einzelnen’ Statuts, nicht vertragen, ohne im Innersten m o r sich zu werden! Gerade dieser Fall ist charakteristisch für das m. E katastrophale Verschwimmcnlassen der Grenzlinien unseres cogcnaufbaues. Soll der geschilderte Zustand ein „rechtlich" gestatteter sein, so versuche man offen, das Statut zu ändern! Hierbei möchte ich zur Vollständigkeit einen Punkt streifen, der allerdings nicht ganz so wichtig ist, weil er nur die Finanzen betrifft: Die finanzielle Not vieler Logen ist bekannt. Insbesondere sind die Ausgaben für Witwen und Waisen außerordentlich erheblich und stehen mit den Einnahmen angesichts derj sonstigen Unkosten nicht im Einklang. Wer will bestreiten, daß —, von Ausnahmen abgesehen — die „freiwilligen" Beiträge und Zuwendungen der Damen, denen sic sich nicht gut entziehen können, in der Regel aus den Kassen der Brüder fließen. Andererseits strömen die Ueberschüsse aus den von den Damen 'allein veranstalteten Wohltätigkeitsfesten in die Vereinskassc der Damen, obwohl auch die Kosten der Teilnahme an den Festen die einzelnen Brüder belasten. Durch diese Leistungen der Brüder zu den Kassen der Frauenvereinigungen wird der Loge eine weitere Inanspruchnahme der Brüder wenn nicht entzogen, so doch sicherlich erschwert. Es ist ein Widerspruch, wenn wir selbst uns z. B. in der Reichsloge die äußersten Beschränkungen in den Ausgaben für das Geselligkeitskomitee, für den geistigen Ausschuß aber leider auch für die Witwenpflege auferlegen müssen, und andererseits von den einzelnen Brüdern direkt oder indirekt die Vereinskassen der Damen mitgespeist werden, während die Notwendigkeit der Aufwendungen aus diesen Kassen, sei es für gesellige Musik, sei es für Witwenpflege, sich unserer Prüfung selbstverständlich entziehen muß. Ich persönlich empfinde jedenfalls das Verschwimmenlasscn der Logengrenzen und der Logonpflichten als einen den Ordensbay gefährdenden, höchst betrüblichen Zustand und spreche das hier ausdrücklich aus, in der.Hoffnung, daß die Mehrheit unserer Ordensbrüder in Deutschland dasselbe Empfinden hat und dieses Empfinden offen, zum Ausdruck gebracht werden muß. IV. Klarheit ist alles. Gerade in neuerer Zeit sind Bestrebungen zur Vertiefung des Ordensgedankens im Gange.- Ich erinnere nüf an die Vorschläge der Loge in Hannover an das Gencralkomitee zwecks geistiger Vertiefung, an das Expose der Spinoza-Loge über Log^naufgaben und Ausbau, an die vielen Versuche, die Brüder durch Pflichtbesuche und Pflichtinstruktionslogen an den Orden zu 'fesseln u. dgl. Alle diese Bestrebungen setzen ein .festes Ordensgefüge voraus, das nicht durch unklare und z. T. statutenwidrige Mitarbeit unserer Damen zerrissen wird. Ich wiederhole auch hier, daß ich mir ohne weiteres vorstcllen kann, daß auch auf dem Ordensgebiete Männer und Frauen Zusammenarbeiten. Aber dieses Arbeiten geschieht in einer anderen. Stimmung, in einem' anderen Charakter, in einem anderen Milieu als wie in unserem lieben alten Logeritempe'l zur Zeit des „reinen Bruderbundes". Gerade wer den U. O. B. B. noch in seiner einfachen, von fraulichen und gesellschaftlichen-, Rücksichten und Beziehungen unbelasteten Gestalt kannte und gerade darum an ihm hing, empfindet den gegenwärtigen Zustand, aber noch mehr die stets drohende weitere Veränderung auf diesem Gebiete als unerträglich. Ich möchte hier daran erinnern, daß z. B. der ■ Vizegroßpräsident Dr. Walter schon vor Jahren ausgesprochen hat, daß, ganz abgesehen auf wessen Seite „das Recht'- liegt — das Aufrollen der Frauenfrage zu vermeiden ist, um die Spaltung im Orden zu verhindern. Nunaber, scheint es nötig zu sein, daß jetzt d i e Brüder, welche für den Männerbund sind, aber bisher in dem sicheren Gefühl geschwiegen haben, daß die Eintracht zur Beibehaltung der alten. Struktur ohne weiteres zwinge, nunmehr ihre warnende Silimme erheben und ihrerseits die Frauenfrage aufrollen. Denn ohne Acnderung der „Konstitution",unserer Großloge, .aus Gewöhnung, bei dem Drängen der laut begehrenden und dem friedlich zurückhaltenden Schweigen der anderen Brüder, das zu den sogenannten gemeinschaftlichen Logensitzengen von .Brüdern Und deren Damen nach besonderem Ritual besonders unangebracht war — vollzieht sich unter dem Wohlwollen einzelner aber höchst angesehener und einflußreicher Ordensbeamten, welche f ü r die Frauenheranziehung sind,, schrittweise, aber im Gegensätze zu . der Einstellung der Majorität und zu den Richtlinien der Groß- I löge diese „Modernisierung", womit auch nicht der Haüch 'eines persönlichen Vorwurfs erhoben werden soll. V. Ist denn jede Entwicklung ohne weiteres deswegen, weil sie modern oder neu ist, ein Fortschritt? Ich erinnere daran, daß der Deutsche Orden auf derselben Basis gegründet wurde, wie viele Jahrzehnte vorher der Orden*in Amerika. Amerika hat aber bereits — auch hier verrate ich kein Geheimnis — durch seine „moderne“ Et^wicklung — nach unseren Begriffen aufgehört, ein Orden in unserem Sinne, „eine Gemeinschaft, die in würdigen Formen an der Veredlung jedes einzelnen Bruders bedachtsam arbeiten soll"« zu sein, insofern unsere Logen cs mit dem Begriffe „Würde des Ordens und der Loge“ für unvereinbar halten, unter Zuziehung Fremder oder Andersgläubiger unter Musikbegleitung 200 Brüder gleichzeitig dem Orden zuzuführen. „E n Tw i c k I u n g!?" Die amerikanischen (Brüder sind stolz auf ihre Entwicklung. Wir deutschen Brüder fehlen uns sicherlich alle nach dieser Seite hin dem amerikanischen Orden entfremdet' und halten dessen „Fortschritt" nicht für eine .- erfreuliche Errungenschaft. Ebenso verständnislos, wie wir alle in Deutschland in dieser Hinsicht die amerikanischen Logen betrachen, die im übrigen auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, Bruder-