Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Journal
- Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- 1 (1.6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 vier ersten Bände der Sammlung .Vom alten Stamm" erschienen. Die beiden Momente sind bei anderen jüdischen Büchern leider so selten zu finden, daß dieses Lob dem Jüdischen Verlag nicht oft genug amigesprochen werden kann: es wäre dringend zu wünschen, daß er bald vorbildlich wirken möge. 1 Der Stamm des alten jüdischen Baumes ist vielfach verzweigt und trägt die mannigfaltigsten Früchte. So schildern alle vier Verfasser das Ghettoleben verschieden. In dem Buche von Schalom Asch tritt die Sehnsucht nach dem Lande der Väter lebendig hervor. Mit poetischem Schwung weiß der Dichter, uns mit sich fortzureißen. Wir,begleiten ihn von dem Antritt der Reise nach Palästina auf einem Auswandererschiff bis zum Besuch von Raheis Grab. Daran schließt sich dann eine legendäre Bearbeitung von 3 biblischen Erzählungen. Auffallend ist in der Skizze vom Sabbat in Jerusalem der Irrtum des Verfassers, der den Vortag des Schawuothfestes (der Obersetzer sagt dazu noch fälschlich Sch'wuoth] einen Freitag sein läßt, was nach dem jüdischen Kalender bekanntlich unmöglich ist. — Eine tiefe Wehmut durchzittert die Erzählungen von Gorelik vom Leben der Juden in der russischen Kleinstadt. Alle die unsagbaren Leiden, die die Revolution und die ganze moderne Zeit gerade den Juden gebracht hat. werden schlicht und gerade darum so ergreifend vor unsere Seele gestellt. — h "Die Geschichten von Perez zeigen eine stark kabbalistisch-chassidische Färbung und gewähren dadurch einen hochinteressanten Einblick in die abergläubischen Vorstellungen des Ghetto. Scholem Alejchem sucht dem jüdischen Leben die heitere Seite abzugewinnen. Seine Skizzen atmen einen echt jüdischen, herzerquickenden Humor, einen jüdischen Humor, d. h. zwischen den ZeUen lesend merken wir doch, daß wir uns im Ghetto befinden, daß jüdisches sorgenvolles Leben uns geschildert wird. Zwischen den Schülern eines Chejders findet eine Schlacht statt, in der die größeren Knaben unterliegen. — Ein Geizhals wird durch eine Wette um einen .Hunderter" gebracht. — Ein Pessachgast, der sehr ehrfurchtgebietend auftritt, ist am folgenden Morgen mit den Kostbarkeiten und der „Schickse" des Hauses verschwunden. — Ein armer Fuhrmann wird durch ein seltsames Abenteuer plötzlich wohlhabend. — Eine Frau will eine „Schaile" fragen, überfällt dabei aber den „Rebben" mit einem derartigen Wortschwall, daß dieser fast ohnmächtig wird. — Von einem „Ehrenmann" kommen im Verlaufe eines Gespräches allerlei unangenehme Wahrheiten zutage. — In Berditschew erlebt man unglaubliche Dinge auf der Straßenbahn und im „Hotel". Die einzelnen Typen in allen diesen Erzählungen sind trefflich gezeichnet, die Situationskomik ist eine besondere Stärke des Verfassers. Mary Antin. Vom Ghetto ins Land der Verheißimg. 3. Aufl. 390 S. 8" Stuttgart 1913. * Das Buch zerfällt in zwei Teile, die sich ja schon in der Oberschrift aasprägen. Was die Beschreibung der Kultur des Ghetto anlangt, so konnte man das Buch wohl mit den Memoiren der Pauline Wengeroff vergleichen. Aber Mary Antin ist viel mehr ein Kind des Ghetto, weil sie unter den