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Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur · 1914-06-01 · 1 (1.6.1914) · p. Seite 20

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Journal
Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
Volume
1 (1914)
Issue
1 (1.6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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. Die philosophische Krisis der Gegenwart. Rektoratsrede von Karl Jod. 56 S. Leipzig. Felix Meiner 1914. Wenn es wahr ist, daß im Zustande der Philosophie einer Zeit sich der Zustand des allgemeinen Lebens widerspiegelt, so muß die Lage in der Gegenwart als höchst verworren gelten: denn die der Philosophie ist es zweifellos. Wenn aber den Geist erst ein klares Bewußtsein von den Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten erfüllt, in denen er sich entfaltet, dann kann er nicht mehr gänzljch ratlos sein. So fuhrt den Betrachter die Einsicht in die philosophische Krisis des Tages in dem Ausweg, auf dem sie zu überwinden ist. Im 19. Jahrhundert ist die Philosophie aus ihrer Stellung als Konigin der Wissenschaften depossediert worden. Das war die selbstverständliche Konsequenz der immer größere Fortschritte machenden Differenzierung der Wissenschaften. Sie ist selber eine Spezialdisziplin geworden, die als Spezisl Wissenschaft des Geistes über die Sondergebiete der Logik, Erkenntnistheorie. Ethik, Ästhetik und Psychologie regiert, dabei aber nicht ohne Sorge einzelne dieser Erkenntnisbereiche ihrem Zentrum immer weiter entgleiten sieht. Wie aber gestaltet sich ihr Verhältnis zu den eigentlichen SpezialWissenschaften? — Diese haben sich ohne alle Rücksicht auf ihre einstmalige Beherrscherin immer weiter gesondert; und wenn sie in irgendeinem Sinne Universal Wissenschaft, Lehre vom Ganzen, der Natur und Kultur bleiben will, so muß sie ihre Aufgabe in der Konzentrierung der Wissenschaften erblicken. Es stehen sich also zwei Typen der Philosophie gegenüber : universelle Weltwissenschaft, welche zwischen den Sphären der Sonderdisziplinen Brücken schlägt, und spezielle Wissenschaft vom Geist. Daß diese beiden Funktionen einander nicht fremd sind, liegt auf der Hand; denn die Welt erkennen heißt doch nichts anderes, als die Fülle ihres Inhalts in der Einheit des Geistes ordnen. Anschauung der Welt und Analyse, des Geistes fordern und ergänzen einander. Die ganze Geschichte der Philosophie beweist diesen Zusammenhang: „Es gibt keine Weltanschauung des Geistes und keine der Natur, sondern nur eine von Geist und Natur." So war es einst — Wie aber steht es heute? In der Republik der Wissenschaften, die den absoluten Staat mit der philosophischen Spitze abgelöst, ist das Interesse am Ganzen, der Zug zum Absoluten verloren gegangen. Das zeigt nicht nur die Wissenschaft, sondern die ganze Kultur des 19. Jahrhunderts. Dem reichsten Leben fehlt Ruhe und Geschlossenheit, Innere Harmonie, Ausgleich von Mensch und Welt. Doch schien eine Spur von Weltanschauung diese Anarchie des Geistes zu überdauern: die des Mechanismus, die alles Leben, alle Seele, alle Persönlichkeit, allen Geist aus der Welt verbannte und das Gesamtgeschehen von Natur und Menschenwelt zu einer Mechanik starrer Atome degradierte. Erlösung von dieser eisigen Philosophie brachte allmählich das 20. Jahrhundert. Gegen den Naturalismus erhob sich der Energetismus. gegen den Mechanismus der Vitalismus. Das starre Weltbild verschwand vor der Einsicht in die überwältigende Fülle des Lebens; die träge Materie wurde aufgelöst, das Leben selber zerbrach die ehernen Fesseln, in die es die Menschen schmieden wollten. Gegen seinen Strom und Schwung

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