Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Journal
- Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- 1 (1.6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4885029-6348785-6348787--31-4885058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
21 erwiesen sich die darren Schemata ab viel in ungelenk. Es werde als eine schöpferische Macht wieder erfaßt, erlebt, die über alles Tote and Starre. Dunkle und Träge triumphiert. Das Leben, das ewig bewegliche, immer Neues erzengende, wurde absoluter Inhalt, riß aber bei seinem Siege die Wahrheit nieder, die selber so schwankend und unbeständig wurde wie eine Welle im reißend vorbeiflutenden Strom. Denn dieser Sieg bedeutete zugleich die Relativierung aller Gesetze und Normen, die SubjehÜTierung des Wehbildes, die den alten Protagons wieder zu Ehren brachte. So war der Erfolg des Lebens mit der Niederlage der Wahrheit bezahlt. Freilich konnte es dabei nicht sein Bewenden haben. Es mußte zu einer Selbstbesinnung der Vernunft kommen, die mit völligem Zusammenbruch bedrohten Gesetze und Normen mußten gerettet werden. Den Kampf um das Recht des Denkens, um die Erhaltung der Wahrheit nahmen vor allen auf die Neukantianer und die reinen Logiker. Von ihnen ward der Geist wieder in seine Rechte eingesetzt, nur mit den absoluten Prinzipien der Erkenntnis der Wahrheit sollte das Sein als Sein legitimiert, nur im Denken und Erkennen der Gegenstand begründet werden. Es ist das ein Idealismus, der den Geist objektiviert, wahrend die .Lebensphilosophie* umgekehrt die Welt zur bloßen Erscheinung subjektiviert. Ist damit das letzte Wort gesprochen? Nein! Es ist noch der Weg zu suchen vom Geist zum Sein und vom Sein zum Geiste. Wie sehr auch der strenge Logismus in seinen Formen und Prinzipien allein Werkzeuge zur Erfassung des Realen erzeugt, so bleiben sie doch schließlich Formen. Gesetze, Werte des Geistes. Die Welt und ihre Fülle wird von ihnen nur umfaßt, sofern sie Welt der Erscheinung für ihn ist. Aber die Weh ist schließlich absolutes Sein, und es wird nicht bloß die Welt der Erkenntnis, sondern auch die Erkenntnis der Welt gefordert. .Die Dinge fordern ihre Realität, und die Zeit verlangt statt bloßer Gedanken das Wirkliche selber zu fassen, und durch alles vermittelnde Denken hindurch lechzt sie nach dem Unmittelbaren." , Sollte nicht auch der Lebensphilosophie mit ihrem Streben nach unmittelbarer Einfühlung in die Wirklichkeit, nach intuitivem Erlebnis ein Recht zugestanden werden? Es ist eine Versöhnung zwischen dem Leben und dem Denken zu fordern, die möglich ist. weil weder das Leben denkfremd noch das Denken lebensfremd ist; denn Leben ist nicht bloß Wechsel und Wandel. Buntheit und Schwung und Freiheit, es ist auch Ordnung, Bindung, Konstanz. „Denn alles Leben lebt nur als Organismus." Und das Denken unsrer Rationalisten? Es ist ja doch nicht bloß Denken, es ist doch auch das Denken des Seins. Im dahinrauschenden Lebensstrome aber ward nicht übersehen, daß sich im Kleinsten wie im Größten Organisiertheit fand. Alte Naturgesetze kann die moderne Physik als wandelbar erklären, weil sich flu* eine höhere, allgemeinere Naturgesetzlichkeit aufgetan. „Und so ergänzen sich auch heute Äbsolutisten und Relativjsten. Rationalisten und Evolutionisten, Statiker und Dynamiker des Geistes." Es fehlt dem Rationalismus nur noch „der Schritt aus dem "Bewußtsein zur Weh hinaus, der Durchbruch zur Realität." Das heißt also: die Zeit drängt nach einer Metaphysik. Die Realität selber muß aufgewiesen und bestimmt werden. Sie muß es, und sie kann es, weil Formen und Gesetze in der Tat auch für die Wirklichkeit selber gelten. Das Organische zeigt deutlich