Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Journal
- Bibliographischer Vierteljahresbericht für die jüdische Literatur
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- 1 (1.6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Wart niemals verbirgt; und das Weltgoschehen rernichtet niemals den unendlichen Wert des Geislea. weil es allein im Spiegel der Geistigkeit seinen Sinn empfingt. So ist Idealismus der innerste Kern des Deutschtums. Aber seine Stellung zur Welt scheidet ihn von dem irdischen und läßt durch die tob ihm geforderte Erfassung des Seins mit der Idee den christlichen als den seiner Wesensart angemessenen Geist erscheinen. Ihm liegt nichts ferner als ein Ästhetirismus, der im spielenden Genuß des Lebens Sinn beschlossen sieht: sein Ideal ist die Arbeit an dem unendlichen Werke geistiger Vertiefung, das zugleich die sichtbare Welt durch die Idee meistert. Demnach ist es .die Forderung der Gegenwart" gegenüber der fast allmächtig gewordenen Mechanisierung alles Lebens, dem Deutschtum in uns zu seinem Rechte zu verhelfen, d. h. in dem großen Entweder—Oder, in der Frage, ob Idealismus oder wie immer gearteter und geheißener Naturalismus, sich recht zu entscheiden. Die sichtbare Welt, die bloße Empirie mit ihrer ▼erwickelten, so glanzvolle Resultate zeitigenden Technik droht den deutschen, den idealen Lebensgehalt, der Jahrtausende hindurch allein die Herrschaft geführt, zu erdrücken: und sie macht es schwer, gegenüber der Verflüchtigung und Zersplitterung des Daseins, den Weg zur Konzentration, zur inneren Erhöhung des Lebens zu finden. Man braucht jedoch die Hoffnung nicht aufzugeben, daß die widerstrebenden Lebensmächte noch keine nicht zu erschütternde Obennacht gewonnen haben. Am allerwenigsten darf uns der Materialismus der Massen entmutigen: denn Gedanken, welche bereits die Masse erfaßt haben, stehen eben an dem Punkte, überwunden zu werden. Das Geistesleben, dem jeder In sich zur Wirklichkeit verhelfen soll, ist nichts andres ab das Fundament der Religion und des immanenten Idealismus, wie sie vom deutschen Geist erzeugt wurden. So gilt es wieder, sich zu entscheiden, ob der Mensch nichts als Natur 'ist, oder ob seine Innerlichkeit seinen eigentlichen Sinn ausmacht. Demgemäß gestaltet sich die „Pflicht der Zeitgenossen". Es ist nicht, auf die großen Persönlichkeiten zu warten, die ja auch eines geistigen Bodens bedürfen, auf dem allein sie gedeihen könnten; sondern ein Zusammenschluß der Geister, die ihr Leben in der Art des deutschen Idealismus einrichten wollen, tut dringend not Der offene Kampf um den als wahr erkannten Lebensgehalt mag entbrennen. Wohl ist Person von Sache zu scheiden: aber die großen sachlichen Gegensätze müssen anerkannt und durchgekämpft werden; man darf sie nicht vertuschen. Nicht die „neue Moral" kann helfen, sondern allein die Rückkehr zum alten Geist, zur Quelle des ursprünglichen Lebens. Immer hat der Deutsche an sich ungeheure Forderungen gestellt, war sich seines Abstandes vom Ideal, aber auch der Kraft des Geistes stets bewußt. In dem Widerspruch zwischen dem Sein und dem Sollen, wie er in der Forderung an den Geist zutage trat, stellte sich gerade ihm das Geheimnis entgegen, das wir als die Tiefe der Wirklichkeit verehren müssen. Was der Tag also fordert, das ist ein Leben In Religion, im Geiste jener Innerlichkeit, der das deutsche Wesen stets ausgezeichnet Stettin. Dr. M. Wiener. I