Mannheim
Compact Memory

Der Aufstieg · 1932-12-01 · 12 (12.1932) · p. Seite 306

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
12 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 306 (sequence 16)
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4884546-5428396-5428438--335-4884860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

unterzugehn; von einem andern Boden aufspriessend, folgt dann eine neue Kulturentwicklung. Diese Anschauung setzt also den kulturellen Ablauf der Geschichte in Parallele zur Entwicklung einer Pflanze, etwa eines Baumes, der ja auch viele Jahrhunderte lang in die Höhe strebt und schliesslich doch nicht in den Himmel wächst, vielmehr zuletzt morsch und faul wird und abgehauen werden muss, um einer jungen Pflanzung Platz zn machen. Ein anderer Vergleich, den ebenfalls schon Spengler benützt, ist der mit dem Ablauf der Jahreszeiten. Auch hier folgt auf den Sommer erst Herbst und Winter, ehe wieder ein neuer Frühling im Umlauf der Zeiten erscheint. Danach verliefe die Gcschichtsentwlclclung in Cyklen. ihrSyrlbol wäre nicht mehr eine allmählich ansteigende unendliche Grade, sondern der in sich selbst zurücklaufende Kreis. . __ # Mit dieser cyklischen Auffassung der Geschichte hat sich unsere Zeit in verblüffendem Masse wieder jener Anschauungsweise genähert, die im alten Orient einst die herrschende war: der Lehre von den Aeonen oder den Weltenjahren1). Man verstand darunter Jahrtausende umspannende Geschichtsperioden, in die nach dieser Anschauung das Geschehen auf der Erde in regelmässigem cyklischem Turnus zerfällt und mit denen es sich in die zyklischen Abläufe, die wir überall im Kosmos wahrnehmen, eingliedert. Auch das orientalische Weltenjahr hat seine Jahreszeiten — vor allem eine Sommer-und Winterhälfte — hat seine Umschwungspunkte gleich den Sonnenwenden im scheinbaren Kreislauf der Sonne. Auch dass sich in gleichmässigen Abständen immer wieder die gleichen Konstellationen wiederholen müssen, gehört mit zum Wesen dieser Anschauung. Diese Aeonen-Lehre. die dem gesamten alten Orient eigen war, liegt auch der jüdischen Auffassung des Geschichtsablaufs zugrunde. Am sinnfälligsten tritt dies in der Scheidung zutage, die wir im jüdischen Schrifttum so häufig finden: zwischen Aulom haseh und Aulom habo. zwischen „dieser" und der „künftigen Welt". Aulom ist hier synomm mit dem griechischen Worte Aeon. Aulom haseh ist das Weltenjahr, in dem wir jetzt leben. Aulom habo der künftige Aeon, der anbrechen wird, wenn einst Moschiach gekommen sein wird; dieser aber kommt „am Ende der-Tage", nämlich am Ende der Tage unseres jetzigen Aeons. Hier sehen wir die enge Verknüpfung, die zwischen dem Moschiach Glauben und der Aeonen-Lehre besteht. Der Moschiach ist der Erlösser von einem morsch und faul gewordenen Aeon2) und der —i—;— ') Vgl Alfred jeremtas. „Handbuch der altortentaltschen Geisteskultur" und „das alte Testament im Lichte des alten Orients", ■'i vgl. Sanhedrln mit der Immer erneuten Schilderung vom Verfall des „Zeitalters in dem der Üavtd-Soha kommt". Vgl. auch u.a. Mtdraach Tehillim 15 | 3 und 92 | 10 306

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.