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Der Aufstieg · 1932-12-01 · 12 (12.1932) · p. Seite 305

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Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
12 (12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 305 (sequence 15)
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Kreise nicht. Hier hat die messianische Idee, die besonders seit Hermann Cohen grosse Popularität erlangte, eine von der ursprünglichen völlig abweichende Gestalt angenommen. Hier ist sie keine konkrete Erwartung mehr, sondern eine abstrakte Idee, symbolischer Ausdruck des Glaubens an den ewigen sittlichen Fortschritt der Menschheit hin zu einem immer vollkommeneren Siege der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit. Damit meinte man den tiefsten Gehalt dieser Idee erfasst, sie von allen Zufallsschlacken ihrer historischen Einkleidung losgelöst zu haben. Dabei liegt es auf der Hand, dass diese im neunzehnten Jahrhundert aufgekommene Umprägung der alten messianischen Erwartung nichts anderes darstellt, als die Ausstrahlung jener Fortschrittsidee, wie sie das neunzehnte Jahrhundert so allgemein beherrschte. Damals stand man unter dem Eindruck der erstaunlichen Fortschritte, die auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, der Technik und der internationalen Zusammenarbeit gemacht worden waren. Man fühlte sich als den Gipfel einer Entwicklung, die in allmählichem Fortschreiten der Jahrtausende zur eigenen Zeit hinaufgeführt hatte. So wurde es diesem Jahrhundert selbstverständlich, den Geschichtsablauf überhaupt unter dem Bilde einer allmählich ansteigenden unendlichen Linie zu sehen, deren letzter Höher und Zielpunkt im Nebel der Unendlichkeit verschwindet. Da nun abeim Judentum die messianische Zeit den absoluten Gipfel der Geschichte darstellt, so musste dieser in die Unendlichkeit, in ewig unerreichbare Ferne von der Wirklichkeit verlegt werden. So wurde aus einer konkreten Erwartung eine abstrakte Idee. Grundlage dieser ganzen Geschichtsauffassung war aber, wie gesagt, die Einschätzung der eigenen Zeit albedingten Höhepunktes der bisherigen Entwicklung, war das selbsts gefällige Empfinden: „Wie haben wir es doch so herrlich weit gebracht I". Diese Art, die Geschichte zu betrachten, hat nun in den letzten Jahrzehnten einen starken Stoss erlitten, vor allem durch die Entwicklung der äusseren Verhältnisse. In aller Munde ist heute das von Oswald Spengler geprägte Wort vom Untergang des Abendlandes, ganz allgemein die Paralellisierung unserer Zeit mit der ausgehenden Antike. Auf diese folgte aber im sogenannten Mittelalter absolut keine Fortsetzung der Antike, sondern etwas durchaus Neues, das mit dem Untergang der antiken Welt einherging. So ist denn auch in der führenden Geistesschicht heute die Anschauung ziemlich allgemein geworden, dass wir in einer Uebergangsepoche leben, dass ein grosser geschichtlicher Entwicklungsabschnitt seinem Ende zueilt und ein neuer sich vorbereitet, über dessen künftigen Charakter wir höchstens Vermutungen haben können. Denn jede Kultur — so stellt Spengler es dar — hat nur eine begrenzte Lebenszeit, sie wächst aus kleinen Anfängen empor, entfaltet sich zur Blüte und Frucht, um schliesslich wieder dahinzuwelken und 305

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