Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 12 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 293 (sequence 3)
- Belongs to
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zu sehen, wie sie seit der Emanzipation die Jüdischkeit aushöhlten, warten wir eben mit allen Wartenden auf die neue Konjunktur nach der Weltkrise..... Noch niemals so sehr wie jetzt haben wir eine festgefügte und gegliederte, über die ganze Judenheit hin "reichende relig'öse Führung benötigt, um unser Volk aus dem religiösen und anderen Elend zu retten. Allein, wir sind in unsere religiös-disziplinäre Anarchie, die wir uns selbst grossgezogen haben, verliebter denn je. Wir bilden uns sogar viel auf sie ein. Sie passt auch zu uns, so wie wir zum grossen Teile durch sie geworden sind, zu unserer Unfähigkeit, unserer Gesamtheit wirkende Gestaltung zu geben.' Wir glauben der Parole Thauro im derech erez nachzuleben. Und es wäre ja in Ansehung des grossen kulturellen Problems, vor das wir gestellt sind, hohe Zeit, dass wir es endlich — in richtigem Sinne — täten. Aber ist denn unsere Thauro im derech erez wirklich die ursprünglich gemeinte: Dies bisschen Thauro auf der einen Seite und auf der andern Seite als derech erez das bisschen verunglückte Parnosso-Bedachtheit in den alten Gleisen, das bisschen hervorgekehrte Wissenschaftlichkeit und das bisschen Bewandertheit in der Kultur des Volkes, unter dem wir leben, aber auch nicht die Spur jüdisch-eigenartigen Schöpfertums in Leben und Kunst? Woher denn auch die Konzeptionen dazu nehmen? Etwa aus der geduckten Mentalität, die uns so deutlich auszeichnet? Wieviel Lösung, und Erlösung würde es bedeuten, wenn wir uns von all dem Modeballast befreien könnten, der, im Innersten uns fremd, so schlimm an uns zerrt, der uns zu Halblingen macht und jede Erholung unserer Jüdischkeit im Keime erstickt. Doch wie weit sind wir davon entfernt, dies zu vermögen! Sind doch der Sinn des Judentums und unser Sinn inkongruente Grössen geworden. Wir schliessen Rückversicherungsverträge mit einer Gegenseite, die meist gar keine Ahnung von ihnen hat oder sie, wenn sie davon weiss, milde lächelnd in einen gedachten Papierkorb schleudert. Wir machen in schmalzigem Allerweltsliberalismus, verhimmeln Grössen der Gottesleugner-Welt, finden Verständnis für Gruppen, für die alles, was der Orthodoxie heiligst ist — Gott. Gottes- - dienst, reines Geschlechtsleben, ehrfürchtige, sich bescheidende Jugend — abzubauende Dinge sind. Wie sollte es also möglich sein, dasr wir. mit solchem Abbau in Fühlung, den Aufbau durchführen, der unsere Aufgabe ist? Kurz, wohin man auch blicken mag, überall bestätigt es sich, dass wir vorläufig keinen Grund haben,- zufrieden zu sein. Und wenn eine gegenteilige Meinung in der Unzufriedenheit und in der Anklage eine Art Verstiegenheit erblickt, so sind diejenigen, die diese Meinung ver- ' treten, zwar in ihren Ansprüchen an die Orthodoxie sehr bescheiden. 293