Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 12 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 292 (sequence 2)
- Belongs to
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sogenannten freien Geistes fliehen und zudem immer mehr fromme Eltern „zufällig" nur mit zwei oder höchstens drei Kindern gesegnet sind? Niemand fragt, woher diese Schwunderscheinungen kommen? Oder wenn jemand danach fragt, so gibt er sich gerne mit der Erklärung zufrieden, dass die Abfallbewegung eben noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Dies ist sie doch aber auch nicht bei den Nichtjuden tmd~rJoch läuft bei ihnen parallel zu ihr eine religiöse Bewegung voll Eifers, voll Einsicht ins Geschehen und voll Siegeslust jedes Einze'nen- Warum sind diese Anderen ein marschierendes Heer und wir, die Söhne des Gottesvolkes, ein müdes, altes „letztes Aufgebot"? Warum? Weil jene über ihren persönlichen religiösen Bedürfnissen niemals die grundlegende Bedeutung ihrer Gemeinschaft übersahen, während wir schon lange, lange vergessen haben, was w i r am allerwenigsten vergessen durften, dass die gläubige Judenheit nicht eine Summe von Einzelnen, sondern das zusammengeballte jüdische Volk zu sein hat. Weil wir uns so selber zu dem geknete\ haben, was wir sind. Wenn es in der letzten Zeit gelang, in der Agudas Jisroel ein Werkzeug zu schmieden — was nützt es, da wir unfähig geworden sind, den rechten Gebrauch davon zu machen, da wir uns Nebenfragen hingeben und Lebensfragen ausweichen, da wir ohne Geist, Mut und Kraft zu grossen Initiativen, ohne Spürsinn für die elementarsten Notwendigkeiten sind? O. wie wir mit diesen Notwendigkeiten umgehen! Wir brauchen 'die Zufuhr jungen, von unserer schleichenden Schlafkrankheit unvergifteten Bluts. Wir brauchen den Vorstoss in das Lager unserer freigeistigen Brüder. Aber wen interessiert das? Irgendwelche Streitigkeiten in irgendeiner orthodoxen Gemeinde stehen höher im Kurse. Und könnten wir denn auch, so wie wir sind, den Kampf mit Aussicht auf Erfolg führen? Sind wir denn sachlich und persönlich gerüstet, die Wahrheit so erschütternd und aufwühlend oder so still erobernd zu künden, dass sich die widerstrebenden Herzen und Hirne schliesslich willig beugen? Wir hätten die Ersten sein sollen, zu hegreifen, dass jene furchtbare seelische Deroute. die seit Beginn der grossen Fahnenflucht in unserem Volke wütet, nicht früher abzuflauen beginnen wird, als bis es, wenigstens zu einem grossen Teile, zu einer naiveren Lebens- und Wirtschaftsweise, zu Gott und Natur zurückkehrt. Wir waren nicht die Ersten, doch es scheint, dass wir auch nicht einmal die Letzten im Begreifen sein werden: dass auch der jetzige Zusammenbruch der ganzen bisherigen Wirtschaftaherrlichkeit der „führenden" jüdischen Schichte uns nicht die Augen öffnete. Wie denn auch anders? Da wir in unserer Vereinzelung uns gewöhnt haben, von Konjunkturen zu leben und nicht 292 ~~^ ~Z~~