Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 288 (sequence 22)
- Belongs to
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gestehen, komme ich mir immer ein wenig gehemmt vor, wenn ich mich mit nicht - jüdischen Lettern in diese« Buch einzeichne. Mein Staunen sprang mir so richtig erst bei den zwei Worten der Unterschrift ins Bewusstsein. Sie stellte zu dem Namen eines führenden judischen Geschlechtes in Deutschland ein mir wohl bekanntes jugendliches Angesicht vor meine Augen: Dunkle Augen, sehr dunkle Haut, tiefschwarzes Haar, gedrungene Gestelt, besonderer Ausdruck - ein sogenannter jüdischer Typ, vorderasiatisch, Erlösungstyp, würde Ludwig Ferdinand Clausa sagen. Ich glaube dem Materialismus fern zu stehen und die Herrscherstellung des Geistes anzuerkennen — ich kann mir aber nicht vorstellen, dass in solchem Leibe wirklich eine deutsche Seele wohne. Dabei bemerke ich zur Sicherheit, dass ich deutsches Volk und nordische Rasse selbstverständlich nicht gleichsetze. Dieser Protest gegen die hebräische Schrift wurzelt, man kann er kaum anders aasdrücken, in Assimilationswut. Dass diese das angestrebte Ziel, ein gutes und klares Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden zu schaffen, gar nicht erreicht, ja, diesem Verhältnis nicht einmal zuträglich ist, das kann aus der Geschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte leicht ersehen werden. Doch wäre es vergebliches Bemühen, jemandem seine Leidenschaft mit Beweisen ausreden zu wollen. In der Synthese Deutschtum-Judentum, die in verschiedenen Formen und Graden angestrebt und auch erlebt wird, ist das erste durchaus das dominierend« Element. Das ist eine Tatsache, die einen Protest wie den berichteten zwar noch nicht berechtigt und entschuldigt, ihn aber immerhin als einen extremen Fall innerhalb der grundsätzlich assimilatorisch gerichteten Gruppen verstehen lässt. Damit müsstc unsere Stellungnahme zu Ende sein, wenn es sich nicht um ein Besonderes handelte: Der Mann, der jene Worte niederschrieb, gehört zur Orthodoxie, vielleicht muss man sagen: noch zur Orthodoxie. Man denke: Kein in liberaler Entfremdung aufgewachsener Mensch, sondern einer, dem das Judentum aus der Quellen selbst und das jüdische Leben bekannt sind, empfindet den Gebrauch der hebräihchcn Schrift, der heiligen Buchstaben als untragbare Herausforderung seines Deutschtunis und sieht sich sogar gezwungen, diesem Gefühl Ausdruck zu geben, und ihn als Protest in die Oeffentlichkeit zu schleudern! Da hat Theorie und Praxis der Assimilation schon jene äusserste Grenze überschritten, die auch im Westen der Auflosung des konkreten jüdischen, judentümlichen Volkslebens gesetzt sein müssen. Darf Hebräisch und seine Schrift dem thoratreuen Juden darum nicht mehr heilig sein, weil er durch ihre Verwendung allzu scharf seine Verschiedenheit von den nichtiüdischen Mitbürgern dokumentiert? Soll es am Ende gar dazu kommen, dass thoratreue Kreise entstehen, die auch die hebräische Sprache noch weiter zurückdrängen und sie im Gebet und beim Lejnen ausmerzen werden? Oder werden sie sich mit dem in diesem Proteste offenbar zu Grunde liegenden Auffassung begnügen, dass Hebräisch in den Bereich der Synagoge gehört, ins "Leben" aber keinen Zutritt haben dürfe, um das Deutschtum der Juden nicht zu schmälern7 Aber auch das kann von thoratreuer Seite nicht zugestanden werden: Du Judentum anerkennt keine Grenze zwischen heiligem und profanem Bezirke im Leben des Menschen. Es konnten noch mehr Erscheinungen wie der heute besprochene Fall aufgeführt werden, die alle in dieselbe Richtung weisen: Ablösung vom jüdischen Leben. Ansätze zu einer Herausbildung einer fremdnationalen und zugleich "thoratreuen" Weltanschauung sind ohne Zweifel vorhanden. Sie wurzeln noch in den Anfangen der modernen westeuropäischen Orthodoxie. Hoffentlich bleibt es uns erspart, dass sie sich zu einer Bewegung verdichten. S. MI