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Der Aufstieg · 1932-04-01 · 10 (4.1932) · p. Seite 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
10 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 250 (sequence 8)
Belongs to
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mir ein Bild an der Wand. Alle sprechen darüber mit Begeisterung, mit Leidenschaft, man gestikuliert und keiner lässt den andern ausreden. Ich verstehe natürlich kein einziges Wort von dem ganzen Geschrei. Ich sehe mir das Bild an. Es ist ein billiger Ocldruck, der in eine Kinderstube hinein passt: Zwei Knaben stellt es vor, die, in Pelzchen gehüllt, in einem verschneiten Wald spazieren, vor ihnen ein Engel. Die Leute beruhigen sich endlich und der Briefträger erklärt mir, dass das der Engel Gabriel ist. Sie haben das Bild erst vor zwei Wochen in der Stadt gekauft. Was ich dazu sage? Schwer zu antworten. Bei meinem Aufenthalt unter den Martin neu in Lissabon, in Porto und an anderen Orten hatte ich schon Gelegenheit, die Vorliebe für Bilder zu bemerken. Offenbar eine Erbschaft vom Katholizismus her, von der sie bisher nicht loskommen konnten. Sie können sich noch keine Religion ohne Bilder vorstellen. Judentum, gewiss. Aber Bilder müssen sein: Engel, Moses u.s.w. Und .so stand ich da und dachte nach, was ich antworten soll. Sie standen um mich herum und sahen mir auf den Mund, als ob ihnen von da die Erlösung kommen müsste. Sollte ich ihnen die Abgeschmacktheit des Bildes erklären, dann wäre ihr Schmerz sehr gross und die Verwirrung in ihren Gehirnen noch grösser. Ich könnte es noch wagen, wenn ich einige Monate bei ihnen bliebe und sie die Grundprinzipien der jüdischen Religion lehrte. So aber. .*.. Zerstören ist leicht, aber Wiederaufbauen ist schwer. Ich hatte nicht den Mut, zu zerstören. Lieber sollen sie noch Irrende bleiben. ... Ihre Augen blitzten vor Freude, als ich ihnen sagte, dass mir das Bild gefalle und sie betrachteten es nun erst recht geradezu mit Innigkeit. Der Raum hatte sich mittlerweile immer mehr gefüllt: Da waren Bauern mit sonnenverbrannten, durchpflügten Gesichtern, Frauen mit den edlen Gesichtszügen unserer Mütter und Schwestern, Jungens und Mädchen wie lebende Kopien unserer Josselech und Schloimalech und unserer Ssuralech und Chajelech in den polnischen Städtchen. Ich bitte die Leute, dass sie mir erzählen, wie es ihnen gehe, welche ihre Sorgen seien und was man für sie tun könne. Daraufhin erhob sich ein Geschrei, als ob ein ganzes Rudel wilder Löwen losgelassen wäre. In allen Ecken des Zimmers diskutierten sie mit solcher Wucht, dass ich dachte, im nächsten Augenblicke müssten sie auf einander loszuschlagen beginnen. „Wir haben keinen Führer!", schrie einer, „wir wissen nicht, 290

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