Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 10 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 249 (sequence 7)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4884546-5428396-5428434--276-4884803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Marannen und zu meiner Linken Abilio Diogo Henriquez, der Briefträger von Belmonte und gleichzeitig der Haw, Vorbeter und geistige Führer der kleinen Murannengruppe in diesem weltentlegenen Qebirgstädtchen. Hinter uns ein Gefolge von einigen jungen Leuten und angesehenen Bürgern. Wir gehen zur Versammlung, zum offiziellen Empfange, den die Marannen mir zu Ehren veranstalten. Sie wollen ihr Herz vor mir ausschütten, wollen mir zeigen, was sie können und wollen Fragen stellen. Sie haben viel zu fragen, ohne Ende. Sie sind wie Kinder, die erst Gottes Welt zu sehen beginnen und für die alles ein grosses Fragezeichen ist. Sie gleichen einem Manne, der jahrelang in einem finstcrn Keller gefangen sass und den, wenn er ins Freie tritt, die Sonne blendet und die Freiheit überrascht. Es ist dunkel in den Gässchen von Belmonte. Nur da und dort wirft ein mattes elektrisches Lämpchen seinen schwachen Schein. Wir gehen schweigend bergauf, bergab und es kommt mir vor, als herrsche da noch die Inquisition und wir schlichen furchtsam zu einem geheimen Gottesdienst. Und in der Tat haben die Marannen bis heute'noch eine angeborene, ihnen ins Blut übergegangene Neigung zum Geheimnis. Plötzlich wird Halt gemacht. Der Briefträger schreit etwas, und von allen Seiten kommen Männer in breiten, langen Pelerinen, mit riesigen Hüten auf den Köpfen, Frauen in schwarzen Schals auf den glänzenden Köpfen, junge Männer und Kinder. Alle dem Hause zu, in dem die Versammlung stattfinden soll. Bitte, treten Sic ein, sagt der Briefträger zu mir. - Durch eine schmale, niedrige Tür gelange ich gleich auf die Treppe, die so schmal ist, dass sie nicht^einmal von zwei Leuten neben einander begangen werden kann. Ich steige immer höher und höher, die Menge mir nach. Endlich bleibe ich in einer vollkommen finstern Stube stehen. Ich fühle, wie man mir die Hände, ja die Kleider küsst, mich mit Ehrfurcht berührt. Ich bin tief bewegt, denn das gilt nicht mir, das gilt dem jüdischen Volke, das hier durch mich repräsentiert wird, das gilt dem Lande Israel, das sich ihnen in meinen Worten blitzartig offenbarte, das gilt allen /uden, die ich jetzt hier vertrete. Es ist wie eine Liebkosung unter erstickendem Weinen. Der Briefträger fasst mich bei der Hand und führt mich in ein anderes, grösseres Zimmer, das durch ein elektrisches Lämpchen schwach beleuchtet ist. Es sind ausser einem Tischchen und einigen Stühlen keine Möbel da. Allmählich füllt sich das Zimmer. Männer auf der einen Seite, Frauen auf der andern. Man zeigt 249