Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 9 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 239 (sequence 21)
- Belongs to
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Auch wenn man nicht verglast, du.-- am Tor zu dem geistigen und seelischen Niedergang des neuen Europa symbolisch eine Encyklopudie steht, kann man unter den gegebenen Umständen doch die Nützlichkeit einet solchen Unternehmens nicht verkennen. Aber das gäbe natürlich keinen Anlass an ein derartiges Werk in einer Zeitschrift wie der "Aufstieg" anzuknüpfen. Der Anluss ergibt sich vielmehr aus der Anlage des Lexikons. Sie überzeugt uns, das« man selbst mit Mitteln, die geschichtlich in der Gottentfremdung wurzeln, dieser wieder entgegentreten kann. Das Herdersche Werk "hat eine sichere, eindeutige, entschlossene Weltanschauung und Lebensauffassung", wie es in einem Geleitwort zu dem unlängst erschienenen ersten Band der Neubearbeitung heisst. Und diese Weltanschauung und Lebensauffassung sind religiös. Natürlich katholisch. Aber bei der ganzen Tiefe des Abgrundes zwischen Judentum und Katholizismus können wir doch ein solches Buch gut benützen, denn, seine Grundlagen ruhen ja zu wichtigen Teilen auf der Basis jüdischer Religion. In diesem Zusammenhange kann man nur mit Bedauern feststellen, das* wir nichts dergleichen haben. Ist etwas anderes als Trauer möglich, wenn man "judische", in Wirklichkeit ketzerische oder atheistische Werke zum Vergleiche heranzieht? Wie sind da z.B. biblische Themen behandelt? Gänzlich losgelöst von Tradition und Religion. Der "Herder" dagegen steht fest auf diesem Boden Die Tradition deckt sich auf biblischem Gebiete natürlich weithin mit der jüdischen Man nehme etwa, was ein "jüdisches" Buch über den babylonischen Turmbau zu sagen hat: Kurzes Referat über die biblische Erzählung, dann Deutung: "Die Erzählung sucht offenbar die Verschiedenheit der Völker zu erklären", schliesslich archäologische Bemerkungen. Nach dem "Herder" dagegen ist der Turm "der sinnfällige Ausdruck des Strebens der gottfremden Menschheit, die Menschenmacht zu vergöttern. Dieses Streben vereitelte Gott durch die Sprachenverwirrung und Zerstreuung der Menschen. Ob die Sprachenverwirrung allein durch natürliche Entwicklung zustande kam, wobei der biblische Schriftsteller die natürlichen Ursachen, wie auch sonst oft, übergeht, oder durch ein wunderbares Eingreifen Gottes, was der Text nahelegt, ist unter den Excgeten strittig ____ Das Ereignis bezeugt die tiefe Wahrheit-, dass Gottentfremdung die Menschheit auseinander riss." Welche der beiden Auffassungen und Darstellungen ist für jüdische Leser diskutabler? Unter den im Plan des Lexikons besonders hervorgehobenen Artikeln ist für uns namentlich derjenige über Antisemitismus interessant. Der Wille zur Objektivität ist durchaus anzuerkennen und den meisten Ausführungen werden wir auch zustimmen können. Natürlich nicht allen. Wir werden wohl sehr bezweifeln, ob der Einfluss der Juden auf allen Gebieten wirklich so "ausserordentlich stark" ist, und ob sie im Mittelalter gar eine Vorrangstellung im Wirtschaftsleben einnahmen. Auch die Behauptung vom ' ubersteigerten Selbst bewusstsc in" der Juden vom "zähen jüdischen Rassestolz" ist mehr als anfechtbar: Die individualistische und die nationalistische Assimilationsbewegung deuten wahrlich nicht darauf hin. "Erlaubt ist die Abwehr des tatsiiehlich schädlichen E nflussos liberal-jüdischer Kreise auf geistigem (Literatur, Presse, Kunst, Theater us.w.) nud politisch wirtschaftlichem Gebiete mit rechtlichen und sittlichen Mitteln. Richtig — aber der Liberalismus an sich ist es doch, der abzuwehren ist. Ist denn der nichtjüdische etwa weniger schädlich? Und übrigens, geschaffen haben din die Juden oder auch gewisse Juden doch sicherlich nicht. Er hat ja erst das Phänomen "liberaler Juden" hervorgebracht____"Selbstschutz gegen die wirtschaftliche l> hermacht des liberal - jüdischen Warenhaus-, Börsen- und Grossbankwesens".— ob der Durchschnittsleser hier statt liberal-"jüdisch" nicht einfach liberal jüdisch liest und gar nicht an die 2J9