Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 9 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 233 (sequence 15)
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meinen, sich zur deutschen Seele feindlich siellcr. zu müssen. Ich, der ich kein Antisemit bin, der, wenn er nicht als Deutscher geboren wäre, sich, um der nationalen Leidenschaft und Leistung willen, nur noch als Engländer oder als nationalen Juden vorstellen konnte, ich sehe mit immer neuem Erstaunen, dass die Auslegung der Mittelsleute aus ihrer eigenen empfindlichen und gefahrlich missverstehenden Seele heraus von andern Deutschen gläubig aufgenommen wird, und dass wir uns also zwischen Deutschen eine politische Dolmetscher-Tätigkeit, um es so auszudrücken, gefallen lassen sollen, die zu unserer aller besten und mir scheint, nicht zuletzt zum besten der Dolmetscher ein schleuniges Ende finden muss. Denn in diesen Dolmetscher-Seelen hat sich, ihnen vielleicht selbst unbewusst, ein ausgesprochener Antigermanismus entwickelt. Bei diesem Antigermanismus geht es gar nicht mehr, wie es einmal schien, um irgend ein bedrohtes Staatsideal . oder eine wohl verständliche Abwehr gegenüber einem vermuteten Antisemitismus der Dummheit und Brutalität und auch nicht einmal um ein Vorbeugungsmittel gegen den Asomitismus, der so sauber ist wie irgend eine Neigung und irgend eine Erkenntnis', 'bei diesem Antigermanismus geht es schlechthin um einen blinden Hass gegenüber einer erwachenden-Seele, die anders ist als die eigene, um einen Hass, als wenn man wachsendes Korn hassen wollte oder jungen Wald, die, da ihre Zeit gekommen ist, von sich aus sich erfüllen müssen " Allerdings sind gerade diese Worte eines aufrichtigen Schätzers, der nur durch jene "Auswüchse bei manchen Juden" irritiert ist, schon nach den Geschehnissen auf der Berliner Kurfürstendamm geschrieben. Und diese erinnern uns, dass auch wir über etwas zumindest irritiert zu sein allen Grund haben ... HULIGANS UND NICHTHULIGANS. Daran ist ja kein Zweifel, dass die prugromartr^en Ausschreitungen, die am zweiten Roschhaschono-Abend in Berlin stattfanden, von Huligans verübt wurden Wer nicht von Natur ein Huligan ist, schlägt nicht, selbst wenn er der erbittertste Judenfeind ist, zufällige jüdische und jüdisch aussehende Passanten niedes. Aber damit ist nicht gesagt, dass die Huligans die Alleinschuldigen oder auch nur die Hauptschuldigen an dem erbärmlichen Uebcrfall sind. Ihre angeborene Roheit ist ja eine Art Entschuldigung für sie. Schuldiger sind jene, die ihnen freien Spielraum für die praktische Betätigung ihrer Roheit geben. Das sind die Nichthuligans, jene ehrsamen Bürger und Intellektuellen, die fürs Zuschlagen zu zimperlich sind. Man hat am Schauplatz der Misshandlungen aus der Passivität der "unbeteiligten" Zuschauer, zuweilen auch aus ihren getanen Acusscrungen, eine Gesinnung erkennen können, die jedem besseren Kenner der Verhältnisse nicht neu ist: Selber zuschlagen, nein, aber es geschieht den Juden schon Recht. Und was heioat das anderes als geistiger Pogromgenösse und Pogromhelfer der Huligans sein? Dabei sind aber auch diese Herren und Damen noch nicht die letzten Schuldigen. Denn, so wie die Huligans von deren mehr oder weniger stillschweigender Billigung Mut beziehen, so sie selber von der Verschweigungs- und Vertuschung*- taktik, die ihre publizistischen Intellektuellen gegenüber den judenfeindlichen Ausschreitungen anwenden. Oder ist es vielleicht nicht erziehlich, wenn diese, die doch wissen oder gar gesehen haben, wie zufällig ihre Strasse ziehende Juden misshandelt werden, in der Zeitung nur von Unruhen .und Denunziationen berichten und mit keinem Worte erwähnen, dass es sich um Juden handelte? Diese Unterschlagung des KernmomcnU der traurigen Berliner Vorgänge, die noch dazu von einer Bagatellisierung der ganzen Sache begleitet war, wiegt 4 233