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Der Aufstieg · 1931-11-01 · 9 (11.1931) · p. Seite 230

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Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
9 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
Seite 230 (sequence 12)
Belongs to
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die Gegenwart über ihre Vergangenheit zu stellen und keine Ursache hutten, auf ihre Ahnen und ihre Geschichte stolz zu sein — wie konnten aber wir, deren ganzer Stolz unsere Geschichte, unsere grussen Ahnen sind, deren Gegenwart nichts und deren Vergangenheit alles ist, uns ihnen anschliessend Wie konnten wir die goldenen Wahrheiten unserer Weisen vergessen, die uns lehrten: "Waren die Früheren Engel, so sind wir Menschen, waren sie aber nur Menschen, so sind wir nur Esel". Oder: "Wenn Dir die Jungen zum bauen und die Alten zum Zerstören raten, so zerstöre und baue nicht; denn das Zerstören der Alten ist Bauen, das Bauen der Jungen aber Zerstörung". Wir hätten ferner gefunden, dass unsere religiösen Uebungen an Lebendigkeit eingebüsst haben und mit neuer Lebenskraft durchflutet werden müssen; dass unser Verhältnis zu Gott fremd und kühl geworden ist und wir nicht mehr -innig zu beten verstehen. Dus Gebet, das ein inniger, andächtiger Herzensergüss vor dem himmlischen Vater sein sollte, ist zum sinnlosen Lippenwerk geworden, an das man den Glauben und die Hoffnung auf Erhörung nicht mehr knüpft. Der tiefe Glaube an das schiwissi, an die Allgegenwart Gottes ist uns verloren gegangen und wir haben uns daran gewöhnt, alles Weltgeschehen durch die materialistische Brille zu betrachten ultid es für Zufall statt für göttliche Vorsehung zu halten. Wir hätten auch gemerkt, dass bei all der vorbildlich organisierten sozialen Hilfe das innige Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, zwischen dem Helfer und demjenigen, dem geholfen werden will, vollkommen fehlt. Die Thora begnügt sich keinesfalls mit dem blossen Geben und dem Ueben von Wohltätigkeit durch bezahlte Beamte und bürokratisch!? Aemtcr. Wohltätigkeit, die den Menschen adelt, ist persönliche Hilfeleistung, persönliche Einsetzung aller Kräfte, um den Unglücklichen zu helfen, die Gefallenen aufzurichten, den Kranken Linderung und den Trauernden Trost zu bringen. "Wer einem Armen eine Münze gibt, wird sechsmal gesegnet, w,er ihm freundlich entgegenkommt, wird elfmal gesegnet", lehren unsere Weisen. Das unsere Einstellung zu den geistig-kulturellen Dingen einer gründlichen Besserung bedarf, ist wohl kaum anzuzweifeln. Wir sind heute nicht arm an Dichtern, aber wieviele von ihnen schreiben religiöse Gedichte? Wieviel jüdische Architekten haben den Ehrgeiz, einen jüdischen Baustil herauszuarbeiten? Haben nicht unsere grössten Geschichtschreiber schmählich versagt? Oder können wir uns rühmen, eine ausführliche jüdische Geschichte in einer europäischen Sprache zu besitzen, die man ohne Bedenken 230

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