Mannheim
Compact Memory

Der Aufstieg · 1931-04-01 · 8 (4.1931) · p. Seite 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
8 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 215 (sequence 21)
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4884546-5428396-5428430--240-4884769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gehen. Wir haben doch eben wieder das alte jüdische \<<]k gefunden, haben bei Ihm Daas. Uotteserkenntnis. noch in lebendiger Macht angetroffen, haben gesehen, wie die Cliassidim dein fernen Klaifg der Stimme des Baalschem lauschen einer Stimme, welche die Tore des Himmels aufreißen konnte. J (ianz ungewohnt ist uns~\Vestlcrn das östliche (lebet; Es 'st freu« /Wgc Verherrlichung Oottcs. oft bis zur Ekstase sich steigernd, die auch den Leib der Cliassidim erfaßt« Kol az inaussai taumarno hav c Ii e in m i c Ii o m a u c h o.' In dem Jubel über die Oottcsnähc tritt das Individuum aus seiner Sonderuns heraus. Die Ilaude lesen sich ineinander, die Minzelnicnsch.n vereinigen sich zu einem schwebenden Reigen, einem Jecheskelschen Rade .... Die (iewalt solcher Ekstase ist daran zu ermessen. daLi sie selbst mittelbar noch stärkste Erschütterung auslost. Da tanzt ein achtjähriger Knabe aus rehbischem Dause ganz allein den I anz. au dem er schon oft im Kreise der Männer teilgenommen hat. Mit halb geschlossenen Augen, erblassenden Wangen bewegt sich das Kind. Sein Ianz ist ein sehnsüchtiges Ringen nach dem Holten. Unerreichbaren, ein flehen, eine Verzweiflung über das immer wieder in unnahbare Hohen zurückweichende Ziel, Es ist nicht die Seele des Knaben, die tanzt, es ist die Seele des jüdischen Volkes. Und auf uns Westjuden greift etwas von der Verber, da wir nicht einmal so ringen können und das hoffnungslose Empfinden AuUenstehender haben. Kein Zweifel: Für unseren Niedergang in der Heiligkeit von Daas können wir noch hoffen, im Osten Hilfe zu finden. Das lehrt die Begegnung. Ucber Rachmlm, das Verhältnis von Mensch zu Mensch, kann sie uns nicht aufklären. Da scheint es im Osten nicht besser zu sein als anderwärts. Um liferes aber steht es nicht'gut. Dem schnellsten Blick fällt sein fehlen auf.Das kann nicht \ersxhw iegen werden. Verloren ist die Kontinuität mit dem alten Judentum, das seinen Oott als^einen Qott der Schönheit, von Licht wie von einem (iewand umflossen, sah. Der Anblick einer jüdischen Siedlung im Osten ist der einer eroberten, in I raner versunkenen Stadt, die mit trostloseil Händen ihren Schmuck abgelegt und sich in Dunkel gehüllt hat. Aber, so erinnern w ir uns. ist es denn Ihm uns im Westen im (irunde nicht schlimmer, da wir. was wir vor dem Osten voraus haben, nicht uns selbst, sondern dem Einfluß unserer Umvelwng verdanken. Und anderseits: l nbeVfiüt und, fast möchte man sagen, wider W illen lebt noch Tiferes im jüdischen Osten. So in der Dnzcrrissenheit des Oesichtsausdruckcs. Hier hat man nicht, w ie hei uns. den häufigen und peinlichen Anblick des mißlungenen ..l.eistungstyps". dali nämlich ein „Berufener" seine feurige orientalische Seele nach der marmornen nordischen Form iimzukneten sucht. Auch, dali es uns wenigstens bei den Männern erspart bleibt, orientalische Körper in europäischer Tracht sehen, müssen wir als schön empfinden. Und dann der (iesang. der uns Westjuden w ie Vogelgcsang anmutet, w ährend sich die cliassidischcn Sänger seiner Schönheit gar nicht bewußt sind und gar nicht dulden ' All mein Uebeill spridit: () Qott, wer ist wie Du'.'' HS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.