Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 4 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 102 (sequence 3)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4884546-5428396-5428422--122-4884655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sie nur für Augenblicke belebte, ihnen über nicht neues, starkes, innerlichstes Dauerleben einhauchte, sie nicht zur vollen Erfüllung ihres Wesens reif machte. Die Fähigkeit, uns in üutt zu versenken, uns liebevoll in den Mitmenschen einzufühlen, unserem Leben Stil zu geben, entschwand uns und — wir merkten es nicht. Oder taten so, als ob wir es nicht merkten. Gestehen wir doch endlich unsere Verfehlung vor Gott und den Menschen! Begnügen wir uns nicht mehr mit der formalen Befolgung des Gesetzes, sondern suchen wir beb seiner Erfüllung fiebernd die Nahe Gottes! Suchen wir Ihn in Gemeinschaft und in Einsamkeit! Huldigen wir Ihm im einfachen Wort und in grober Kunst! Verhalten wir uns zu Freud und Leid unserer Mitmenschen nicht mehr mit Lässigkeit oder Neugier, sondern mit herzlichem Mitgefühl und mit williger Tat! Lernen wir, sowohl im Materiellen als im Geistigen, alle Unsauberkeit. alle l'ngeordnetheit und Undisziplin und alle Unbekümmertheit um Adel der Lebensführung als Gotteslästerung empfinden! Die Entschlossensten aber unter uns, denen solches Streben persönliche Notwendigkeit geworden ist, sollensichzuGruppenzusam mensch ließen, und in gemeinschaftlichem Ringen ein Lebensbeispiel der Erneuerung jüdischer Gottinnigkeit, jüdischer Barmherzigkeit und jüdischer Schönheit schaffen. Sünde war es, daß wir ruhig zusahen, wie unser Volk in beispielloser Ausschlielihchkeit zu einem Volke des Handels, der Stadt, der GroUstadt, der Weltstadt wurde und wie dermaßen in ihm jene Mentalität gezüchtet wurde, die zu seiner Berufung im schroffsten Widerspruch steht, es am stärksten hindert, sich ihr zu widmen. Wir müssen diese Sünde nicht nur bekennen, nicht nur Verzeihung für sie erbitten, sondern auch daran gehen, sie in tätiger Reue zu überwinden. Wir dürfen uns nicht an alle die Einwände kehren, die Schwerfälligkeit und Verbohrtheit gegen die Notwendigkeit einer weitgehenden Berufsumschichtung innerhalb des jüdischen Volkes aushecken. Es fällt niemandem ein. alle Städte vom Erdboden weg zu wünschen. Dali es Städte geben muß und daß sie eine große Kulturaufgabe erfüllen, ist klar. Es heißt jedoch nur gute Miene zum bösen Spiel oder aus der Not eine Tugend machen, wenn man sich und den anderen einreden will, daß das Weltstädtertum ein Glück für die Juden ist und wenn man bei der Charakterisierung der heutigen Weltstädte ihre vom Standpunkte religiöser Läuterungssehnsucht unerträglichen Eigenschaften, ihren katastrophalen Einfluß auf die jüdischen, wie übrigens auch auf die anderen Menschen einfach unterschlägt. Es fällt auch niemandem ein, den Kaufmannsstand an sich zu diffamieren und Handwerker und Bauern zu idealisieren, Es ist vielmehr nur die in der Weltgeschichte beispiellose kaufmännische Einseitigkeit und Inzucht im jüdischen Volke, auf die hingewiesen wird — jene Einseitigkeit und In- 101