Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 3 (8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 73 (sequence 7)
- Belongs to
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Ein kennzeichnendes Beispiel hierfür ist das Verhältnis aueb weiter orthodoxer Kreise in der unmittelbaren Vergangenheit und in der Gegenwart zu den Jeweils giltigen geistigen Strömungen in der nichtjfldischen Umgebung. Wie auffällig einfach ist man da mit ihrer Legitimierung aus der Heiligen Schrift zur Hand, wie gar so natürlich ergeben sich theoretische Ableitungen aus Ihr. Wie gar so selbstverständlich dünkt so manchem braven orthodoxen Bürget der Gegenwart sowie den ihn mit Druckerzeugnissen bedienenden Schriftstellern und Journalisten die Verwandtschaft zwischen sozialistischen Ideen und der absoluten Gerechtigkeitsforderung des Judentums, zwischen materialistischem Pazifismus und passend gewählten Prophetenworten, zwischen dem Zion der Bibel und dem Zion seines jeweiligen Parteiprogramms. Und alles das, während sie zur gleichen Minute einerseits den alten und den neuen Liberalismus aufs schärfste verurteilen, die aus der Heiligen Schrift verschwommene Menschheitsphrasen herauslesen und Assimilationswünsche hineininterpretieren, und während sie andererseits den modernen Nationalismus, der das wahre Jüdische Volkstum zugunsten eines nach fremder Idee erst zu schaffenden aufgeben wollen, als ärgste Assimilation brandmarken. Hier, auf diesen beiden Gebieten, bereitet die Prüfuug allerdings Keine Schwierigkeit. Hier, wo sich die mannigfachsten Uebereinanderschichtungen und Durcheinandetschiebungcu aus der Fremde übernommener Ideen und Lebensinhalte mit den fremden Lebensformen folgerichtig zusammengefunden haben, lassen sich Ja kaum noch Elemente aussondern, die dem Maßstab des Judentums entsprechen. Aber natürlich machen es weder diese, noch der beste Wille zu irgend einem neuen Wunschjudentum, noch die schönste Berufung auf „Urjüdlsches" möglich, den liberalen und nationalistischen Schichten — von verschiedenen ncureligösen bis „europaisrlschen" Färbungen — die innigste Wesens- und Lebensgemeinschaft in der fast vollständig durchgeführten Assimilation abzusprechen. Daß Ihr absolutes Aufgehen in der Umwelt noch nicht stattgefunden hat, ist ebensowenig wie der Widerstand dieser Umwelt und ebensowenig wie der noch vorhandene Lebens- und Erhaltungswllle eine Tatsache, die etwas gegen das weite Fortgeschrittensein der Assimilation oder gar gegen ihre gänzliche Vollziehbarkeit besagt. Es handelt sich dabei nur um das retardierende Moment des noch existierenden wahren Jüdischen Volkes, das eben Jenen Schichten körperlich und geistig die Gnadenfrist verlängert. Aber einerseits können sie sie letzten Endes doch nicht vor dem