Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 2 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 62 (sequence 30)
- Belongs to
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Manschen untereinander, die, im ganzen besehen, Gleichartigkeit der Liebenden voraussetzt und einer weltenweiten Distanz zwischen ihnen widerspricht. Die Liebe zu Gott ist eben ganz anderer Wesens art Sie ist die Gegenliebe zu jener Liebe, die von Gott über die Well und namentlich Uber das tauglichste Objekt, den Menschen, strömt. Sie ist die heisse Rückstrahlung des empfangenen Liebesstoffes, ehe er sich für seine Erdenauftrabe verirdischt und verteilt hat. Die Schauer der Liebe Gottes selbst haben sie berührt. ■i. AUSDRUCKSARTEN. Die Demut vor Gott und die Liebe zu ihm sind tief innerliche seelische Vorgänge, die an sich von sichtbaren Ausdrücken unabhängig sind. Nicht weil man sich in einer bestimmten Art verhält, ist man demütig vor Gott und liebt ihn, sondern weil man demütig vor ihm ist und ihn liebt, verhält man sich in dieser bestimmten Art oder sucht man sich so zu verhalten. Befolgung der göttlichen Gebote inbezug auf das Verhalten des Menschen gegen sich, die Nebenmenschen, die Tiere und Dinge ist allenfalls eine Folge und ein Beweis der Demut vor Gott und der Liebe zu ihm, aber nicht deren eigenster Ausdruck. Von einem solchen kann nur gesprochen werden, wenn diese tief innerlichen seelischen Vorgänge selber nach aussen sichtbar gemacht werden. Du» Gebtot. Die unmittelbarste, persönlichste Art dieser Sichtbarmachung ist das Gebet, die Wort gewordene, in Rede dahinströmende demütige und liebesinnige Hingabe an Gott. Das Gebet ist seinem tiefsten Wesen nach nicht Bitte. Die Bitte mag im Strome des Gebetes, der Anbetung Gottes mitströmen, sie mag sogar in diesem Strome für eine Weile am stärksten aufrauschen, aber sie darf nicht, bloss ihrem Zwecke hingegeben, den Ursinn des Gebetes: Betätigung der Demut vor Gott und der Liebe zu ihm verleugnen. Tut sie es, dann hat sie das Gebet als solches aufgehoben. Wer unter den vorgeschriebenen, überlieferten Gebeten gerade diejenigen besonders eifrig verrichtet, die seine persönlichen Belange betreffen und damit die Gebete zurücksetzt, die dem Bekenntnis oder der religiösen Erinnerung oder gar der Anbetung und dem Preise Gottes gewidmet sind, verrät Mangel an Demut vor Gott und an Liebe au ihm. Und dieser Mangel wird noch offenbarer im spontanen Gebet — wenn der Beter die Wahl des Inhalts hat und doch selten innige Worte des Dankes und der IjObpreUur.g, sunden fast immer nur persönliche Bitten au Gott richtet. Denn so notwendig auch unser Glaube an die spezielle Vorsehung (HatckgocKo protis) ist und so sehr wir auch berechtigt sind, auf Gott vertrauend ihm bittend zu nahen, so ist doch die Demut des 62